Von der Geschichtsschreibung ignoriert

Wiederholungsgefahr Die Filmemacherin Alinda Dimitriou erinnert an das Schicksal griechischer Aktivistinnen
| Ausgabe 15/2013

Die drittstärkste Partei Griechenlands ist inzwischen die rechtsradikale Goldene Morgenröte: 2012 konnte sie ihren Umfragewert in nur vier Monaten verdoppeln. Im angeschlagenen Wirtschaftskrisenland droht sich Geschichte zu wiederholen. Wohin eine Machtübernahme durch die rechtsradikale Partei führen könnte, daran erinnert Alinda Dimitrious Trilogie über politische Aktivistinnen in Griechenland seit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die 79-jährige Filmemacherin war ein Kind, nicht älter als acht, als Griechenland 1941 von den Nazis besetzt wurde und sich als Reaktion darauf die Griechische Volksbefreiungsarmee (ELAS) bildete. Trotzdem könnte ihr Dokumentarfilm Birds in the Mire auch von ihr handeln. Denn die 33 Protagonistinnen ihres Films waren in den Besatzungsjahren nur wenig älter als Dimitriou. Ihr Alter spielte keine Rolle, sie alle hatten sich der ELAS angeschlossen, um aktiv gegen die Besatzung vorzugehen.

Mädchen am Pranger

Ihr Alter spielte auch keine Rolle in den Augen der politischen Gegner: Als der Krieg vorbei war, wurden die Partisaninnen, die überlebt hatten, von der rechten Übergangsregierung an den Pranger gestellt.

Davon handelt Among the Rocks, der zweite Teil von Dimitrious Aktivistinnen-Trilogie. Hier lässt die Regisseurin Frauen zu Wort kommen, die den griechischen Bürgerkrieg überlebt haben. Sie schildern, wie die rechte Regierung gegen linksgerichtete Gruppen vorging, wie junge, minderjährige Mädchen eingesperrt, vergewaltigt und schwer misshandelt wurden. Mit The Girls of the Rain macht Dimitriou einen Zeitsprung, erzählt von den Opfern der rechtsgerichteten Militärregierungen, die Griechenland seit dem Putsch am 21. April 1967 beherrschten. Ein Happy End gibt es für die Widerstandskämpferinnen nur insofern, dass sie die harten Jahre der Verfolgung überlebt haben und davon berichten können. Von den Geschichtsschreibern ignoriert, setzt Dimitriou ihnen mit ihren drei Dokumentarfilmen ein Denkmal.

Auf dem Berliner Filmfestival Globale werden die drei Filme der unabhängigen Regisseurin gezeigt. Zu der Vorführung des Abschlussfilms The Girls of the Rain wird am Sonntag auch die Publizistin Nadia Valavani erwartet. Mit 19 kam sie wegen ihrer Teilnahme am Widerstand gegen die griechische Militärjunta ins Gefängnis. Als unabhängiges Mitglied von Syriza, dem Wahlbündnis linker Parteien in Griechenland, gilt Valavani als scharfe Kritikerin der EU-Krisenpolitik und fürchtet um den Aufschwung rechtsradikaler Parteien in ihrem Land. Ihre persönliche Lebensgeschichte dient als Zeugnis: In Dimitrious drittem Teil erzählt sie als eines der Rain Girls über ihre Jahre als Strafgefangene. Die Lage in Griechenland beschrieb sie vor zwei Jahren auf einer Protestveranstaltung der Linken als die schwierigste „seit der Zeit der Nazi-Besetzung und des Bürgerkrieges“.

Alinda Dimitrious Trilogie ist im Rahmen des Globale Filmfestivals Berlin am 13. (Teil I & II) und 14. April (Teil III) im Eiszeit-Kino zu sehen. Genaue Termine unter globale-filmfestival.org

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