Ein Wort an die Herrn „Kommunisten“

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"Am meisten haßte ich den Hegelianismus und die Dialektik." (Gilles Deleuze)

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Bitte nehmt zur Kenntnis: Es gibt Menschen, die sagen, wir sind links, weil wir das Denken in Differenzen gelernt haben, „weil wir mit dem radikalsozialistischen (und auch ‚kommunistischen’) Begriff keinen Dialog führen, denn wir haben gelernt, dass man das Wesentliche bereits zugestanden hat, wenn man diesen Dialog anknüpft, nämlich die Setzung des Begriffs selbst und seine ‚repressiven’ Folgen... weil wir aus dem Sperrgürtel des Systemdenkens ausgestoßen sind“*, aus der ganzen eschatologischen pseudo-Theologie, aus dem „Wir hier“ und „Die da drüben“, aus dem Terror der Zeitform der kommunistischen Partei (in welchem aktuellen Organisationsgrad auch immer) des „Wir werden schon immer Recht gehabt haben“ (futurum exactum), aus dem Denken, das den Menschen auf Zwecke, auf teleologische Endzwecke hin ausgerichtet sieht (und ihn auch so behandelt hat und immer behandeln wird!), weil es da ja angeblich nur den „Herr“ und den „Knecht“ und die – vermeintlich – objektiven Bewegungsgesetze in der „Geschichte“ gibt.

Diese ganze alles zermalmende und alles einebnende „Hegelei“ (Heinrich Heine), von Marx eben trotz gegenteiliger Behauptung nur notdürftig vom Kopf auf die Füße gestellt, trägt den Terror in sich, den „linken“ Terror - ja, den es objektiv gegeben hat und der sich durch den Terror des Kapitals eben keinen Deut relativiert! -, der Terror der aus dem „Wir brauchen noch ein wenig, bis der Mensch für unsere Wahrheiten so weit ist“ entsteht – egal ob leninistisch, trotzkistisch, maoistisch, stalinistisch***** oder wie auch immer strategisiert -, dieser Terror – noch einmal – den Menschen als Zweck zu betrachten – brave new world, „Oh, schöne neue Welt, die solche Bürger trägt“ (Shakespeare), die nur eine Funktion für den Telos zu sein haben.

Wenn dann nur das „Gute“ und „Böse“ fein sortiert sind, in dieser binären Codierung, wenn es dann nur das „Richtige“ und das „Falsche“ gibt, das „Wir hier“ und „Die da drüben“, dann gibt ja wenigstens noch die „linke“ „Identität“ obendrein. Und so gibt es denn wohl „kein richtiges Leben im Falschen“, sondern nur noch die „Negative Dialektik“, als die Hegelianische Variante von Nietzsches Befund des „Nihilismus“. Doch der hatte wenigstens noch erkannt: „’Jenseits von Gut und Böse’... Dies heisst zu Mindest nicht ‚Jenseits von Gut und Schlecht’“.***

Und dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte ist, nicht sein wird und sein kann, ist uns bekannt, meine Damen und Herren! Und, wenn ihr verstehen würdet, dass es eben darum darauf ankommt, die Welt zu bauen, statt sie zu beherrschen – und sei es nur im Phantasma eures „Sperrgürtels des Systemdenkens“ -, dann würdet ihr vielleicht das Vermögen (potentia) nicht mehr ständig mit der Gewalt (potestas) verwechseln (oder wie Friedrich Engels die substantia – das Zugrundeliegende – mit der Materie).

Und darum auch ist der sozialistische Weg zum Kommunismus vollständig gescheitert, an den eigenen nicht mehr hinterfragten Prämissen der Beschreibung der Welt und des Menschen auf Zwecke und teleologische Weltbilder hin: „Missgeburt des Dialektischen Materialismus!“** Da helfen auch keine sturen Selbstbestätigungen im sozialistischen Salon mehr, die am Ende nur schräge Subjektivitäten – der „Knecht“, das „Wir hier“ – bei den vielen Menschen (die soviel Hoffung in die „Linke“ setzen) produzieren, die in der Konsequenz ähnlich schlimm sind, wie die, die die workfare-Programme produziert haben. Und geht uns bloß weg mit dem Vorwurf des „Anti-Kommunismus“, diesem Taschenspielertrick, um den „Kommunismus“ dann doch noch für sich reklamieren zu können! Dieses vermeintliche copyright - ebenso wie das für „Anti-Kapitalismus“ - ist schon längst open source. Und am Ende sei daher auch euch die Einsicht zu wünschen: Auch die Grenzen eurer Sprache bedeuten die Grenzen eurer Welt.****

http://2.bp.blogspot.com/_fWiTvDHdDeA/SGkBoli8P7I/AAAAAAAABjE/5BQWRu8qQOA/s320/Pink-panther-pic.gif Erst eine solche Einsicht eröffnet dann überhaupt erst einen Weg zur Emanzipation des Menschen: „Wir müssen unseren Weg abstecken, und zwar nicht die Grenzen unseres Imperiums, sondern unsere Fluchtlinien, wie Deleuze sagt.“* Die der Philosophie eigene Radikalität des Denkens lässt sich eben nicht ersetzen durch die Anordnung – der Partei oder von wem auch immer - eines Denkens der Radikalität.

* J.-F. Lyotard: Economie libidinale, 1974
** A. Negri: Die wilde Anomalie, 1982
*** Zur Genealogie der Moral, 1887
**** L. Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus, 1921
***** Auf Hinweis von "objektiv" nachträglich und logischerweise eingefügt

12:57 13.06.2010
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Geschrieben von

Robert Zion

Gruenen-Politiker, Publizist
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Robert Zion

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