Führer der Verwirrten

Säkularismus [‏מורה נ ו כים‎] [דלאל̈ה אלחאירין] [‏دلالة الحائرين‎]
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Von Robert Zion

Wenn es etwas in der deutschen Medienlandschaft und ihrer netzmäßig angeschlossenen Vervielfältigungs- und Beschleunigungsmaschinerie gibt, was in seiner hartnäckigen Wiederkehr so sicher ist, wie das Amen in der Kirche, dann sind dies Debatten darüber, was man moralisch betrachtet darf und was man nicht darf - also über die Religion (der Anderen).

Schließlich ist man nicht in ein Land, sondern in die Zumutung hineingeboren worden, als Landsmann und –frau die Veranwortung für etwas tragen zu müssen, das einmal geschehen ist, und das ein Land auf gar keinen Fall hätte tun dürfen, moralisch betrachtet. Das, so denken es viele und sagen es auch viele, wird ja man wohl noch sagen dürfen! Die Anderen - also die Religiösen - mögen in andere Zumutungen hineingeboren worden sein - beispielsweise in ein Volk, dem etwas zugefügt worden ist, was man ihm auf gar keinen Fall hätte antun dürfen -, doch das dürfen sie ja auch sagen. Das hilft ihnen zwar nicht weiter in dieser Zumutungsgemeinschaft der Einen und der Anderen, aber es hält zumindest die Debatten darüber, was man moralisch betrachtet darf und was man nicht darf, am Laufen - Debatten über das Hier und das Anderswoland der Anderen sowieso.

Kommen dann noch die ganz Anderen hinzu, denen gegenüber man folglich ein ganz besonderes Bedürfnis empfindet, eine Debatte zu führen, was man moralisch betrachtet darf und was man nicht darf, dann scheint – moralisch betrachtet – die Zumutung komplett. Denn wie sollen die Einen mit den ganz Anderen eigentlich eine Debatte darüber führen, was man moralisch betrachtet darf und was man nicht darf, wenn die Anderen das, was die Einen ihnen nie hätten antun dürfen, ständig sagen dürfen? Und das - bitteschön - wird man wohl doch noch sagen dürfen! Haben dann noch die Anderen mit den ganz Anderen in Anderswoland ganz eigene Probleme damit, was man – moralisch betrachtet – darf und was man nicht darf, dann ist nicht nur die Zumutung, sondern auch die Verwirrung komplett.

Besser dann, man - also die Einen - sprechen gleich von allen. Das löst zwar real nicht die Verwirrung, aber für die Einen zumindest die Zumutung der Anderen und deren Probleme mit den ganz Anderen auf, moralisch betrachtet. Das Alle ist die Lösung. Für die Einen. Dann kann man endlich seine Lieblingsdebatten darüber, was man moralisch betrachtet darf und was man nicht darf - also über die Religion - ohne Zumutungen führen. Über die Religion der Anderen und der ganz Anderen natürlich, moralisch betrachtet.

Was für eine Zumutung, dieses christliche Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts!

[Ergänzung 09.01.2013]
Die Zumutung ist nicht neu und so alt wie die Aufklärung in Deutschland. Der Radikalaufklärer Johann Christian Edelmann (1698-1767) sah sich bereits dazu genötigt, "unsere gantze atheistische Christenheit* in alle ihren Schmieralien zusammen" anzuklagen. (Zitiert nach: Jan-Hendrik Wulf: Spinoza in der jüdischen Aufklärung, Berlin, Akademie-Verlag, 2012).
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* Auf heute und Deutschland bezogen wäre es vielleicht angemesserner vom "christlichen Atheismus" zu sprechen, wenn nicht gar vom protestantischen.

18:57 08.01.2013
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Geschrieben von

Robert Zion

Gruenen-Politiker, Publizist
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Robert Zion

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