Postfaktische Wahrheiten

Fake News Pegida-Proteste, Trumps Präsidentschaft und Brexit-Kampagne: Es gibt kaum ein politisches Ereignis, dass nicht von Desinformation der Bürger geprägt ist
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Misstrauen in die Medien, Einschränkungen der Berichterstattung, Beschimpfungen, Bedrohungen und sogar Mord scheinen mit den jüngsten politischen Konflikten in den USA und Europa einherzugehen. Pegida-Proteste, Trumps Präsidentschaft und Brexit-Kampagne, es gibt kaum ein politisches Ereignis, dass nicht von aktiver Manipulation und Desinformation der Bürger geprägt ist.

„Die Menschen in Großbritannien haben genug von Experten“: Mit diesem Satz reagierte 2016 der damalige Justizminister Michael Gove auf die Aufforderung von Journalisten, zu der dubiosen und wenig substanziellen Aussage der ‚Vote Leave‘-Kampagne Stellung zu beziehen, Großbritannien überweise jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU. Gove stellte damit jegliche evidenzbasierte Politik in Frage.

Rudy Guiliani – Trump-Unterstützer und Mitglied im Team der Rechtsanwälte des Präsidenten – überraschte kürzlich im Zusammenhang mit der Russlandaffäre mit der Aussage, dass es nicht die Wahrheit, sondern viele mögliche Wahrheiten gibt. Sollte sich Trump in einem juristischen Prozess verantworten müssen, so stehe der Wahrheit des einen die Wahrheit des anderen gegenüber. Eine Situation in der es keine Lügen, kein Richtig und kein Falsch gibt. Postfaktisch!

In Deutschland ist das Hinterfragen von Expertenwissen und medialer Berichterstattung fester Bestandteil rechtspopulistischer Politik. ‚Die Medien sind nicht frei, sondern werden von gesellschaftlichen Eliten für ihren eigenen Machterhalt instrumentalisiert‘, tönt es lautstark aus der ganz rechten Ecke. Auch hier wird die Wahrheit des einen der Wahrheit des anderen gegenüberstellt.

Fühlen sich die Menschen vor lauter Wahrheiten überhaupt noch in der Lage, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden? Eine Ipsos-Studie in 27 Ländern ergab, dass 30% der Deutschen, 54% der Briten und sogar 61% der Amerikaner der Meinung sind, dass Nachrichtenagenturen häufig Falschmeldungen bewusst in Umlauf bringen. Desweiteren ist ein beträchtlicher Teil der Menschen (47% im globalen Durchschnitt) der Ansicht, ihre Mitbürger seien nicht im Stande, Wahrheit oder Unwahrheit zu erkennen. Gerade in westlichen Demokratien wie Schweden, Deutschland, Italien, Großbritannien und den USA überwiegt der Anteil derer, die daran zweifeln, dass ihre Mitmenschen Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden können. Besonders überraschend ist die Selbsteinschätzung der Deutschen: Weniger als die Hälfte (47%) sind der Überzeugung, sie seien in der Lage, Falschaussagen zu identifizieren. In den USA, Großbritannien und Australien sind immerhin zwei Drittel der Befragten dieser Meinung, also signifikant mehr als hierzulande.

Bedrückend ist, dass sich die Menschen wenig Sorgen darüber machen, ob sie Fake News konsumieren. Weltweit sind fast zwei Drittel der Befragten der Meinung, den Menschen im eigenen Land ist der Unterschied zwischen Fact oder Fiction relativ egal, in Deutschland sind es 62%, in Großbritannien 66% und in den USA sogar 68%.

Obwohl es große Unterschiede zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung gibt, bleibt festzustellen, dass gut ein Fünftel der Deutschen nur wenig über den ‚Tellerrand schaut‘ und sich überwiegend mit Gleichgesinnten austauscht. Sollen Befragte ihre Landsleute bewerten, ergibt sich ein äußerst negatives Bild: 77% der US-Amerikaner sind der Überzeugung, dass ihre Mitbürger in einer Informationsblase leben, in der vorgefertigte Meinungen permanent bestätigt werden. Obwohl signifikant weniger, denken dies in Deutschland immerhin noch 55% der Bundesbürger.

In den Ipsos Daten wird eine Resignation vor der Komplexität der Lebenswelten und dem Datenüberfluss in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft ersichtlich, in der es schwer fällt, sich in verschiedene Expertensysteme in Politik und Wirtschaft hineinzudenken. Während sich Informationskanäle multiplizieren, verlieren Staat, Wissenschaft und traditionelle Medien die Informationshoheit. Sich emotionsgetriebenen Meinungsbildern hinzugeben, welche unmittelbare Erlebniswelten mittels leicht zugänglicher, bipolarer Gegenüberstellungen wie Opfer-Täter, Eliten-das Volk, Inländer-Ausländer gestalten, ist dabei eine einfachere Lösung als die Wahrheit unter vielen möglichen Wahrheiten – um bei Rudy Giuliani zu bleiben – zu finden. Dort setzt der Populismus an.

00:10 06.09.2018
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Geschrieben von

Robert Grimm

European liberal mit Sinn für Humor
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