Der Lehrer als Coach

Optimierung Schülerinnen und Schüler sind heute die Ich-AGs ihres Wissens. Sie lernen vor allem das, was sie für den Arbeitsmarkt gebrauchen können
Der Lehrer als Coach

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag, Material: Getty Images

Die berühmteste Kritik des Bildungssystems im späten 20. Jahrhundert stammt aus der Popkultur. In Pink Floyds Hit Another Brick in the Wall aus dem Album The Wall von 1979 singt ein Kinderchor machtvoll: „We don’t need no education / We don’t need no thought control / No dark sarcasm in the classroom / Teachers leave them kids alone.“

Zwar drangsalierten Lehrer ihre Schüler 1979 nicht mehr mit dem Rohrstock, ihre Autorität wurde trotzdem radikal infrage gestellt. Schon die „Fremdgesetztheit der Erziehungsziele“ sei ein Hemmschuh kindlicher Befreiung aus der Unmündigkeit – so die These eines Aufsatzes von 1981 mit dem Titel „We don’t need no education …“

Die marxistische Erziehungstheorie kritisierte jede Form von Autorität und erhob, wenn man so will, das ungehorsame Kind zum letzten Statthalter des Klassenkampfes. Die Kritik am Lehrer als Erfüllungsgehilfen der Anpassung beruhte insgeheim auf der romantischen Auffassung von der schlummernden Kreativität im Kind, die man nur wecken müsse. Die Ironie ist, dass das, was einst im Namen des Widerstandes gegen die Fremdbestimmung begann, sich heute im Interesse seiner marktwirtschaftlichen Optimierung fortsetzt.

Lehrer werden zunehmend als Lernbegleiter konzipiert, die den Schülern nicht als Autoritätsperson gegenüber-, sondern als Helfer (oder Coach) zur Seite stehen. Zugleich werden die Schüler immer mehr zu Ich-AGs des Wissens erklärt, die als „edupunks“ und „edupreneurs“ – wie es in diversen Bildungsutopien der USA euphemistisch heißt – mittels Lernsoftware selbst entscheiden, was, wann, wo, wie lange und mit wem sie lernen. Diese Neubestimmung des Bildungsraumes wird nicht nur als Selbstermächtigung der Schüler gepriesen, sondern auch als demokratisierter Zugang zur Bildung – selbst für Kinder in Afrika, die in diesem Kontext oft lachend an Tablets gezeigt werden.

Theorie der Halbbildung

Natürlich lässt sich die Rede von der Selbstbestimmung und Demokratisierung der Bildung im Zeichen von E-Learning und Online-Campus leicht als moralische Aufwertung wirtschaftlicher Interessen abtun, insofern hinter ihr der Drang von IT-Unternehmen auf den milliardenschweren Bildungsmarkt steht. Zugleich äußert sich hier der typische Utopismus von Softwareingenieuren, soziale Probleme mit technischen Mitteln lösen zu können. In jedem Fall aber ist Vorsicht geraten, wenn die Rollenverschiebung mit dem Spruch einhergeht, man lerne nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Auch wenn dieser Spruch bei Schülern äußerst beliebt ist, sie müssen vor ihm geschützt werden. Denn man lernt nicht automatisch für das Leben, wenn man nicht für die Schule lernt. Man lernt dann oft einfach nur noch für die Arbeit.

Die Kritik, dass autoritäre Lehrer in „Paukschulen“ ihre Schüler mit „totem Wissen“ drangsalieren, mag nicht selten berechtigt sein. Sie wird jedoch problematisch, wenn sie zugleich das Bildungssystem auf die Schaffung qualifizierter Nachwuchskräfte für den Arbeitsmarkt der Zukunft verpflichtet mit der Konsequenz, dass die MINT-Fächer gegen die musischen ausgespielt werden und Lehrer begründen sollen, warum es für die Schüler wichtig ist, dieses Gedicht oder jenes historische Ereignis zu kennen.

Der utilitaristische Kompetenzbegriff beherrscht zunehmend die Bildungspolitik. Er bestimmt selbst die Medienbildung, die auf den effektiven, gefahrlosen Einsatz digitaler Medien orientiert, nicht aber auf die Diskussion ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen. Eine solche Ausrichtung widerspricht nicht nur dem Humboldt’schen Bildungsideal, sondern auch dem Erziehungsideal des mündigen Bürgers im Kontext der Kritischen Theorie. Dabei geht es nicht nur, wie man vermuten mag, um politische Aufklärung und Engagement. Es geht auch – und in erster Linie – um das Schreiben von Gedichten.

Die Schule, so Adorno in seiner Theorie der Halbbildung (1959), muss dem Heranwachsenden zunächst einen Schutzraum bieten vor den überstürzten Anforderungen der Welt, seine Brauchbarkeit in ihr zu beweisen. Wer als Junge nicht träumt, ein großer Dichter zu werden, so Adorno, wird als Erwachsener kein großer Ökonom. Bereits in der mit Max Horkheimer 1944 geschriebenen Dialektik der Aufklärung heißt es, Wissen werde „zur bloßen Qualifikation auf spezifischen Arbeitsmärkten und zur Steigerung des Warenwerts der Persönlichkeit eingespannt“. (...) „Wer noch weiß“, so Adornos Kritik an der Halbbildung, „was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gut bezahlte Stellung als Texter finden.“

Der Blick in die Vergangenheit bezeugt einerseits, wie alt die Klage über den Niedergang der Bildung ist und wie relativ jeder aktuelle Alarmismus. Zum anderen gewinnt ein Detail in Pink Floyds Video eine tiefere Bedeutung: Wenn der Lehrer Pink mit dem Rohrstock züchtigt, geschieht dies, weil Pink im Mathematikunterricht heimlich Gedichte schrieb. Ist ein größerer Widerspruch denkbar als der Versuch, die Welt in eigene Worte zu fassen, und die Aufforderung, ihre unumstößliche Verfasstheit als Zahl zu akzeptieren?

Die Aktualität des eingangs zitierten Refrains erweist sich somit in paradoxer Form: Ja, die Lehrer sollen die Kinder in Ruhe lassen, wenn sie Gedichte schreiben – oder sonst ihrer Kreativität Ausdruck geben wollen. Aber zur Entwicklung dieses Potenzials braucht es durchaus Bildung: die Beschäftigung mit Gedichten (oder was immer es ist), selbst wenn die Schüler, ihre Eltern und die Advokaten der digitalen Bildungsrevolution darin nur totes Wissen sehen mögen. Denn nur im Schutzraum Schule lernen wir für ein Leben, das über die Arbeit hinausgeht. Die Lehrer wissen, wenn sie gut sind, wo wir suchen müssen.

Roberto Simanowski ist Kultur- und Medienwissenschaftler. Die hier skizzierten Überlegungen werden in seinem Buch Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft ausführlich diskutiert

06:00 13.09.2018
Geschrieben von

Roberto Simanowski

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