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Road-Movie Das Abenteuer geht weiter
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Ich habe um 20:00 Uhr am Velencei-to mein Zelt im Schilf aufgestellt. Kurz darauf kam ein Typ (wahrscheinlich ein Angler, von denen es in diesem Land sehr viele gibt) vorbei und sprach Ungarisch mit mir. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, meinte er, hier sei Zelten strengstens verboten, zeigte in die Ferne, erzählte etwas von irgendwem, der irgendwas regelmäßig kontrolliert, währenddessen befummelte er meine Zeltstange und schüttelte besorgt den Kopf. Erst eine Stunde später, als ein gewaltiges Gewitter aufzog, ein starker Regen mit Blitz und Donner über mich hereinbrach, ahnte ich, dass der Typ mich vor der Gefahr eines Blitzeinschlags gewarnt hatte, und machte mir ernsthaft Sorgen um mich. Denn gegrillt und verschmolzen mit meinem Zelt wollte ich keinesfalls enden. Also kroch ich heraus, stellte mein Fahrrad etwa fünfzehn Meter von meinem Zelt entfernt weg, und hoffte, es würde mir im schlimmsten Fall als Blitzableiter dienen. Der Regen hielt die halbe Nacht an, in der ich mir mit voller Hingabe und Begeisterung das Buch "Einbruch in die Freiheit" von Jiddu Krishnamurti reingezogen habe, in dem es darum geht, wie man es schaffen kann, das eigene Dasein und die Umwelt täglich als etwas Neues, Unbekanntes zu erleben, als irgendwann ein Donner niederging, der mich glauben ließ, der ganze Planet sei explodiert oder mein Fahrrad zehn Meter tief in einem Loch aus Glas verewigt. Nachschauen wollte ich nicht, manchmal muss man die Wirklichkeit ignorieren. Am nächsten Morgen um sechs Uhr regnete es nicht mehr, doch der Himmel war ein hängendes Meer, unter dem ich mich nicht mehr länger als nötig aufhalten wollte. Ich packte das nasse Zelt und meine anderen Klamotten ein und radelte so schnell ich konnte in die nächstbeste Kneipe, in der ältere Männer schweigend ins Bierglas glotzten. Ein Frühstück bekam ich da leider nicht, doch immerhin einen Kaffee mit Sahne. Ich enschied kurzerhand, meine Fahrradtour zu beenden, buchte noch für den gleichen Tag einen Flug von Budapest nach Düsseldorf, setzte mich in einen Zug und war eine Stunde später in Budapest und um Mitternacht zuhause in Köln, wo ich mich jetzt (mehrere Tage später) frage, was ich hier im verregneten Deutschland überhaupt soll, außer zu schreiben. Immerhin habe ich übermorgen ein Vorstellungsgespräch bei einer Stiftung, die Leute sucht, die bereit sind, mit verhaltensauffälligen Jugendlichen auf Reisen zu gehen. Wenn die einigermaßen gut bezahlen und mich wollen, dann mache ich das. Außerdem hat mich vor ein paar Tagen ein Herr Escher aus Wien angeschrieben, der das Projekt "I lost my Job ... " leitet, er möchte mich kennenlernen, was mich dermaßen gerührt hat, dass ich es noch gar nicht glauben kann. Blöderweise müsste ich dafür wieder nach Wien, wo ich gewissermaßen gerade herkomme. Doch auch das werde ich machen. Eine Chance ist eine Chance. Drückt mir die Daumen.

11:06 09.07.2016
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Geschrieben von

Robin Becker

Ich bin Sozialpädagoge, Schriftsteller (Romane: "Das Kino bin ich", "Fortbildung bei Gott", "Komfortzone") und vieles mehr.
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