Köln-Blog die Zweite!

Harald Schmidt und ich Auf offener Straße
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Gestern war mal wieder einer dieser filmreifen Tage, um nicht zu sagen, ganz großes verregnetes Kino. Harald Schmidt saß mit einem Freund in meinem italienischen Cafe an der Neusserstraße. Ich wollte eigentlich einkaufen gehen, habe mich dann aber spontan dazu durchgerungen, mich mit Zeitung und Cappuccino an den Nebentisch der beiden zu setzen. Der halbgare Plan war, ich wollte mit Harald ins Gespräch kommen. Also tat ich, als würde ich die Tageszeitung lesen und versuchte, trotz des Straßen-, Cafelärms und Regens dem Gespräch am Nebentisch zu lauschen. Haralds Freund redete ohne Unterlass und Harald sagte pro Minute etwa dreißig Mal „ja, ja“ wie die Spanier, die achthundert Mal am Tag si, si, si sagen. Das Gespräch war total belanglos, es ging um schöne Wohnungen und ich weiß nicht was. Wenn Harald etwas sagte, habe ich aufgrund seines Nuschelns überhaupt nichts verstanden. Aus der Zeitung erfuhr ich, das Götz George gestorben sei, was mir direkt Tränen in die Augen jagte, die ich gerade überhaupt nicht gebrauchen konnte. Links und rechts fallen sie, dachte ich, hoffentlich sieht man sich mal wieder. Ich befürchte aber, das ist eher unwahrscheinlich. Nach einer Stunde kannte ich die verdammte Zeitung auswendig und mir war von dem ganzen Mist, der in der Welt abging, übel geworden. Schließlich bin ich im REWE gegenüber einkaufen und nach Hause gegangen, ohne das ich oder sonst wer Harald angesprochen hatte. Zuhause angekommen, war ich enttäuscht von mir, bog es mir aber so, dass ich meinte, der Scheißharald kann mich mal, war doch gut, dass ich ihn quasi nicht beachtet und somit auch nicht belästigt habe. Doch schon im nächsten Moment änderte ich meine Meinung, holte mir die Flasche Barcadi hervor, macht mir eine Mischung mit Orangensaft, rauchte und trank flugs, packte mir eine Postkarte mit dem Dom drauf und meinen Schelmen-Roman „Das Kino bin ich“ in die Innentasche meiner Jacke und stiefelte zu dem Cafe zurück, wo der Harald immer noch saß. Aber kaum sah ich ihn da sitzen, verließ mich der Mut, dachte, der will bestimmt seine Ruhe haben, der Gute. Und nun lass mal gut sein. Und überhaupt, worum geht es hier? Suche ich nach Freunden oder Promis, die mich und meine Schreiberei unterstützen? Ja, du alter Halunke, du bist mal wieder auf deinen Vorteil aus. Sein nicht kindisch du alter Punk und geh nach Hause. Bestimmt fünf Minuten habe ich mich zwanzig Meter von dem Cafe entfernt vor der Sparkasse herumgedrückt, bis ich mir endlich einen Ruck gab und geradewegs auf die beiden zusteuerte. „Hallo“, sagte ich zu den beiden, die mich anschauten, als sei ich gerade vom Himmel gefallen. „Herr Schmidt, wären Sie so lieb und geben mir ein Autogramm?“
„Öh, ja, haben Sie was zum Schreiben?“
Ich gab ihm die Postkarte mit dem Dom drauf und bat die Kellnerin, mir einen Kugelschreiber zu geben, die lächelnd einen holen ging.
„Dass Sie so frei herumlaufen können, Herr Schmidt.“
„Ja, seit mich der Sender freigestellt hat, habe ich Zeit“, sagte er in Schmidt-Manier.
„Ich meinte eigentlich, dass die Leute hier nicht Schlange stehen, um ein Autogramm von Ihnen zu bekommen, wundert mich. Erkennen die Sie nicht?“
Er sah auf die vorbeieilenden Leute. „Doch, doch“, sagte er und nuschelte etwas über das Wetter, das ich nicht verstanden hatte.
„Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich auch berühmt geworden“, sagte ich und fand mich ungemein witzig. Und auch der Harald und sein Freund lächelten verschmitzt.
„Wie gesagt, das liegt am Wetter. Ich würde mir das also an Ihrer Stelle mit dem Berühmtwerden noch gut überlegen.“
Die Kellnerin reichte Herrn Schmidt den Kugelschreiber.
„Wie heißen Sie?“
„Robin Becker.“
Er nickte anerkennend und machte Laute, als hätte ich gesagt, ich könne fliegen und beschrieb die Postkarte.
„Heute ist der Fünfundzwanzigste oder?“, fragte er.
„Ja.“
„Nee, der Siebenundzwanzigste“, sagte Haralds Freund, woraufhin Harald die Zahl änderte und mir
die Postkarte, die er mit sympathisch kindlicher krakeliger Schrift beschrieben hatte, reichte.
„Danke … Darf ich Ihnen meinen kürzlich veröffentlichen Schelmen-Roman „Das Kino bin ich“ schenken?“
„Nein, bitte nicht“, sagte er. „Ich lese eh nichts.“
„Wenn Sie nicht wollen, dann nicht.“ Ich machte einen Schritt zurück, wünschte den beiden alles Gute, und ging wieder nach Hause.

11:10 11.07.2016
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Geschrieben von

Robin Becker

Ich bin Sozialpädagoge, Schriftsteller (Romane: "Das Kino bin ich", "Fortbildung bei Gott", "Komfortzone") und vieles mehr.
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Robin Becker

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