Der 8.Mai und der Deutsche Faschismus

Eine Polemik Wir feiern den 8. Mai 1945 als das Ende des Deutschen Faschismus. Haben wir aus der Geschichte gelernt?
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Wir Deutschen haben den Faschismus zugelassen, Millionen Menschen, die zu einer Minderheit gehörten, umgebracht und den Krieg begonnen. Diese Schande wird immer an uns haften.
Meine Scham, meine Trauer und mein Mitgefühl gilt allen, die unter Deutschland gelitten haben, wie auch denen, die heute unter Deutschland leiden.
Mit unserem Hang zu Hochmut, Verblendung und barbarischer Menschenverachtung hätten wir Deutschen den Faschismus nicht aus eigener Kraft besiegen können. Dass so viele andere Menschen ihr Leben für das Ende des Deutschen Faschismus gegeben haben, dagegen aber nur sehr wenige Deutsche ihr Leben für dieses Ziel eingesetzt haben, ist ein weiterer Grund zur Scham.
Aber dass die vielen anderen Menschen ihr Leben nicht umsonst gegeben haben, dass sie den Sieg davongetragen haben, erfüllt mich mit Freude und Hoffnung.

Der 8.Mai ist für mich ein Tag der Freude, des Gedenkens und der Dankbarkeit.
Mein Freude gilt dem Ende der Nationalsozialistischen Herrschaft. Mein Gedenken gilt den Millionen Opfern, denen wir Deutschen unsagbares Leid angetan haben. Mein Dank gilt allen, die ihr Leben eingesetzt haben, um die Welt gegen den Willen und gegen alle Kraft Deutschlands vom Deutschen Faschismus zu befreien.

Profitiert davon hat die ganze Menschheit. Aber niemand mehr als wir Deutschen.
Wer als Deutscher am 8. Mai nicht der Opfer gedenkt und den Sieg feiert, hat nichts verstanden oder ist ein Faschist.


"Das könnte uns heute nicht mehr passieren." - Wirklich?

Das Werkzeug des Faschismus ist die Einschüchterung. Auf der Seite der Bürger entspricht dem der Gehorsam, das Alles-mit-sich-machen-lassen. Sind wir besser als damals?

Was tun wir gegen die Bespitzelung durch unsere Geheimdienste, was gegen den Bundestrojaner und was gegen die Vorratsdatenspeicherung? Und was gegen das Scannen unserer Nummernschilder?
Wie viele Gesetze und Verordnungen werden jeden Monat erlassen, die die Möglichkeiten und Chancen einiger weniger Reichen verbessern, und wie viele, die die Möglichkeiten und Chancen der Bürger Lohnempfänger verbessern? Warum machen wir das mit?
Warum zwingen wir unsere Vertreter nicht, dafür zu sorgen, dass die Steuerschlupflöcher verschwinden und die Konzerne auch Steuern zahlen?
Warum ist es so einfach, uns Deutsche dazu zu bringen, uns von Teilgruppen zu entsolidarisieren? Warum stehen wir nicht alle auf, um gegen Alltagsdiskriminierung vorzugehen? Warum kämpfen wir nicht zu Hunderttausenden gegen die Dumpinglöhne unserer Lokführer? Warum nicht für die gleiche Bezahlung der Frauen?
Und was unternehmen wir, um für mehr Transparenz und Kontrolle in unserer Demokratie zu sorgen? Warum nehmen wir hin, dass hunderte Milliarden an Steuergeldern, getarnt als sogenannte "Griechenlandhilfe", eingesetzt werden, um irgendwelchen Reichen ihre unverschämten Renditen zu garantieren? Und wir verlangen nicht einmal, zu erfahren, wer genau davon profitiert!
Wir alle wissen, dass die EU 1000 Milliarden Euro "druckt". Warum machen sich unsere Repräsentanten nicht einmal mehr die Mühe, uns zu erklären, wem genau das Geld gegeben wird? Wie konnte es passieren, dass unsere Vertreter glauben, dass wir uns die öffentliche und gleiche Gerichtsbarkeit als Standbein unserer Demokratie durch ein paar Unterschriften in Geheimvertägen stehlen lassen?
Was tun wir gegen die Verschärfung des Polizeirechts? Was gegen die Kriminalisierung von Demonstranten?
Warum nur lehren wir unsere Kinder nicht, dass eine Demokratie keine Demokratie ist, wenn ihre Bürger nicht ungehorsam und laut sein dürfen und es auch sind?

Die Grundlagen des Faschismus sind Hochmut und Hartherzigkeit bis zur Menschenverachtung. Haben wir uns gebessert?

Wie gehen wir Deutsche mit unseren Mitmenschen um?
Wie würdelos behandeln wir die von uns, die keine zumutbare Arbeit finden? Wie würdelos die, die sich krank gearbeitet haben?
Wie gehen wir mit unseren Frauen um, denen wir nach einem Leben mit Kindererziehung oder Verwandtenpflege gerade mal so das Existenzminimum zuerkennen? Und wenn sie sich wie die Mehrheit der Männer eine gewisse Hartherzigkeit auch gegen sich selbst zulegen und sich in das Arbeitsleben stürzen, warum bezahlen wir ihnen dann weniger Geld für ihre Arbeit?
Warum ist es in Deutschland mit einem fremdländisch klingenden Namen so viel schwieriger, eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden?
Warum erlauben wir Rassisten "Angst vor dem Islam" vorzuschieben und Hass gegen unsere Mitbürger zu schüren? Mit welcher Begründung versorgen wir schamlose Menschenverachter mit so viel Sendezeit in unseren Medien?
Wie gehen wir um mit den Menschen, die es schaffen, zu uns zu kommen und uns direkt um Hilfe anflehen, weil sie in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten müssen? Warum regen sich nur wenige über die immer weiter gehende Verschärfung des Asylrechts auf?
Und wie gehen wir um mit den Menschen, die das Geld nicht aufbringen können, zu uns zu kommen um uns anzuflehen?
Was muten wir den Menschen in der Welt durch unsere rücksichtslose Wirtschaftspolitik zu?
Wie begründen wir im europäischen Umfeld, dass wir für "unsere" Wirtschaft Investitionsprogramme auflegen, aber von den Anderen das Sparen verlangen? Und mit welchem Recht helfen wir den anderen nicht, sondern protzen mit "unseren" Erfolgen und erniedrigen die anderen mit unserer sehr deutschen, unsäglich häßlichen Überlegenheitsattitüde.
Und dann zahlen wir noch nicht einmal unsere Schulden zurück.

Wir sind es schuld, für all diese Dinge einzustehen. Den Opfern des Deutschen Faschismus. Den vielen Millionen Menschen, die ihr Leben gegeben haben, um unser Land zu befreien. All den Menschen, denen wir heute Unrecht tun. Allen anderen Menschen auch. Unseren Kindern. Und uns selbst.

00:29 10.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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