Auf dem Rückzug

Mitbestimmung Die Zahl der Betriebsräte schrumpft – vor allem in kleinen Firmen fehlt der kollektive Schutz

Dicht gereiht die rund 80 Mitarbeiter auf der Treppe. Doch das Foto kündet von vergangenen Zeiten. Heute arbeiten noch 50 Kollegen beim Schweißmaschinenbauer Elma Tech in Morsbach. Die Krise hat Spuren hinterlassen. „Erst flogen alle Älteren raus“, erzählt einer der Angestellten. „Dann die wenigen Gewerkschaftsmitglieder und am Ende jene Mitarbeiter, die öfter mal krank waren.“ Auf die Hilfe eines Betriebsrats mussten sie verzichten. Die Firma habe bislang jeden Ansatz zur Wahl einer Interessenvertretung erstickt. Und in der schrumpfenden Belegschaft wage es niemand, daran zu denken.

Ganz anders sieht es bei vielen Kunden von Elma Tech aus. Dicht geknüpft ist das Netz der betrieblichen Mitbestimmung in den großen Unternehmen der Fahrzeugbau-Branche. Die Krise haben die gewerkschaftlich straff organisierten Betriebe bislang meist ohne größere Jobverluste bewältigen können. Nicht zuletzt Betriebsräte haben daran mitgewirkt. DGB-Vorstandsmitglied Dietmar Hexel hat unlängst auf ihre Erfolge „vor allem als Krisenmanager“ hingewiesen. Von den Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten haben etwa 90 Prozent eine Interessenvertretung der Belegschaft. Bei Betrieben mit weniger als 100 Leuten sind es dagegen nur 37 Prozent.

„Betriebsräte stellen sicher, dass betriebliche Veränderungen von der Belegschaf akzeptiert werden“, heißt es beim Kasseler Büro für Sozialforschung. Als „Vermittler“ zwischen Kapital und Arbeit geraten die Betriebsräte dabei allerdings häufig selbst in einen Rollenkonflikt. Wie gut der Drahtseilakt zwischen Co-Management und Gegenmacht in den Unternehmen gelingt, zeigt sich alle vier Jahre bei den Betriebsratswahlen. Auch in diesem Jahren waren rund elf Millionen Beschäftigte aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben. Die im vierjährigen Turnus abgehaltenen Wahlen sind zwar schon im Mai abgeschlossen worden, doch erst nach der Sommerpause gibt es ein bundesweites Endergebnisses.

Nur jeder Zweite geschützt

Einer vorläufigen Hochrechnung zufolge, die dem Freitag vorliegt, ist der DGB überwiegend zufrieden. Die starke Stellung des Dachverbandes bleibt erhalten: Bei den Staatsdienern kommen 88 Prozent der Personalräte auf einem Verdi-Ticket, in der Wirtschaft haben IG BCE und IG Metall mit über 80 Prozent ihre Positionen behaupten können. Christliche Gewerkschaften und unabhängige Listen mussten sich mit einer kleiner werdenden Nische begnügen. Den Konflikt zwischen sozialpartnerschaftlichen und „kritischen“ Gewerkschaftern konnte die IG Metall in den meisten Fällen durch gemeinsame Listen entschärfen. Nur in fünf Prozent der wählenden Metallbetriebe hatten die Belegschaften überhaupt die Auswahl aus mehreren Listen.

Eine Entwicklung bereitet den Gewerkschaften jedoch Sorge: In immer weniger Unternehmen gibt es überhaupt noch einen Betriebsrat. Lediglich jeder zweite Lohnabhängige genießt einen Schutz durch kollektive Vertreter. In diesem Jahr wurde nur noch in rund 97.000 Firmen gewählt – ein deutlicher Rückgang gegenüber 2006. Allein bei der IG Metall ging die Zahl der Betriebsräte von 10.700 auf 9.600 zurück. Nicht einmal die hohe Wahlbeteiligung von etwa 75 Prozent kann darüber hinwegtrösten. Die IG Metall sieht den Grund vor allem in der wachsenden Zersplitterung der Branche auf Betriebsebene – bei gleichzeitiger Konzentration im Konzern. Viele Aufgaben würden ausgelagert und Standorte geschlossen. Und so wächst der mitbestimmungsfreie Raum kontinuierlich.

Roland Bunzenthal ist Autor und langjähriger Wirtschaftsredakteur in Frankfurt (Main)

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