Zeit für Verschwendung

Ich erkläre: Warum nicht jede, die einen Schwarzen ankotzt, eine Rassistin sein muss. #sexgeständnisse #flüchten
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Ich möchte ein Flüchtling sein. Ich möchte Hoffnung haben auf ein besseres Leben hinter dem Horizont. Ich verschwende meine Zeit. Mich kotzt mein Überfluss an. Ich sehe gern Pornos, wo Frauen abspritzen. Meine Freundin Hannah sieht lieber Katzenvideos. Sagt sie zumindest. Manchmal schreibe ich auf Facebook einem Mann „Ich will ficken!“. Nein, ich will ihn nicht schockieren. Ich probiere den Satz nur an wie ein Kostüm. Wenn man sagt „Ich liebe dich“ verliebt man sich vielleicht. Einer schrieb mir zurück: „Wie meinst du das?“. Das fand ich blöd und habe nicht mehr geantwortet.

Auf Facebook sowas jemandem zu schreiben ist ein bisschen so, als würde man beim Autorennen im Videospiel auf der geraden Strecke das Gaspedal ganz durchdrückt. Verschwende deine Jugend. Das muss man unserer Generation nicht sagen. Seepferdchen wurden nach einem mythologischen Meeresungeheuer benannt. Ich wollte immer schon mit einem schwarzen Mann schlafen. Das hab ich gründlich versaut. Ich hatte nicht den Mut. Als ich ihn sah habe ich gleich Herzklopfen bekommen. Hab dich nicht so, habe ich zu mir gesagt – und ex!

Am Nollendorfplatz gibt es eine Kneipe, wo man sie treffen kann. Setz dich erst mal draußen hin. Ich musste an diese bescheuerte Geschichte von Alexander von Wedel denken. Er war in meiner Klasse und ist dann zu den Grünen gegangen. Er war immer schon ein Spezialist für das politisch Korrekte. Meine Freundin Hannah hatte eine Affäre mit ihm. Lange her. Sie hatten sich auf meinem Geburtstag kennengelernt. Alexander hat sich auch für Afrika engagiert. Später hat er ständig Bilder mit afrikanischen Kindern gepostet. Er mitten drin. Ich fand es gut, dass man mit ihm über Capote sprechen konnte. Er lebte in einer Veganer-WG in Friedrichshain. Ich war da. Er war voll am Heulen. Seine Freundin hatte ihn verlassen. Eine schwarze Frau. Die Sache war die: Sie wollte Dinge von ihm, die er ihr nicht geben konnte. Seine grüne Veganer-Seele wäre daran kaputtgegangen.

Er ist immer sehr bemüht eine Frau zum Orgasmus zu bringen. Das hat mir meine Freundin Hannah erzählt: „Er hat mich immer gelöchert.“ hat Hannah gesagt, er wollt immer alles richtig machen. Und nun sitzt er vor mir und heult. Seine schwarze Freundin habe ihm gestanden, dass sie nur durch harte Penetration und dirty talk kommt. Er drückt sich immer so technisch aus. Er musste immer sagen: „Ich spritz in deine Negerfotze!“. Und sie sagte dann: „Spritz in meine Negerfotze.“ Und er dann: „Ich spritz in deine Negerfotze“. usw. usf. Er bekam Albträume davon. Er sieht süß aus, wo er sich jetzt schämt.

Aber das war nicht alles. „Wenn es nur das gewesen wäre.“, sagte Alexander. Dann nämlich verlangte sie etwas von ihm, was er nicht machen konnte. „Das konnte ich nicht!“ sagte er. „Ich konnte es einfach nicht! Ich wäre daran zerbrochen.“ Ich guckte ihn fragend an und ließ eine Pause. „Und?“ fragte ich. Er guckte wie ein D-Zug im Tunnel. Er hat mir nicht erzählt, was das war. Ich stehe mit zuckenden Achseln vor dem Publikum. Keine Pointe. Keine Ahnung.

Vielleicht hat er auch nur Angst gehabt, dass ich ihn auslache. Scheiß drauf. Ich sitze also in der Bar und denke daran und dann sehe ich ihn. Er! Das ist er, dachte ich. Ganz schwarz. Nicht wie Milchschokolade, schwarz wie Kaffee ohne Sahne. Er ist ein bisschen zu hübsch. Ich stelle mir alles Mögliche vor. Das behalte ich lieber für mich. Nee, sag ich mir, bekomm dich mal in den Griff. Und dann beginnt mein Herz zu hämmern. Ich schlürfe den Mai Tai weg bis der Strohhalm knattert. Seepferdchen Weibchen produzieren die Eier und spritzen sie beim Geschlechtsakt dem Männchen ein. Ich mache dem Barmann eine Geste: Noch mal das gleiche. „Rolanda, wenn du den nicht ansprichst, kündige ich dir die Freundschaft.“ Mir kommen alle Wörter und Sätze in den Kopf, die ich auf keinen Fall sagen darf. Bum-Bum macht mein Herz. Ich hatte das schon als Kind: Das mir verbotene Worte in den Kopf kamen. Alles was verboten war. Zur Lehrerin sagen: „Sie fettes Huhn!“ oder „Haben Sie Angst vorm Älterwerden?“.

Eigentlich war ich immer ein schüchternes Mädchen. Schüchtern im falschen Moment. War voll verknallt in Tobias aus der Parallelklasse. Hab mich aber nie getraut, ihn anzusprechen. Ich wäre so gern auf dem Mittelmeer auf einem überfüllten Flüchtlingsschiff. Dem Polarstern entgegen. Nach Norden, nach Europa! Europa, die phönizische Königstochter, entführt auf den Rücken des Stieres. Bum-Bum macht mein Herz. Die Zeit vergeht. Verlorene Zeit. Die Uhr macht ticke-tack. Deshalb bleibt mir ein bisschen Zeit für eine Ortsbeschreibung. Ansonsten passiert ja nichts. Gegenüber parkt ein schwarzer Golf Cabriolet. Zwei Männer mit weißen Polohemden und kurzen Hosen steigen aus. Ein 60-jähriger mit 3/4-Glatze dreht sich eine. „CO2-Spardose“ steht auf dem Mülleimer. Ein Mann mit drei Thailänderinnen: die Konkurrenz. „Ich habe eine Praxis für Psychosomatik in Lichterfelde West.“ „Na das läuft bestimmt ganz gut.“ Drei Cocktails später: Warum sieht er mich nicht. Ich starre ihn an wie eine fehlgebärende Kuh. So ein Scheiß. Steh auf, Rolanda. Die Beine sind ein wenig weich. Aber jetzt bist du ein Roboter. Brust raus, Bauch rein, Schmollmund. Das ist einfach nur ein Laufsteg. Tack-Tack machen meine Absätze. Das vibriert bis in die Klitoris. Was ist der erste Satz? Der erste Satz. Gleich bist du da. Ein Wirbelsturm von Wörtern in meinem Kopf. Bestell ich einfach noch einen. „Noch einen Mai Tai.“ So ein Scheiß. Erst denk ich: Versagt! Ich wühle in meiner Tasche. Ich weiß, nichts ist schlimmer als eine besoffene Frau, die in der Tasche wühlt. Ich lege mein Notizbuch auf den Tresen und schreibe ein bisschen. Ich hoffe, dass das Eindruck macht. Warum ruft mich nicht genau jetzt mein Redakteur an und fragt mich, was ich für ihn Feines habe. „Frau von Rottenburg, haben Sie vielleicht noch was Feines für uns?“ Aber das Telefon schweigt. Die Flaschen hinter dem Tresen glitzern feindlich. Doch dann geht plötzlich alles ganz schnell. Er lächelt mich an. Ich lächle zurück. Ich höre mich sagen: „Let’s go.“. Wir sind auf dem Weg. „Taxi!“ der vollendete Gentleman hält nicht nur die Tür auf, sondern steigt auch von der anderen Seite ein. „Hier!“ Mir fällt mein Türschlüssel beim Aufschließen der Wohnungstür aus der Hand. Er bückt sich. Ich bücke mich und schlage mit dem Kopf an seine Schulter. Ich greife nach seinem schwarzen Nacken. Kuss! Mir ist schwindlig. Ich bekomm‘ die Scheißtür nicht auf. Jetzt nur nicht zu torkeln anfangen. In Amerika dürfte er mit mir gar keinen Sex machen in meinem Zustand. Ich bin Herr meiner Sinne. Jetzt bloß nicht viel reden. Ich werfe mich auf mein Wasserbett. Dann passiert erst mal gar nichts und ich habe Zeit daran zu denken, dass die Google-Bilderkennung Schwarze mit Gorillas verwechselt. Er kriegt meinen BH nicht auf. Ich wünschte er würde meinen Slip zerreißen. Macht er aber nicht. Ich hatte mir seinen Griff viel härter vorgestellt. Alles ist wie Unterwasser. Ich habe nur noch die Gummis mit Erdbeergeschmack. Als der Seegang anfängt, passiert es. Ich merke sofort, dass es passieren wird. Ich wünschte ich könnte zu einem Gott beten, dass er diesen Kelch an mir vorüber gehen lasse. Bitte nicht! Bitte, bitte nicht. Aber ich kann nichts tun. Mai Tais stärken die Seele, während sie den Körper schwächen. Oder ist es umgekehrt? Den ersten Schluck schlucke ich wieder runter. Der Seegang geht weiter. Warum hast du auch so ein blödes Wasserbett? Konzentrier dich mal auf was anderes. Dem Nordstern entgegen! Hinter dem Horizont liegt das Glück. Jetzt ist es nicht mehr zu halten. Was wohl der Erdbeergeschmack macht? Und dann, dann passiert es: ich kotze. Und zwar ihn an. Direkt in sein schönes schwarzes Gesicht. In Zeitlupe verwandeln sich seine Züge: das Gesicht eines Kindes, das nicht weiß, ob es weinen oder lachen soll und zwischen beidem einen endlosen Augenblick die Waage hält. Was für ein Scheiß. Ich hoffe, dass er mich schlägt. Ich hoffe, dass er einfach weiter macht. Er hört auf. Nicht angeekelt. Er ist verletzt. Er schweigt. Er zieht sich an. Ohne ein Wort. Ernst wie Martin Luther King auf einer Beerdigung. Sag doch was! Seepferdchen sind die einzigen Tiere, in denen das Weibchen um das Männchen wirbt. Das Erdbeerkondom muss er noch anhaben. An der Tür bleibt er stehen und dreht seinen Kopf zu mir. Ich werde nie das Zittern seiner Stimme vergessen als er sagt: „Du Rassistin!“ Aua! Ich möchte ein unschuldiges Flüchtlingskind sein. Ich möchte der dämliche Mond sein, der zum Fenster hinein scheint. Ich liege nackt im Mondlicht. Der Tag war zu heiß. Nun ist alles schön kühl. Ich wollte immer schon mit einem schwarzen Mann schlafen. Das hab ich aber jetzt gründlich versaut. Er war mir sowieso zu schön. Was Alexander wohl macht? Meine Freundin Hannah sieht bestimmt gerade ein Katzenvideo. Oder vielleicht schreibt sie gerade einen Artikel über die Beerdigung von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen in Deutschland. Er hätte einfach weitmachen sollen. Rolandas Magen ist schnell leer. Warum hat er mir keine geballert und einfach weiter gemacht? Fuck me like the bitch I am. Schwarz wie Kaffee ohne Sahne. Komatöser Schlaf. Mohrenlos. Ich wache auf und mir ist schlecht. Fuck you all!

23:05 25.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rolanda von Rottenburg

Ich schreibe für eine Zeitung. Da muss ich Rücksichten nehmen. Deshalb schreibe ich hier. Hier weiß niemand, wer ich bin. Ihre Rolanda von Rottenburg
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