Der Findling Teil 2

Auszug Und deshalb muß ich das mit dem Stein schaffen. Für sie ganz allein auf der Welt. Versteht das denn keiner?
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Der Tod ist ausgewiesen. Alle heißen Andy, und Andy hat keine tote Mutter mehr. Wahrscheinlich bin ich altmodisch, nicht zeitgemäß. Aber ich kann nicht anders. Ich kann Elli nicht vergessen. Sie braucht den Stein. Und ich will das jetzt erledigen. Für meine Elli.

Da ist wieder der Kies unter meinen Sohlen, dieses Grummeln und der Hall zwischen den Grabplatten, wie vertraut mir das ist, jeden Tag, als laufe ich im Bett eines fernen Flusses, entlang an den Marmortafeln

der Gräber, die noch warm vom gestrigen Tag sind; ich kann die Augen schließen und am Ende des Weges sehe ich ihre kleine Ruhe stätte, nackt, nur blankes welkes Gras... nirgendwo ein Zeichen oder Hinweis.

Sehr geehrter Herr Kariel... dürfen wir Ihnen die Grabmaße für ein zweistelliges Erdbestattungsgrab mitteilen: Größe, Höhe bzw. Länge
0,80 Meter, Mindeststärke 0,24 Zentimeter, Rauminhalt 0,25

Kubikmeter... leider erfüllt Ihr geplantes Grabmal aus rohem Fund Stein diese Anforderungen nicht. Mit dem Ausdruck des Bedauerns und besten Grüßen...


Abweisung über Abweisung - wie lange noch? Hat Elisabeth Kariel nicht diesen Findling, der uns bereits seit neununddreißig Jahren durchs Leben begleitet, gewünscht? Ist ihr letzter Wunsch nicht mein Gebot? Wir haben uns auf diesem Stein geküßt, vor Jahrzehnten, es sollte für immer sein.

Immer wieder stoße ich bei der Behörde auf Unverständnis, ja, Ablehnung, wenn ich die Heckklappe des Kombis hochziehe und der prächtige, fast tonnenschwere Stein geformt wie ein südländischer Stier zum Vorschein kommt. Deshalb habe ich ihn nachts heimlich mit einem Radlader durchs Friedhofstor zu Elli aufs Grab bringen lassen....


wo er am nächsten Tag wieder von vorauseilend gehorsamen Beamten entfernt wurde.


Aber, Herr Kariel, sie können doch nicht ständig mit Ihrem Rohling...


Doch, ich kann! Ich werde, und ich muß.


Sie war so gutherzig wie ein kleines Mädchen. Noch auf ihrem Totenbett habe ich Ihr das Versprechen geben müssen, daß der Stein unserer Liebe ihr Grab zieren wird, bis ich eines Tages an ihrer Seite liege. Versteht mich denn keiner! Vorher kann sie keine Ruhe finden! Wir hatten eine schöne Zeit, neununddreißig Jahre, der Stein lag in unserem Garten, zwei tote Kinder, es ging nicht immer alles gut, aber wir haben uns vergeben.

Wenn man mich drängt zu sagen, warum, warum ich
sie liebe, fühle ich, daß sich das nicht anders ausdrücken läßt, als daß ich sage: weil sie sie ist und ich ich.

Und deshalb muß ich das mit dem Stein schaffen. Für sie ganz allein
auf der Welt. Versteht das denn keiner?

Ein Versprechen ist doch etwas Heiliges. Ich komme wahrscheinlich aus einer anderen Welt. Bei uns zuhause in Ostpreußen gilt ein Versprechen noch etwas, ein Wort gegeben, ist gegeben. Jedenfalls hat mir das mein Vater stets vorgehalten. Wir Kinder erfuhren eine gefestigte Erziehung, mit Prinzipien und Grundsätzen, heute würde
man sagen rückständig und von gestern, Pünktlichkeit, Treue, Verläß lichkeit. Ich erinnere mich, ich hatte mein Wort gegeben, das Rad des

Großvaters zu flicken. Als ich das nicht einhielt, wurde ich exempla risch bestraft: Der Vater verschenkte mein geliebtes gelbes Fahrrad - eine kleine Welt brach damals zusammen. Ich begriff, ein Wort ist ein Wort.

Ich gab Elli mein Wort, daß ich unseren Stein auf ihr Grab lege. Versuchen Sie es mal mit einem schönen heimischen Kiesel, sagte der Friedhofsvorsteher und schloß vor mir das Tor zu. Das zerreißt mir jetzt das Herz.

Nun gehe ich jeden Morgen zur Arbeit in die Verwaltung, freudlos, ich gehe dorthin, ein stilles Wesen, das seine Zärtlichkeit verloren hat;
und abends wieder hinaus wie ich gekommen bin. Ein Stein ist doch etwas Schönes, Bleibendes. Mittlerweile, nach etlichen Eingaben und Briefen, zeigt sich die Friedhofsbehörde dem Problem gegenüber etwas geöffneter. Es gab Vermittlungsvorschläge. Ich danke auch schön für die Parade vor sechsundzwanzig schüchternen Findlingen geringen und winzigsten Ausmaßes, die ich zusammen mit einem Friedhofsbeamten abschreiten durfte!

12:44 19.06.2019
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Geschrieben von

Ronald Granz

Potsdam, Berlin, Schriftsteller
Ronald Granz

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