Der König der Himbeeren

Auszug aus dem Roman. Im Aufwärtsgehen sah der Besucher in den Sträuchern dunkle Pappstreifen in verschiedenen Blumenformen.
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„Der König der Himbeeren“ von Ronald Granz – Auszug aus dem Roman

Im Aufwärtsgehen sah der Besucher in den Sträuchern dunkle Pappstreifen in verschiedenen Blumenformen. Seine Frau lege äußersten Wert auf die Einhaltung der Regeln für die Rosenzüchtung, erläuterte der Hausherr. Gärtner seien zwar manchmal willig, aber gehandicapt im Geist. Seine wassergrauen Augen lagen mit einem Mal auf Gabor, sie waren hinter den dicken Gläsern doppeltgerändert, so daß man seine Stimmung nicht erkennen konnte.
"Ich sage Ihnen das alles persönlich, doch, doch... gern!" sagte Herr Maden und verzog den Kiefer. "Aber ich sage es Ihnen nur ein Mal. Verstanden!?"
Gabor nickte so kräftig, so bestätigend, daß sein ganzer Oberkörper wankte. Dabei guckte er nach unten, es war, als zuckelten die Steine in seinen Augen.
Mit zorniger Stimme hob der Hausherr die Hand und deutete auf die andere Seite, dabei spannte sich das Seidenhemd über seinem stattlichen Bauch und die blaue Anzughose schlackerte ihm um die Beine. Die Streckenführung der Auffahrt sei korrigiert worden, was ihn ärgere.
"Autos sind ja ein Luxus... Denken gewisse Leute!" rief er wütend. "Man kann ja auch zu Fuß gehen. Im internationalen Wettbewerb!"
"Nein, das finde ich überhaupt nicht!" rief Gabor. "Autos sind wunderbar!" Nun wollte er das erklären, stockte mit einem Mal, ließ dann davon ab. Herr Maden blickte ihn so merkwürdig an, so nicht ganz geheuer.
In schwarzem Rollkragenpullover und roter Schürze kreuzte ein Gärtner den Weg, eine Harke in der Hand. Müde warf er einen geringschätzigen Blick auf den Neuen.

Bei der Garage handelte es sich um einen ganzen Trakt, mit mehreren Einstellplätzen, von einer Großzügigkeit, die einer mittleren Firma gut angestanden hätte. Über eine sogenannte Galerie war das Fahrzeughaus mit dem Wohngebäude verbunden. Der Vorplatz ruhte verlassen und menschenleer. Frau Maden, die man mehrmals angekündigt hatte, war nicht zu sehen.
Der Hausherr holte erneut die Schachtel mit der Tastatur hervor und ließ wahlweise die Garagentüren auf- und niederfahren. Drei Edelkarossen und zwei Lieferfahrzeuge wurden sichtbar oder verschwanden wie hinter riesigen Augenlidern.
"Elektronisch, alles!" sagte Herr Maden, doch postwendend legte sich seine Stirn in Falten. "Manche Leute hätten natürlich lieber ´nen Neandertaler als Türheber!"
Auf die Anspielungen schmunzelte Gabor offen und bestätigend, als wisse er genau, was oder wer gemeint sei.
"Haben Sie übrigens schon mit meiner Frau gesprochen?" fragte Herr Maden mit einem kargen Seitenblick.
"Noch nicht", rief Gabor. "Aber wird noch."
"Ach so?"
An der geschwungenen Treppe, die die Hinterseite der Villa den Gartenanlagen und dem Brunnen erschloß, hängte ein Dienstmädchen ihren Oberkörper über die Brüstung und schüttelte eine Tischdecke aus. Ihr schwarzes Haar schunkelte im Rhythmus des Stoffes. Als sie wieder stand, sah man, das dunkelblaue Dienstkleid mit dem Spitzenbesatz an Kragen und Manschetten reichte ihr bis knapp an die Knie. Als Herr Maden mit Gabor vorbeikam, musterte sie den Fremden lange wie einen Eingeborenen, der herbeigeschafft wird.
Den Rundgang durch die luxuriösen Anlagen mit Bänken, Kräuterhaus und einem kleinen Teich schloß die Remise ab, eine ehemalige Stallung, ein gutes Stück entfernt vom Haupthaus, hinter einem Vorhang aus Haselnußsträuchern gelegen. Man sah der Hütte an, daß sie lange unbewohnt gewesen sein mußte. Die Schindeln an der Fassade waren teilweise gewölbt und verbrannt. Eine Rinne hatte sich unter der Last von Moos gelöst und hing bedrohlich herunter. Am hinteren Ende des Daches war an einer Stelle der Verbund der Ziegel eingesackt wie ein Tuch über einem Erdloch. Gabor ließ den Koffer zur Erde sinken.
"Sie sind doch handwerklich begabt?" fragte Herr Maden.
"Ein bißchen", antwortete Gabor.
"Als Übergangslösung, dachten wir", ergänzte der Hausherr. "Uns hat unser schneller Entschluß selbst überrascht."

11:37 06.08.2019
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Geschrieben von

Ronald Granz

Potsdam, Berlin, Schriftsteller
Ronald Granz

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