Der König der Himbeeren Teil 1

Auszug aus dem Roman. Gabor hob den Fuß und stemmte sich mit dem ganzen Körper gegen die schwere Haustür.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Gabor hob den Fuß und stemmte sich mit dem ganzen Körper gegen die schwere Haustür. In der Durchfahrt führte rechts die Treppe zum abgestoßenen großbürgerlichen Vorderhaus hoch. Er aber nahm den Weg geradeaus zur Hoftür. Er tat die paar Schritte, die Tür fiel ins Schloß. Nun begann eine kalte graue Landschaft aus schmutzigen Hinterhauswänden, die steil hinauf zu einem Rechteck stiegen, das ein kleines Stück Himmel zeigte.
Eine sonderbare Veränderung durchzog Gabor. Immer, sobald er den Zementboden des Hofs unter den Füßen spürte, begann etwas in seinem braunen Anzug leicht zu buckeln, er senkte den Blick und bekam einen festen Ausdruck, wie jemand, der etwas verloren hat und nicht mehr erreichbar ist, für kein Gesicht und nicht mehr für eine Stimme. Achtlos zog Gabor an den aufgerissenen Kartons vorbei zum Eingang im Seitenflügel.
Vor der Tür blieb er stehen, seine Hand hielt in der Luft inne, kurz vor der Klinke. Wenn sie nur nicht da ist, schien sein Gesicht zu sagen.
Bräunliches Holzlicht trat ihm im Treppenhaus entgegen. Aus der Parterre-Wohnung drang ein Geräusch, wie wenn jemand Holz oder einen ähnlichen Gegenstand auf Knochen schlägt. Ein dumpfes Pochen auf etwas mit Haut überzogen. Gleich, noch bevor ihre Wohnungstür aufging, würde die Stimme einsetzen und ihn packen, ehe er den ersten Stock erreicht hatte. Die Frau kümmerte sich um alles, die Katzenkadaver, den Schnee im Himmel, die Geräusche hinter den Türen.
Die Treppenstufen waren in der Mitte heruntergetreten und quietschten bei jedem Schritt. Dicht zwängte er den Körper am Geländer entlang, wo die Stufen wenig benutzt und unversehrt waren. Doch hier lösten sich leise Schreie aus dem Holz, es war, als ob Vögel getreten würden. Gabor hob die Arme, er drückte sie gegen die Brust, mit jedem Schritt. Die Türe im Parterre wurde nicht aufgerissen. Unbehelligt gelangte er am Geländerlauf weiter nach oben, Stufe für Stufe.
Hinter den Türen war es still. Durch das Flurfenster fiel aschgraues Licht ins Treppenhaus wie Strahlen in eine verlassene Kathedrale. Die steilen Hofmauern schirmten das Außen ab, ein stiller, fester Wall. Der Ort sah keine Sonne.
Kaum hatte er den Absatz erreicht, trat er von den Zehenspitzen herunter, offenbar in der Absicht, wieder normal hinaufzusteigen. Doch an der Treppenbiege hielt er mit einem Male inne, den Blick nach oben gerichtet. Vom Plateau im zweiten Stock schimmerte ein Blau durchs Geländer. Es hatte die Farbe von Kobalt und strahlte, ein wandernder Fetzen im Dunkel. Eine Hand fuhr durch die Luft in regelmäßigen Auf- und Abwärtsbewegungen. Dazu vernahm man ungefähre Laute, ein fernes Plisch-Plisch, ähnlich dem Aufschlagen von Wasser auf das nasse Pflaster einer Straße.
Marie saß, die Beine von sich gestreckt, im Zwischengeschoß. Kleine Bewegungen gingen durch ihre blonden Locken. Das blaue Kleidchen hatte einen weißen Kragen und bedeckte kaum die Knie. Neben ihrem Schenkel ruhte eine Plastikente, gelb, abgeschabt wie ein Rettungsring. Mal ruderte die Kleine mit den Armen, mal hob sie die Finger in die Höhe. Sie spielte Ertrinken. Nun ließ sie sich treiben. Ihr rundes Gesichtchen starrte in die Ferne, während ihren vollen Lippen die Zischlaute der Wellen entfuhren. Der Stoff ihres Kleides legte einen blauweißen Schimmer auf ihre Züge, die Gischt des Meeres.
"Tag, " sagte Marie.
Gabor schnalzte mit der Zunge, warf ihr einen leisen Blick zu, grüßte und verschwand.
Langsam ließ er den Rücken gegen die Wand gleiten, nachdem die Wohnungstür zugefallen war. Die Lippen vibrierten, durch die Häutchen seiner Lider ging ein fernes Flackern, so als schössen Erlebnisse durch seinen Kopf, Stimmen, Blitze, Augen. Als könne er keinen kühlen Gedanken fassen.
Unmerklich fuhr sein Blick durch den Raum, in dem ein paar Gegenstände herumstanden. Ein Tisch, eine Wasserflasche, ein Perückenkopf, ein Stuhl, karg und verstreut vor dem Fenster mit der schmutziggrauen Gardine. Es schien wie in einer Bahnhofshalle, irgendwo an einem vergessenen Ort. Die Menschen sind gegangen, die Halle ist weit und leer, jemand hat ein paar Sachen auf dem glänzenden Boden stehenlassen. Er kommt sie nicht mehr holen.
Einen Moment stand er da, nur so, ganz bewegungslos. Einmal kurz hörte er seine Schuhe gegeneinanderschlagen. Sonst war nichts. Nur die Kleider am Leib und dieser Raum mit den paar Sachen, die er kaum kannte, die aber lautlos mit ihm zu sprechen schienen.
Ruckartig riß Gabor das Gesicht herum, schnüffelte im Umkreis, tief sog er die Luft zwischen die Nasenflügel. Ein Gestank wie ranzige Butter durchwehte das Zimmer. Er roch weiter. Darauf hielt er den Hemdsärmel unter die Nasenlöcher. Der Geruch stammte von ihm.
Vorsichtig holten die Finger das Päckchen aus der Jackentasche, legten es auf den Küchentisch. Er griff ein Frühstücksmesser und hob den Fuß. Leichte Kratzgeräusche setzten ein. Ruhig scharrte die Klinge über die Schuhsohle. Stinkende Klumpen fielen vom Absatz herab, ein Erdgemenge aus Schlamm, Rost und Kleidungsresten. Leise schlug ein Eisenteilchen auf den Boden, vielleicht von einem Metallknopf.
Nach ein paar Schritten stellte er die Schuhe nach draußen auf das Fenstersims, blickte nicht in die Tiefe und schloß auch das Fenster nicht.

16:04 29.08.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ronald Granz

Potsdam, Berlin, Schriftsteller
Ronald Granz

Kommentare