Der Weg ins Licht

Weltkinderkrebstag Begegnungen auf der Helios-Kinderkrebsstation
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Aufmerksam erheben sich die jungen Köpfe, auf ihren Gesichtern zeichnen sich Staunen und Rührung ab als sie den kostümierten Ringdrossel-Jungen mit dem gelben Schnabel und den Federn in die Kinderstation kommen sehen – mit keck heitererem Lächeln entrichtet der Vogel seinen Gruß. Er erscheint in Begleitung von mir, dem Schriftsteller Ronald Granz, der heute zu den schwerkranken jungen Patienten in die Helios-Klinik gekommen ist, um ihnen mit einer Lesung das Schicksal des Ringdrosselknaben Malle nahe zu bringen, der Hauptfigur seines Kinderbuches „Malle – der Stolperhans“. Anlaß ist der Weltkinderkrebstag am 15.Februar 2019, der das Schicksal der schwerkranken Jüngsten stärker in das Augenmerk der Öffentlichkeit bringen soll.


Auf der Kinderkrebsstation schauen sie nun nach vorne, oft mit haarlos glatten Köpfen, Gehbehinderungen oder liegen an Infusionsgeräten im Rollstuhl–Folgen der radikalen medizinischen Behandlungen mit Chemotherapie, Bestrahlungen oder Tabletten – damit einhergehend nicht allein Haarausfall, sondern auch anhaltende Appetitlosigkeit und Übelkeit.
Die häufigsten Erkrankungen sind Leukämie, Hirntumore und Neuroblastomie als Tumor des Nervensystems. Die Belastungen der Psyche der Kinder und auch der Eltern wirken sich immens aus. Der normale Alltag existiert nicht mehr. Der Gang zur Schule ist abgebrochen, genauso wie feste Freundschaften und bewegte Freizeiterlebnisse.
Besonders beschäftigt mich das seelische Empfinden der kranken Kinder mit dem ungeahnten gesundheitlichen Niederschlag. Aufmerksam gehe ich durch ihre Sitzreihen, vorbei an Luftballons, Puppen und Stoffbären in den Kinderhänden und frage: “Was ist wichtig für unser Wohlbefinden neben der Medizin? Nun? Ich sag’s euch: Positiv und heiter sein, das hilft der Gesundheit.“ Das Pflegepersonal an der Seite des Aufenthaltsraumes nickt lächelnd.


Dann stolpert der kostümierte Ringdrossel-Knabe wieder durch die Reihen.
„Seht, er hat auch Probleme, der stolpert alle naselang“, erkläre ich sein Verhalten. Und wie der Vogel im Buch nach tragischen Zwischenfällen schließlich zu einem positiven Ausgang kommt, das trage ich lesend vor. Lächeln und Staunen macht sich auf den Gesichtern der Jüngsten breit, als sie das Schicksal des Stolperers erfahren mit seinem guten Verlauf im hartnäckigen Durchhalten und in der Liebe zum Ringdrossel-Mädchen Nadira. Die zwölfjährige Klara fasst nicht mehr mit der Hand nach dem amputierten rechten Bein.
Die Patienten vergessen für einige Zeit ihre Krankheit und die Klinik. Und das heißt etwas, denn die akute Behandlung ist eigentlich immer präsent. Sie dauert anderthalb Jahre, dabei nehmen die Kleinen zu Hause Chemotherapie, meist in Tablettenform, zu sich und ihre Blutuntersuchungen werden alle ein bis zwei Wochen kontrolliert.
Die Heilungschancen liegen derzeit bei 80 Prozent, aber immer noch stirbt jedes fünfte Kind an den Folgen der Erkrankung.
Ein weiterer Mangel: Der psychische Dienst wird durch keinerlei staatliche Unterstützung gefördert. Und auch die Pharma-Industrie hält sich damit bedauerlicherweise fern, da diese junge Patienten-Gruppe zu wenig Ertrag einbringt. So ist dieser medizinische Bereich auf die Hilfe privater gemeinnütziger Institutionen angewiesen, auf Vereine wie Kinder-Lächeln e.V oder Kinderhilfe e.V. und andere.
Dieser Unterstützung bedürfen die Patienten in steigendem Maße, denn jedes Jahr kommen in Deutschland 2400 weitere von der Krebserkrankung betroffene Kinder hinzu.


Doch der Ringdrossel-Junge gibt nicht auf, immer wieder verteilt er kleine Geschenke in glückliche Kinderhände. Mit einem Satz des Trostes verabschiede ich mich: „Wisst Ihr: Zuversicht und Hoffnung führen uns alle auf einen Weg mit Licht ins Leben.“

14:58 02.05.2019
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Geschrieben von

Ronald Granz

Potsdam, Berlin, Schriftsteller
Ronald Granz

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