Der Zug in die Hauptstadt

Kurzgeschichte. Behutsam zog das dicke Mädchen die Glastür, um sie zu schließen
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Auszug aus meiner Kurzgeschichte “Der Zug in die Hauptstadt“. Mehr Kurzgeschichten auch auf Medium hier.

Behutsam zog das dicke Mädchen die Glastür, um sie zu schließen, irgendetwas hakte, mehrmals drückte die andere Hand nach, schon fiel die Tür mit klatschendem Geräusch ins Schloss. Unschlüssig blickend stand das Mädchen nun im Abteil. Auf dem Fensterplatz drückte die Frau mit den nackten Oberarmen die Kartoffelchip-Tüte, ein Knistern erfüllte den Raum, Köpfe fuhren verwundert hoch, schon herrschte wieder Stille. Jetzt hob das dicke Mädchen am Eingang den Armee-Rucksack über den Kopf, mit kräftigen Schüben verstaute es das Gepäckstück auf der Kofferablage, darauf die lederne Tasche; erschöpft sank es schließlich auf den Platz an der Abteiltür nieder. Noch einmal schob die Hand die Brille mit den schweren Gläsern zum Schirm der Baseball-kappe hoch, dann versuchte der kleine massige Körper im Sweat-Shirt zur Ruhe zu kommen.

Hinter dem Fenster zog eine Landschaft mit winzigen Holzhäusern vorbei, gefolgt von endlosen braunen Getreidefeldern, sie krümmten sich am Horizont wie gebogenes Blech.

Das dicke Mädchen starrte auf den leeren Sitzplatz gegenüber, dann wieder zu dem Jungen draußen auf dem Klappsitz im Gang des Zuges, wie um ihn aufzufordern, herein zu kommen und sich ihr gegenüber zu setzen; der hagere Junge aber konnte den Blick nicht von ihr nehmen. Der Platz sei vergeben, der Fahrgast wohl mal eben hinaus-gegangen, sagte der Geistliche neben ihr. Während er sprach, hielt er seinen Hals ganz aufrecht im dunklen Anzug. Du schwarzer Reiher! dachte sie. Benommen nickte die Kleine, als sei sie ganz sicher, dass noch ein anderes Wesen den Pfarrer erfüllte.

Auf dem mittleren Platz gegenüber griff ein Mann in Wildlederjacke erneut in den Aktenordner auf seinen Knien, andächtig schlug er eine weitere Seite um, schüttelte den Kopf erregt, immer wieder senkte sich der glänzende Schädel zwischen die schwarzen Pappdeckel. Das Mädchen sah den fein geschnittenen Haarkranz um die Glatze des Mannes, der keinesfalls alt war, zwischendurch tauchte das Gesicht mit einem lichten Gedanken wieder auf, der ihm offensichtlich bedeutete, er habe einen wichtigen Schritt zu tun.

Vom Gang her kamen jetzt heftige Zeichen durch die Glastür, der Junge gestikulierte, immer wieder fuhren die Hände fragend durch die Luft. Das Mädchen mit der Baseballkappe schüttelte daraufhin nur enttäuscht den Kopf, in ihrem Blick lag trotz allem etwas Beruhigendes, ihr Lächeln für ihn war sanft und fürsorglich.

Auf dem Gang kamen jetzt zwei mittel alte Frauen vorbei, gleich Zwillingen; sie waren ausgestattet wie kleine Schulmädchen mit blauem Kleid und Rüschenkragen und hielten sich an der Hand, so als wollten sie gefeit sein, gegen Überraschungen im Zug, gegen Widerstände auf dem Weg durchs Leben. Nun fuhren die Finger der Kleinen zum Griff

an der Glasscheibe, langsam öffnete sich die Tür einen Spalt weit. Lange und innig schaute sie den Jungen mit der Elvis-Tolle an, der sah standhaft zurück. Eine tiefe Vertrautheit war in ihrem Blick, gleichzeitig erfüllt von Zweifel und Nachdenklichkeit. Fortwährend musste sie auf seinen Mund sehen, dann wieder in seine Augen – sie schauten regungslos, beherrscht von einem ungreifbaren Kummer.

„Nicht gut, ich hätte die Ankunft genau mitteilen müssen“, sagte sie.

„Jess, das ist eine große, hektische Stadt“, antwortete der Junge beschwichtigend. „Du weißt, da nimmt man es nicht so genau.“

„Ich werde telefonieren gehen“, sagte sie. „Aber nicht lange. Ich werde dich nicht lange warten lassen.“

„Ja, Jess.“

Draußen zogen sanft geschwungene Hügel vorbei, darüber Wolken vor einem Himmel wie aus blauer Milch. Das Mädchen presste den Rücken fest in die Sitzlehne, der Körper wirkte nun noch massiger; mit der Baseballmütze, den Turnschuhen und der Sportbrille im vollen, runden Gesicht sah die Kleine aus, als käme sie von einem Sportfest. Der Geistliche ihr gegenüber warf einen strafenden Blick auf ihr hellgraues Sweat-Shirt, es trug die Aufschrift ‚Smile while going to hell’.

Der hagere Junge im Gang blickte vor sich auf den Boden.

„Ich weiß auch nicht“, sagte er. „Ich habe immer sofort Löcher in den Socken. Ich gehe um die Ecke und dann ist ein Loch drin.“

„Ich werde dir neue kaufen, sobald alles vorüber ist.“

„Oh, das brauchst du nicht, Jess.“

„Doch, ich will es. Du sollst nicht so herum laufen.“

Die Frau am Fenster griff in die Tüte, schüttete mit der flachen Hand Kartoffelchips in den weit geöffneten Mund, es knisterte, schon blickte sie mit schlechtem Gewissen auf die anderen Fahrgäste, dann sagte sie in Richtung des Mädchens:

„Wann kommt Potsdam?“

„Weiß nicht.“

Von selbst öffnete sich die Abteiltür ein Stück weit, ächzend glitt sie zurück ins Schloss. Der Geistliche wandte sich zum Mädchen:

„Was ich fragen wollte… Gehen Sie auch in die Diskothek?“

„Selbstverständlich, Herr Pfarrer.“

„So?“

„Wenn wir nicht woanders hin müssen.“

„Ach. Hätte ich bei Ihnen nicht gedacht.“

22:31 26.03.2019
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Geschrieben von

Ronald Granz

Potsdam, Berlin, Schriftsteller
Ronald Granz

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