Kaba Teil 2

gorillaspezifisch Nachdem ich Kabas Kotrinne schrubbte, stellte ich ihn andern Tags zur Rede.
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Nachdem ich Kabas Kotrinne schrubbte, stellte ich ihn andern Tags zur Rede. Schließlich kann mir niemand weiß machen, dieses Kratzen sei gorillaspezifisch. Ich kenne sehr wohl andere, die auch Affen sind, die sich aber nicht ständig zwischen den Beinen kratzen. Nur bei Kaba soll das unumgänglich sein? Seine Antwort: Er rülpste ausweichend.
Aber er ist ja, wie die Direktion mir versicherte, berühmter als George W. Bush, dies solle ich endlich lernen. Ein Präsident darf sich Irrtümer erlauben.

Manchmal stehe ich neben dem Affen und schaue hinüber in die Ferne zu den Antilopen. Sie lenken meine Gedanken in die Weite des Krüger-National-Parks nach Afrika… Und dann zu den Giraffen, die endlose Savanne und welcher Frieden, wenn sie einem aus der Hand fressen.

Zwischen Zuneigung und Pflicht schwankte ich darauf lange Zeit hin und her. Was mich irritierte, waren meine Feierabende. Vielmehr, dass es sie nicht gab. Denn der braune Typ bestand darauf, dass ich ihn bis zum Einschlafen begleite. Anfangs wollte ich dies auf ein Mal pro Woche beschränken, doch alle Versuche, sich zu vergleichen blieben fruchtlos. Kaba bestand darauf, gemeinsam zu Bett zu gehen. Das war mir zu viel! Doch was sollte ich machen? Erneut zur Leitung in die dritte Etage hoch? Um wieder zu erfahren, was das ganze Land weiß, nämlich wie berühmt der Unhold ist? Dieses Entgegenkommen beim Einschlaf-Begleiten, so mein tröstlicher Gedanke, konnte eh nur für eine begrenzte Dauer gelten.

Die Dämmerung setzte ein über den Platanen des Zoos, senkte sich aufs Ehelager, ich fühlte die nächtliche Poesie im Affenhaus. Doch er schlug die Decke mehrmals über uns aus, die Liege war zu schmal, so presste er meinen Kopf mit einem gewaltigen Armgriff auf seinen Körper und ließ ihn nicht wieder frei. Anfangs versuchte ich mich durch verzweifeltes Strampeln zu erlösen, dann bot ich ihm mit eingequetschten Lippen eine Gute-Nacht-Geschichte an, vom einsamen Habicht, der sich von den Fesseln befreit – vergebens. So stelle ich mir Josef Iwanowitsch Stalin im Bett vor.
Stille vor dem Schlaf kehrte ein, es war so weit, ich konnte mich leise befreien, versuchte einfühlsam seinem braunhaarigen Arm zu entweichen, doch da klimperte Gerdas Handy gnadenlos in die tierisch-menschliche Zweisamkeit. Jeden Anruf beantwortete der irritiert aufwachende Affe jedes Mal mit einem instinktiven Faustschlag auf meine Brustknochen. Ob dies zum Liebesspiel im Dschungel-Unterholz gehört, zählt für mich zu den bleibend ungelösten Fragen. Oft dauerte es lange Zeit, bis er eingenickt war, und ich mich aus dem Klammergriff befreien konnte.
Zu später Stunde zu Hause eintreffend, erläuterte ich Gerda meine Verspätung mit Kabas Neigung, nämlich dass es einfach Liebe beim Gorilla sei; worauf sie mir antwortete, dass es unabhängig vom Gorilla keine Liebe mehr bei Gerda sei und ihre Sachen packte.

Mit dem Schlauch Wasser versprühend, reinigte ich den Gehege-Boden jetzt täglich, gleichzeitig von der Frage bewegt, ob Kabas Verhalten womöglich von homoeroti-schen Neigungen bestimmt sei. Nicht allein die Einschlafzeremonien, auch seine poetischen Blicke auf mich, schienen dies zu untermauern. Hinzu kam seine Angewohnheit, wenn draußen Frauen vorbei liefen, durch die Gitterstäbe nach ihnen mit heftigen Armbewegungen zu greifen und ihre Kleider zu reißen. Ein Frauenfeind, ich war mir meiner Einschätzung ziemlich sicher. Obwohl ich hierzu keine Neigung besaß, intensivierte diese Erkenntnis mein Gefühl für ihn, und Kaba schien das genießerisch zu pflegen.

Schwulsein im Affenhaus hin oder her, wie stark war meine Verblüffung als ich eines Tages unregistriert durch die Pforte ins Gehege trat und eine Überraschung erlebte: Da hockte Kaba auf dem Tisch und auf seinem Schoß eine Frau, die Tierärztin, eine schwarzhaarige Schöne, sie hielt ihm die Brust. Ja, wie lange muss man eine Brust halten? Beide jaulten im Chor, was höchstens bei ganz seltenen medizinischen Untersuchungen notwendig ist. Angesichts dieses Liebesgeplänkels mit der anderen Seite wurde mir klar, Kabas Erotik fuhr auf einem anderen Dampfer. Vielleicht auf zwei Dampfern.

Das Problem war jedoch, dass diese, meine Erkenntnis vor ihm nicht verborgen blieb. Das hatte Folgen. Rutschte ich auf dem wasserglatten Zementboden des Affenhauses mit meinen Gummistiefeln aus und landete mit dem Hinterkopf in den Fäkalien, so griff er schnalzend zum Handtuch und hielt es mir unerwartet mitleidend hin. Was war los? Er war mitempfindend, als wollte er sagen: “Das kann doch jedem passieren.“ Doch das abgefeimte Grinsen des Schurken verriet, was er eigentlich sagen wollte, nämlich die Empfehlung: “Du füllst jetzt in Ruhe das Formular zur Berufsunfähig-keitsrente aus!“

Die Direktion nutzt jede Gelegenheit, mir das enorme Interesse der Öffentlichkeit an unserem „Schützling“ zu verdeutlichen. „Heute kamen Tausend, am Wochenende zwei Tausend, in der vergangenen Woche neun Tausend, alle wollen unseren Liebling“, sagte der Direktor. „Schön, dass ihr beide euch so gut versteht.“
Ich fasste mich an die Kotkruste am Hinterkopf.
Derlei Huldigungen nehme ich gerne auf, doch lieber jedoch wäre mir, würden sie irgendeinen Einfluss auf das Wesen des struppig behaarten Afrikaners haben, der alle charakterliche Beständigkeit vermissen lässt.

Trotz der tierärztlichen Zärtlichkeit: Ich kann mir vorstellen, dass sein Verhältnis zu Frauen durch sein animalisches Auftreten reduziert ist. Natürlich hat er es nicht leicht mit Kontakten. Sein Gesicht ist nicht gerade mit dem von Richard Gere vergleichbar. Das belastet auch das Verhältnis zum schwachen Geschlecht, ist ja klar. Tut mir leid. Ich hingegen hatte bislang wenige Schwierigkeiten mit den Frauen. Er bräuchte dingend meine Unterstützung, aber ich muss auch an mich denken, wenn aufregend schöne Besucherinnen bei uns erscheinen. Mir kommt dabei meine Erfahrung beim Erobern zu Gute. Nicht umsonst bin ich fünf Jahre lang im Sommer nach Rimini gefahren.

12:46 19.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ronald Granz

Potsdam, Berlin, Schriftsteller
Ronald Granz

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