Der Palisander der Geschichte

Medientagebuch Wie das Politische das Private beeinflusst: "Unsere 60er Jahre" (ARD) aus alltäglicher Perspektive erinnert

Was für ein Satz, um eine Dokumentarfilmserie zu beginnen: "Im Oktober 1959 macht die deutsche Geschichte einen Moment Pause, um kurz Luft zu holen." Und dann lässt beinahe die gesamte ARD in sechs Folgen die sechziger Jahre Revue passieren, als wär´s tatsächlich "unsere" Geschichte: "Zeit, sich zu vergnügen, Zeit, um zu vergessen."

Es fing ja so harmlos an. Vergnügen in der Achterbahn und auf dem Oktoberfest, man saust mit der Kamera in der Raupe steil nach unten und wird von Festtagsstimmung eingefangen. Die ersten italienischen Eissalons und die obligatorische, stolpernd verklemmte Tanzstunde mit Abtanzball, wo man sich nur mit Blicken traf. Vom biederen Slowfox wechselt man zum Twist, dem abgezirkelt gegenläufigen Wackeln mit rechtem und linkem Knie. Wobei es absolut neu war, dass diese knochenstrategische Hochleistung erbracht wurde, ohne sich anzufassen oder dass der Mann führte. In der Retrospektive erblickt die Zuschauerin darin mühelos einen Puzzlestein dessen, was zur Entwicklung der Frauenemanzipation beitrug. Auf der anderen Seite die Zeit, die die jüngste Vergangenheit verdrängte und vergaß, was die Gesellschaft mit der Studentenrevolte umso heftiger einholte. Dann die Auswüchse der staatlichen und gesellschaftlichen Teilung in den sozialistischen Osten und den kapitalistischen Westen, zementiert mit dem Bau der Grenzmauer. Und so weiter und so fort?

Die ARD hat sich Gott sei dank nicht an die ZDF-Histörchen von Guido Knopp und dessen Nachahmern orientiert, die noch jede Episode zum McHistory verwursten, sondern sich auf ihre eigene Vorgänger-Serie Unsere 50er Jahre (ausgestrahlt 2005) besonnen. Hier geht es redaktionell ganz altmodisch darum, Geschichte an persönliche Erfahrungen und Lebensgefühle anzudocken und damit erlebbare Schnittpunkte zu den historisch relevanten Fakten zu liefern. Das Private ist politisch, nannten das die revoltierenden 68er, und das Politische beeinflusst natürlich das Private. Die so sehr gelungene Verzahnung in dieser Serie ist der besonders geglückten Auswahl der Protagonisten zu verdanken, deren Biographien deutsch-deutsche Geschichte aufschlüsseln und die so persönlich und authentisch von sich erzählen, dass man Historie sinnlich begreift, ohne in Nostalgie zu schwelgen.

Ob es der Unternehmersohn Hans Jakob aus dem Schwäbischen ist, der mit 22 vom Vater nach Verona geschickt wird, um dort persönlich die ersten "Gastarbeiter" abzuholen. Oder - Gegenschnitt - Dino aus den Abruzzen, der mit 17 im umzäunten Barackenlager in Geislingen landet. Hubert, "heute noch Kommunist", wird mit 16 Bergmann im Saarland und muss nach einem Grubenunglück die toten Kollegen identifizieren. Oder Jürgen, mit 16 schon stolzer Traktorist in der DDR, mit 17 eher aus einer Laune heraus mit der S-Bahn in den Westen, wo er sich mit allerlei Hilfsjobs durchschlägt. Die jungen Frauen sind in jener Zeit noch nicht so renitent, träumen eher von der Palisander-Schrankwand oder erleben zwangsläufig Mutterschaft. Jede zweite Ehe war damals eine "Muss-Ehe".

Bürgertum, Arbeiterschicht, Bohème, Landvolk - quer durch alle gesellschaftlichen Milieus, vom Burschenschaftler bis zur verfemten Bauerntochter wimmelt es in Unsere 60er Jahre vor Lebensgeschichten; immer als Teil der politischen Umstände und doch berührt jedes Schicksal für sich. Kameraperspektiven bleiben auf Augenhöhe, oft ins Detail fokussierend, manchmal machen sie sich ganz klein, um dann wieder den Gesamteindruck in der Totalen zu vermitteln. Nur der Schnitt soll wohl modern sein. Oft zu schnell, mit Übergängen so abrupt, dass sich die Geschichten dadurch vertakeln.

In vielfacher Hinsicht ist dieses Jahrzehnt Umbruchszeit, und dementsprechend wird die Bandbreite der Themen durch die Vielfalt der medialen Umsetzung präsentiert. Selten sind Wort (nicht unwichtig: mit einer für den Text kongenialen Erzählerstimme von Schauspieler Axel Milberg) und Bild im Fernsehen so wunderbar passend und souverän aufeinander abgestimmt wie in dieser Serie. Zeitgenössisches Film- und Fotomaterial jener Jahre sortiert sozialpolitische Informationen in Alltagsgeschichten ein, untermalt von Schlagern à la "Wir wollen niemals auseinander geh´n, wir wollen immer zusammen steh´n". Wer da nicht an den Tanz-Schmuse-Wiegeschritt inklusive toupierter Hochsteckfrisur und dünnem Schlips zu weißem Oberhemd erinnert wird, ist entweder streng katholisch gewesen oder gerade auf der Flucht mit dem despotischen Vater in den Westen. Selbst Globalisierungstendenzen deuten sich hier an in der Faszination des american way of life mitsamt Autospleen, Toaster, Waschmaschine und Fernsehunterhaltung. Tatsächlich, es ist unsere Geschichte.

Unsere 60er Jahre - Wie wir wurden, was wir sind läuft montags um 21 Uhr, ARD

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