Mir san mir!

Wahlkämpfer Beckstein Der bayerische Ministerpräsident auf politischer Ochsentour

Schreiben Sie was Gutes! Was Anständiges!" CSU-Gemeinderatsmitglied Thomas Kammerl ist sichtlich nervös. Er hat sich extra für diesen Tag Urlaub genommen, nur um einmal ganz nah bei seinem Ministerpräsidenten zu sein, der heute zum Auftakt seiner Wahlkampf-Tour durch den Landkreis Straubing-Bogen die Firma Dichtungstechnik Wallstabe Schneider in Niederwinkling besucht. Lächeln, grüßen, Hände schütteln. Mit dem Wahl-Slogan "CSU - näher beim Menschen" soll all das nicht wahr werden, was für die anstehende Landtagswahl prognostiziert und ausgerechnet hier in der niederbayerischen 2.600-Seelen-Gemeinde schon unvorstellbare Realität ist: der Verlust der absoluten Mehrheit.

Fast fünf Jahrzehnte Alleinherrschaft, das hieß bislang ungestörte Allmacht durch ein beinahe lückenloses, schwarzes Netzwerk über Land und Behörden. Und es gab der CSU selbstbewusst bockige Stoßkraft in der nur für Außer-Bayerische skurrilen Konstruktion mit der "Schwesterpartei" CDU in Berlin. CSU gleich Bayern, Bayern gleich CSU. Glücklicher Freistaat. Und jetzt?

Ausgerechnet Niederwinkling hat´s bei den letzten Kommunalwahlen im März total erwischt. Im Gemeinderat stellt die CSU vier, die FDP einen und die Freien Wähler - Kammerl flüstert beschämt: zehn Sitze! Wo doch Firmenchef Jürgen Wallstabe zur Freude des zustimmend nickenden Ministerpräsidenten Günther Beckstein in seiner Begrüßung auf die Erfolgsgeschichte seines prosperierenden, mittelständischen Familienunternehmens - "ein global player am Markt" - verweisen kann. Wallstabe ist Vorsitzender der CSU-Fraktion im Gemeinderat von Niederwinkling und damit Beleg für das algebraische Gesetz: CSU ist gleich erfolgreiches Bayern.

Wie sagt es doch Günther Beckstein in seiner wirtschaftsfördernden Erwiderung? "Wir wollen in den nächsten Jahren zu den fünf innovativsten Regionen der Welt gehören!" Schön auch, dass er nicht ohne Geschenke kommt. Eine halbe Milliarde Euro "in Bildung und Forschung" verspricht er. Es sind die Mittel, die durch das Platzen des Traums vom Transrapid frei geworden sind. Eigentlich eine der größeren Schlappen der CSU-Regierung in letzter Zeit, aber Beckstein wäre nicht ihr Repräsentant, wenn er eine Schlappe nicht zum Glücksfall umfunktionieren könnte.

"A Roglada" fasst CSU-Gemeinderatsmitglied Kammerl seinen Eindruck auf Niederbayerisch zusammen. Übersetzen lässt sich das nicht, aber ein Lob ist es schon. Ein zünftiger Kerl halt. Reicht das für die Wahl? Bei dieser Frage reagiert Kammerl verschreckt: "Fragen´s mich ned."

"Beckstein on Tour" steht dick auf dem überlangen 430 PS-Wahlkampf-Bus mit den getönten Scheiben, der das präsidiale Mammutbesuchsprogramm im Flächenstaat Bayern mit seinen sieben Regionen, vulgo "Stämmen", und 136.000 Straßenkilometern abfährt. Nicht, dass Günther Beckstein es nötig hätte. Er kenne schließlich Bayern "wie kein Zweiter", erklärt der gebürtige Mittelfranke leutselig auf der Weiterfahrt. In seinen 14 Jahren als Innenminister habe es keinen Straßenbauabschnitt gegeben, der nicht sozusagen über seinen Schreibtisch gegangen wäre. Das klingt sympathisch, klaglos und pflichtergeben, wie das Trinken des Salbeitees, der ihm, sobald er an seinem Platz im Bus sitzt, "auf Anordnung seiner Frau" wegen der vom vielen Reden in vielen Festzelten krächzenden Stimme serviert wird.

"Wie kein Zweiter" - genauso gut könnte man da einen versteckten Unterton heraushören, eine Watsch´n für seinen Amtsvorgänger: Stoiber, das Schreckgespenst der CSU. Nie würde das jemand laut zugeben, schon gar nicht Beckstein, der vor einem Jahr noch mit dem Huber Erwin als halber "Königsmörder" des röchelnden Stoiber hochgeschrieben wurde, was doch eigentlich der supererotischen Landrätin Gabriele Pauli zustand. Die hatte zwar davon selber nichts als Popularität, dafür aber die beiden Herren neue Ämter. Der vormalige Hardliner Beckstein wurde gütiger Landesvater und der gebürtige Niederbayer Erwin Huber wadlbeißender Parteichef. So konnten die beiden sich das Fell teilen. Günther Becksteins Beliebtheit liegt derzeit bei 58 Prozent, seine Partei liegt zeitweise bei nur 48, verglichen mit der überschrittenen 60-Prozentmarke von 2003 ein herber Verlust. Deuten die, natürlich ganz unbeabsichtigt leuchtend schwarz-gelben Kopfpolster im Bus etwa auf eine künftige Koalition mit der FDP? Noch ist nichts entschieden, jetzt heißt es erstmal wieder Boden in der und für die CSU gut machen, "damit Bayern stark bleibt".

Der Bus hält auf dem Bogenberg, dem Heiligen Berg in Niederbayern. Berühmter Wallfahrtsort mit der "Gnadenmadonna" aus dem 12. Jahrhundert, Heimat des noch berühmteren bayerischen, weiß-blauen Rautenmusters, das auch das Staatswappen ziert. Ein Ort katholischer Volksfrömmigkeit und dementsprechend traditioneller CSU-Wahlergebnisse: 77,2 Prozent für den Bürgermeister, 66,2 für den Landtagsabgeordneten, 68 Prozent Erststimmen für den Bundestagsabgeordneten. Trotzdem wird der bekennende Protestant und Landessynodale Günther Beckstein nicht katholisch. Die Blaskapelle mit Trachtenhut spielt den bayerischen Defiliermarsch. Händeschütteln, Kameraklicken, Autogramme, Fotografen, donau tv und Sat1. Der Landesvater strahlt.

"Ein herzliches Grüß Gott, Herr Ministerpräsident! Und auch an die charmante Gattin ein herzliches Grüß Gott!" Die "charmante Gattin" kommt noch öfter in den Reden der Lokalpolitiker vor. Dabei hat sie einen Namen, Marga Beckstein, der sich in 35 Ehe- und ebenso langen Politikjahren ihres Günther allmählich auch in der Partei herumgesprochen haben müsste. Aber Marga Becksteins Selbstbewusstsein wird von derlei männlicher Ignoranz sowieso nicht beeinträchtigt. Wenn sie ihren Mann auf solchen Touren begleitet, dann deshalb, weil sie so "jeden Fleck in Bayern kennenlernt". Typisch Lehrerin, und keine, die ihrem Mann Händchen hält. Stattdessen hat sie drei inzwischen promovierende Kinder groß gezogen. Mittlerweile ist sie Seminarrektorin in der Lehrerausbildung, und während sie sich hinten im Bus auf ihre Akten konzentriert, spricht ihr Mann vorn zwanglos und gänzlich uneitel mit den Journalisten, regiert zwischendurch ein bisschen und schaut, dass er die richtige Rede am richtigen Ort hält.

Hier, auf dem "Bergfest", geht es wieder mal um "den Wirtschaftsspitzenstandort, vorzügliche Bilanzen, niedrigste Arbeitslosenzahlen - 2,7 Prozent!, höchste Beschäftigungsquoten", kurz: "die Aufsteiger-Region!" Das alles wird aber nicht etwa stumpf als Verdienst der besonders tüchtigen CSU-Landesregierung gefeiert, nein, hier wird dem Wahlvolk geschmeichelt: "Ihr seid fleißige Leut´!" Trübes Wetter. Müdes Klatschen. Ist das wirklich die richtige Rede vor den kaputt gearbeiteten Rentnern, hauptsächlich Mitglieder der "CSU-Senioren­union", die hier für fünf Euro, Bustransport und Leberkäs-Semmel inklusive, dicht gedrängt vor der Kirche an den Biertischen sitzen? Stimmung kommt erst auf, als Beckstein an das "Mir san mir"-Einheitsgefühl appelliert. Das muss in den 33 Redeminuten noch drin sein: "die Verantwortungslosigkeit der Grünen!" "Die Arroganz der Linken". Die SPD, "die die Hauptschule schlecht redet". Die Freien Wähler, "die in Berlin niemand wahrnimmt und die kein Programm haben", und über deren neues Aushängeschild Gabriele Pauli: "Na ja, ich red ned schlecht über andere, aber dass die sagt, sieben Jahre Ehe sind genug und will dann Familienministerin werden!"

Zum Schluss kommt doch noch der Abschiebe-Minister durch: "Schwerstverbrecher müssen wir überall jagen", und "die U-Bahn-Schläger" aus dem Migrantenmilieu sollen verschwinden: "Wer sich so verhält, hat in unserem Land nichts zu suchen!" Lautes Klatschen, Bravo-Rufe. Na bitte, das hat ja nochmal geklappt. Und? Wählen Sie die CSU? Selbstverständlich, jubelt eine Dame von der Senioren-Union. Ja, antwortet nach einigem Nachdenken der mit den Freien Wählern liebäugelnde Frisch-Pensionär, bei der CSU weiß ich doch, was ich hab. Ich bin noch offen, sagt eine 40-Jährige vielsagend, und es klingt ziemlich grün.

Rein in den Bus, raus aus dem Bus. Die letzte Wahlkampfstation an diesem Tag ist die vom Freistaat und der EU geförderte Sommer-Rodelbahn im "Freizeit-Erlebnispark" Sankt Englmar im Bayerischen Wald. Dank der vielen Urlauber und Kinder packt der Überraschungsgast seine vorbereitete Rede gar nicht erst aus, sondern gibt sich mit seiner spontanen Ansprache endlich einmal authentisch: verständnisvoll, verschmitzt, und auch ein wenig unbeholfen. Für die von ihm anvisierten "50plus" saust er sogar die mörderisch rasante Rodelbahn hinunter, um mit vom Wind geröteten Backen vor der Beifall klatschenden Warteschlange zu landen. Beckstein wirkt glücklich, immerhin hat er diese Talfahrt unverletzt überstanden.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare