Der Normalste von allen

Porträt Aiman Mazyek ist seit 2010 der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime – und heute gefragt wie nie
Sophie Elmenthaler | Ausgabe 20/2016 8
Der Normalste von allen
Mazyek ist Sohn eines syrischen Ingenieurs und einer deutschen Journalistin
Foto: Reiner Zensen/Imago

Vermutlich hat die AfD den 23. Mai aus praktisch-organisatorischen Gründen für ihr Treffen mit dem Zentralrat der Muslime (ZMD) vorgeschlagen und nicht, weil es der Tag ist, an dem vor 67 Jahren das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet wurde – so prominent wird das Datum hierzulande ja nun wirklich nicht behandelt. Wäre der Terminvorschlag allerdings von Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats, gekommen, wäre es wahrscheinlicher, dass er das Datum absichtlich gewählt hätte. Gepasst hätte das jedenfalls.

Seit 2010 steht Mazyek dem kleinen muslimischen Dachverband mit Sitz in Köln vor, und obwohl er nur einen Bruchteil der in Deutschland lebenden Muslime repräsentiert, hat Mazyek den ZMD zur vielleicht profiliertesten islamischen Institution in Deutschland gemacht. Er sitzt bei Maischberger und Hart aber fair im Fernsehen und lässt auch sonst wenige Gelegenheiten aus, öffentlich aufzutreten. Die Rolle des Repräsentanten erfüllt er sehr gut, er gibt den „Mann von Format“. Seine Leibesfülle, seine Körperhaltung und sein Tonfall erzeugen genau das Maß an Präsenz, das Aufmerksamkeit verschafft, ohne aufdringlich zu wirken.

Die Themen, zu denen er spricht, sind fast immer dieselben: Islamismus, Terrorismus, Frauenrechte, Demokratie. Das liegt weniger an ihm als an den Leuten, die ihn einladen, um eben darüber zu sprechen. Mazyek tut es. Immer wieder und ohne zu murren. Er erklärt, differenziert, argumentiert, bekennt sich zum Grundgesetz, zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Natürlich stört es ihn, dass Muslimen immer wieder unterstellt wird, sie würden sich nur formal zum Grundgesetz bekennen und heimlich die Scharia einführen wollen, obwohl kaum jemand weiß, was die Scharia eigentlich ist. Natürlich würde er gern auch einmal zu anderen Themen sprechen. Aber es bleibt bei Terrorismus und Demokratie. Aiman Mazyek macht eben seine Arbeit.

Nun hat er sich die AfD vorgeknöpft. Ein Gespräch auf Augenhöhe soll es werden. Die Mitglieder des Zentralrats wollten der AfD als deutsche Bürger begegnen, nicht als Muslime – so formuliert Mazyek es. Zum ersten Mal seit Hitler-Deutschland habe sich eine Partei in Deutschland wieder die Diskreditierung einer kompletten Religionsgemeinschaft auf die Fahnen geschrieben, sagt er, und nein, das sei kein direkter Vergleich mit der NSDAP, sondern einfach so gemeint, wie er es formuliert habe. Selbstverständlich mache er sich deswegen Sorgen, und er hoffe, dass die AfD ihr Grundsatzprogramm, das den Islam als nicht zu Deutschland gehörend festschreibt, noch einmal überdenke.

Reichlich optimistisch klingt das, geradezu utopisch – aber Aiman Mazyek versucht es. Dabei ist er selbst womöglich das überzeugendste Argument gegen den antiislamischen Kurs der AfD: Aiman Mazyek verkörpert nämlich geradezu idealtypisch die Muslime, die selbst nach AfD-Programm zu Deutschland gehören. Auf eine Art, die so CDU-mäßig wirkt, dass viele seiner Gegner es wirklich schwer mit ihm haben. Dabei hat Mazyek mit der CDU nichts zu tun. Bis 2010 war er FDP-Mitglied, trat aber aus, als die Friedrich-Naumann-Stiftung die notorische Islam-Basherin Necla Kelek mit dem Freiheitspreis ehrte. Nach seinem Verständnis sollte eine liberale Partei neutral zu allen Religionen stehen. Das war einer der Gründe, weshalb er sich die FDP einst ausgesucht hatte. Als weiteren Grund nannte er der Zeitung Parlament vor einigen Jahren, dass der ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, dort Mitglied war. Bubis sei ein Vorbild für ihn gewesen, erklärte Mazyek, weil er gleichzeitig Repräsentant der jüdischen Minderheit und parteipolitisch aktiv gewesen sei.

Der ZMD ist für Mazyek seit der Gründung 1994 eine Herzensangelegenheit, ein Beruf und eine Berufung, für die er jeden Tag spätestens um halb sieben aufstehe, wie er sagt. 2001 wurde er Pressesprecher, 2006 Generalsekretär. Die Mittler- und Repräsentantenrolle wurde ihm quasi in die Wiege gelegt: Der Vater war syrischer Ingenieur, die Mutter deutsche Auslandskorrespondentin. Weil Aiman Mazyek in Aachen aufwuchs und seine Vatersprache dort wenig entwickeln konnte, studierte er nach dem Abitur zunächst Arabistik an der renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo. Da habe er sich zuerst schon ganz schön deutsch gefühlt, sagt er. Was Terrorismus anbelangt, ist Mazyek auf nationaler Ebene mindestens so profiliert wie der damalige Universitäts-Großscheich Tantawi, der Selbstmordattentäter immer wieder klar für „unislamisch“ erklärte. Tatsächlich versucht Aiman Mazyek permanent, ein sehr breites Spektrum an muslimischen Positionen zu vertreten, das von liberal bis konservativ-traditionalistisch reicht. Es ist der Versuch, den oft islamskeptischen öffentlichen Diskurs mit einer Mischung aus Zugeständnissen und Aufklärung in sinnvollere Bahnen zu lenken, und dieser Versuch geht nicht immer ganz ohne Widersprüche vonstatten.

Gut, dass Mazyek nicht nur Arabistik in Kairo, sondern auch noch Philosophie, Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Deutschland studiert hat – das passende Rüstzeug, um hierzulande quasi hauptberuflicher Muslim zu werden. Auf die Frage, ob er persönlich auch gläubig sei, antwortet er zurückhaltend: Er versuche, den Islam zu praktizieren. Seinen Glauben zu beurteilen, sei allein Gottes Angelegenheit. Mazyeks Angelegenheit ist es derweil, der normalste muslimische Deutsche zu sein. So lange, bis ihm alle glauben, dass er das nicht nur repräsentiert, sondern auch wirklich ist. Und nicht nur er, sondern fast alle Muslime in Deutschland. Wenn er das geschafft hat, kann er vielleicht doch endlich einen Flugschein machen, ohne mit 9/11 in Verbindung gebracht zu werden.

06:00 23.05.2016

Kommentare 8

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community