#Redefreiheit und Buschkowsky-Logik

ARD-Toleranzwoche Die Kampagne der ARD war Mist, doch die Beiträge zur „Toleranzwoche“ sind – mit einer Ausnahme – erstaunlich gut

Vielleicht war es ja Absicht, dass die ARD bei ihrer Plakataktion zur Toleranzwoche so danebengegriffen hat. Zur Erinnerung: Auf den Postern war zum Beispiel ein Schwarzer abgebildet, der sich fragen lassen musste, ob er eine Bereicherung oder eine Belastung sei. Über einem Männerpaar stand die Frage: „Normal oder nicht normal?“ Diese Art der Ankündigung wurde zu Recht kritisiert. Das Maß an Toleranz, das sie Schwulen, Rollstuhlfahrern und Schwarzen abverlangt hätte, um sich nicht gedemütigt zu fühlen, kann man von keinem erwarten.

Zweierlei aber hat die ARD erreicht: Wirklich jeder hat so mitbekommen, dass es die Themenwoche Toleranz gibt. Und die Messlatte hing danach extrem tief. Wobei ich nicht zu den Leuten gehöre, die davon ausgehen, dass die Diskurse über Akzeptanz und Antidiskriminierung überall so weit fortgeschritten sind wie in Hamburg oder Berlin. Ich weiß, dass große Teile des ARD-Publikums woanders abgeholt werden müssen als zum Beispiel bei der Frage, wie transinterqueere Communitys sich zu Gentrifizierung positionieren können. Ich bin froh, dass vieles in meiner Umgebung selbstverständlich ist, aber ich bin realistisch. Auch ohne die missratene Kampagne hätte ich erwartet, dass das Programm zur Themenwoche relativ konservativ sein wird, schließlich muss es auch zum Beispiel den Volksmusikfreund in Haßloch ansprechen. Mit der ARD ist es ja oft ein bisschen wie mit öffentlichen Bauprojekten. Der Entwurf, der sich am Ende durchsetzt, kann nur langweilen, weil er der kleinste gemeinsame Nenner ist.

Dies vorausgesetzt, ist das Programm erstaunlich gut gelungen. Es gibt wissenschaftliche Sendungen über die Entstehung von Vorurteilen. Der vielgelobte Spielfilm Freier Fall über die Liebe zweier Polizisten, der im Mai vergangenen Jahres in die Kinos kam, debütierte am Montag im SWR-Fernsehen. Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland haben zum Slam #Redefreiheit am Mittwochabend beigetragen. Und es wurden auch weniger vordergründige Themen verhandelt wie etwa die Wiedereingliederung von Straftätern oder der Umgang mit der alternden Gesellschaft. Allenthalben kluge Analysen, hintergründige Porträts und wichtige Fragen.

Nur wenige Produktionen greifen in die Klischeekiste und wirken deplatziert. Der Spielfilm Das Ende der Geduld gehört dazu, basierend auf der Biografie der vielgescholtenen und geachteten Jugendrichterin Kirsten Heisig, die in Neukölln ein beschleunigtes Jugendstrafverfahren durchsetzte. Martina Gedeck spielt großartig, und die Geschichte ist auch in sich einigermaßen stimmig, nur: Was hat der Film in der Toleranzwoche zu suchen? Das Einzige, was sich thematisch aus dem Film ableiten ließe, ist die Erkenntnis, dass Toleranz gegenüber straffälligen Jugendlichen zumindest im Justizalltag nichts zu suchen hat. Dass die Jugendlichen dabei fast durchgängig libanesische Eltern haben, dürfte Vorurteile in Haßloch eher bestätigen als zur Debatte stellen. Da hilft es auch nicht, dass eine der Polizistinnen – gespielt von Sesede Terziyan – ebenfalls Migrationshintergrund hat, und dazu noch einen sehr interessanten, denn sie spricht einerseits Arabisch, wird aber vom libanesischen Gangster als „Türkenfotze“ bezeichnet. Aber darüber muss man großzügig hinwegsehen: Auch Menschen mit Buschkowsky-Logik sehen gern fern. Angesichts der vielen wertvollen Beiträge lässt sich das gerade noch tolerieren.

14:20 19.11.2014
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