Tisch mit Schnurrbart

Deutschland Was ist das für ein absurdes Land? Die syrische Autorin Rasha Abbas hat die Antwort
Sophie Elmenthaler | Ausgabe 10/2016

Wer schon mal die Gelegenheit hatte, Rasha Abbas’ Kurzgeschichten auf Englisch oder Deutsch bei einer Veranstaltung zu hören, wird bei der Lektüre ihres neuen Bands überrascht sein. Die Erfindung der deutschen Grammatik ist nicht nur das erste Buch der Autorin, das vollständig ins Deutsche übersetzt wurde, sondern auch ihr erstes komödiantisches Werk. In 14 Kurzgeschichten erzählt Rasha Abbas vom Alltag in Deutschland und seinen Verwirrungen, meist driftet die Handlung von einer einfachen Alltagssituation ausgehend ins Absurde bis Surreale ab.

Rasha Abbas, die 2008 ihren ersten Band mit Erzählungen veröffentlichte (Adam hates television, ausgezeichnet mit dem Preis des UNESCO Cultural Capitals Program), hat diese Technik schon in ihren früheren Werken benutzt, nur waren diese Geschichten düster, albtraumhaft, paranoid. Im neuen Buch dient die Verzerrung der Erzeugung von Komik, was in einigen Fällen auch überzeugend gelingt. Zum Beispiel in der Story, in der die Erzählerin dem Sohn ihrer Vermieterin, der in der Schule beim Rauchen erwischt wurde, aus der Patsche hilft. Um seine Strafe zu mildern, besucht die Erzählerin die Lehrerkonferenz mit zwei drogenabhängigen Bekannten als abschreckende Beispiele. Der denkwürdige Auftritt wird zum Renner, schließlich treten die Junkies sogar mit einem Technosong auf, der Wollt ihr wirklich so enden heißt.

In anderen Episoden erläutert die Erzählerin, wie ihr ihre Videospielsucht bei der Bewältigung des deutschen Behördendschungels geholfen hat oder sie unverhofft zur gefeierten Künstlerin wurde, weil sie zum Erlernen der deutschen Artikel Orangen mit Brüsten und Tische mit Schnurrbärten gezeichnet hatte – die Skizzen fielen einem Agenten auf.

Rasha Abbas, die 1984 im syrischen Latakia geboren wurde, in Damaskus Journalistik studiert hat und 2014 nach Deutschland kam, schreibt nicht deutsch. Wäre sie eine deutsche Autorin, würde sie wohl umgangssprachlich schreiben, alltagsnah, wie es zum Genre, das Richtung Popliteratur und Poetry-Slam geht, passt. Rasha Abbas hat als zusätzlichen Verfremdungseffekt aber einen speziellen Sprachstil gewählt: eine Form des Hocharabischen, wie es früher zur Übersetzung klassischer Romane verwendet wurde. Dafür gibt es im Deutschen keine echte Entsprechung; die Übersetzerin Sandra Hetzl hat sich allerdings alle Mühe gegeben, dem manierierten und etwas antiquierten Originaltonfall gerecht zu werden.

Herausgekommen ist ein Deutsch, das an Joseph von Eichendorff oder Gottfried Keller erinnert, was zusammen mit der trashigen Handlung eine gewöhnungsbedürftige Mischung ergibt. Der Komik, die die Autorin erzeugen wollte, kommt der Stil manchmal zugute, manchmal aber auch nicht. In einigen Fällen schwächt die zusätzliche Ironieebene, die durch den Sprachstil entsteht, die Pointen ab. Auch traut Rasha Abbas ihren Pointen manchmal selbst nicht und erklärt den Witz oder benutzt einen komischen Effekt in einer Geschichte mehrfach.

Insgesamt jedoch ist das Buch für ein Komödiendebüt gelungen, Die Erfindung der deutschen Grammatik ist amüsant und streckenweise sogar informativ. Die Leserin erfährt zum Beispiel etwas über arabischsprachige pornografische Klassiker. Oder dass es 2014 unter vielen Syrern noch als peinlich galt, sich als Asylbewerber zu outen, weshalb viele behaupteten, sie seien mit einem Studentenvisum nach Deutschland gekommen. Und es gibt eine Geschichte, die so komisch ist, dass sie einem Tränen in die Augen treibt. Um nicht zu viel zu verraten: Es geht um Hipster. Und um Weihnachten.

Info

Die Erfindung der deutschen Grammatik Rasha Abbas Sandra Hetzl (Übers.), Orlanda-Frauenverlag 2016, 160 S., 12,50 €; E-Book 3,99 € im Mikrotext-Verlag

06:00 23.03.2016
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