Rotherbaron

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Rotherbaron
RE: Mehr Biodiversität, weniger Viren | 14.04.2020 | 14:46

Wir müssen nicht mit dem Finger nach Asien oder Afrika zeigen. Bei uns hat sich die Argumentation durchgesetzt, dass Artenschutz einfach nur ein Störfaktor bei der Umsetzung der schönen neuen Welt des grünen Wachstums ist.

Demnach hat die Bundesregierung auf Drängen der Windkraftlobby 2017 ein Gesetz beschlossen, wonach das Töten geschützter Arten in bestimmtem Umfang erlaubt ist. Der Gesetzesentwurf wurde dabei geradezu handstreichartig ins Parlament eingebracht: Die Naturschutzverbände bekamen Ende 2016, kurz vor Weihnachten, gerade einmal 14 Tage Zeit, um dazu Stellung zu nehmen.

Die „zwingenden Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses“, die laut Gesetzestext ein Ab-sehen vom Tierschutz erlauben, werden in der überarbeiteten Fassung ausdrücklich auf „Vorhaben privater Träger“ ausgedehnt, sofern „öffentliche Belange ihre Realisierung erfordern“ (vgl. Bundesna-turschutzgesetz, § 45, Abs. 7). Was damit gemeint ist, erläutert der Nachsatz: „Zu diesen Belangen gehört der Ausbau der Erneuerbaren Energien“. Dies bedeutet nichts anderes, als dass der Tier- und Naturschutz privatwirtschaftlichen Interessen geopfert wird.

Wälder werden mit Trassen durchschnitten und selbst naturnahe Wälder wie der Reinhardswald in Nordhessen in Industriegebiete umgewandelt. Es kommt zu einer Verdichtung oder Vernichtung von Lebensräumen wildlebender Tiere und damit zu einer größeren Nähe zu Wohngebieen. In den verbliebenen Inseln von Wald wird von den Mitgliedern der Heil- und Rechtsberufe dann auch noch der Jagdfreude gefrönt. Deutschland: Kein ruhiger Platz für Wildtiere!

"Klimaschützer" von FFF bis zu den Grünen vertreten die Ansicht, man könne ganze Tierarten ausrotten und großzügig Ökosysteme betonieren, wenn es dem höheren Ziel des Klimaschutzes dient. ArtenschützerInnen werden regelmäßig als Forschrittsbremsen verhöhnt. Den meist urbanen KlimaschützerInnen fehlt allzu oft die lebendige Verbindung zur Natur und das Verständnis für sensible Ökosysteme.

Die Ersetzung des Naturschutz- durch den Klimaschutzgedanken führt dazu, dass wir das Gespür für das komplexe Interaktionsgefüge verlieren, das naturhaftes Leben auszeichnet. Wenn aber das Denken in Kategorien von Ökosystemen oder symbiotischen Beziehungen, wie sie uns der Naturschutz gelehrt hat, in den Hintergrund tritt, verlernen wir auch die nötige Achtsamkeit im Umgang mit der Natur, die durch die Umweltschutzbewegungen des vergangenen Jahrhunderts stärker zur Geltung gebracht worden ist.Im Schatten der „klimafreundlichen“ Transformation der Wirtschaft können dann auch die ausbeuterisch-rücksichtslosen Formen des Umgangs mit der Natur, die gerade erst mühsam eingedämmt worden sind, wieder ungenierter praktiziert werden. Falls nötig, braucht man ja nur zu behaupten, dass dies im Namen des Klimaschutzes unerlässlich sei. Wenn vom „New Green Deal“, einer „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“ oder dem wachstumsfördernden Potenzial der neuen, „klimaschonenden“ Technologien die Rede ist, bereitet das exakt einer solchen Entwicklung den Boden.

Mit der damit einhergehenden massiven Einschränkung von Ökosystemen und Lebensräumen bieten wir nicht nur Zoonosen einen guten Nährboden, wir begünstigen durch unsere Naturzerstörung am Ende auch den Klimawandel. Es bleibt zu hoffen, dass sich die KlimaaktivistInnen mehr und intensiver mit ökologischen Fragen und Naturschutz beschäftigen und sich nicht von einer Industrielobby vereinnahmen lassen. Man kann nur hoffen, dass sie für den Erhalt der Natur und der Artenvielfalt auf die Straße gehen und nicht wie leider allzu häufig für mehr Beton in Naturschutzgebieten und die Zerstörung Rückzugsgebieten bedrohter Tierarten für Windkraftanlagen!

RE: Nicht mehr die Demokratie, die wir kennen | 03.04.2020 | 18:04

Es gibt einen ökologischen Notstand: Die Natur ist akut bedroht. Und was der Natur widerfährt, betrifft auch unser Leben und unsere Lebensgrundlagen. Aber: Meine Befürchtung ist, dass gerade in dieser Debatte kein "Naturnotstand" ausgerufen würde, sondern der "Klimanotstand". Warum? Ganz klar: Dieser lässt sich weitaus besser mit Lobbyinteressen verbinden. Schon jetzt fordern so genannte Klimaschützer (die eher ihre WKA-Aktien schützen wollen als "das Klima"), dass der Natur- und Artenschutz eingeschränkt wird, um das Klima zu retten. Besonders merkwürdig die Argumentation der rheinland-pfälzischen Umweltministerin. Sie sagt: "Wir brauchen Windräder im Wald, denn der Wald ist besonders vom Klimawandel bedroht.". Also das bedeutet: Weil der Wald stirbt und damit auch die Flora und Fauna, die dort lebt, holzen wir den Wald ab, verdichten dort hektarweise den Boden, gießen Tonnen von Stahlbeton hinein und stellen ihn mit Propellern voll, die die sensibelen Waldbewohner wie Eulen, Fledermäuse usw. vergrämen oder gleich schreddern. Und zwar, weil WKA theoretisch die fossilen Stromquellen eventuell ersetzen und damit allenfalls in einem theoretischen Promillebereich einen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels beitragen könnten. So argumenteren übrigens die meisten "Klimaschützer": Wir rotten Tiere aus, zerstören die letzten Reste von Natur um eventuell den Klimawandel einzudämmen, um die Natur dann zu schützen, die wir vorher schon platt gemacht haben ...Das ist wie aus einem dieser absurden Dialoge von Karl Valentin!

RE: Die Krise als Chance? | 03.04.2020 | 16:26

:-) Verlaine und Mallarmé nicht zu vergessen. Kleine Fluchten in die Poesie können auch entlasten: https://rotherbaron.com/2020/03/18/aufstand-gegen-das-leben/

RE: Die Krise als Chance? | 03.04.2020 | 10:05

Ich lese mit großem Erstaunen und Faszination, in welcher Weise ein doch eher pragmatischer Text, der Vorschläge zum Gesundheitssystem, zum Natur- und Klimaschutz und zur Schule macht, zu einer so ausführlichen Diskussion über die kritische Theorie, den Narzissmus, und den Materialismus Anlass gibt. Mir ging es ja eher um konkrete Veränderung von Routinen und Politikgestaltung. Was den narzisstischen Persönlichkeitstyp gerade unter gewählten PolitkerInnen anbelangt, so empfehle ich das schon alte, aber in seinen Grundgedanken immer noch aktuelle Buch des Psychoanalytikers Arno Gruen: Vom Wahnsinn der Normalität? ( als in der Nazizeit emigrierter Wiener Jude wusste er, was er analysierte).

RE: Krankes Gesundheitssystem | 01.04.2020 | 14:02

Diesen Ausführungen kann ich nur zustimmen?- Aber wie können die Empfehlungen politisch durchgesetzt werden?- Besteht eine Chance nachdem die Corona-Krise die Probleme des Gesundheitswesens überdeutlich aufgezeigt hat?

RE: Die Krise als Chance? | 01.04.2020 | 13:59

Vielen Dank für die ausführlichen, interessanten und sehr anregenden Ergänzungen! - Ich kann vielem aus vollstem Herzen zustimmen. Vor allem den Ausführungen im Zusammenhang mit "Optimierung". - Nur so nebenbei und nicht zum Thema gehörend: Ich kannte ich das Gnom-Bild von Spitzweg noch nicht. Sehr eigentümlich und irgendwie anrührend ...

RE: Allein und verwundbar | 30.03.2020 | 16:51

Wer ist kein Opfer von Corona?- Aber gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Ungerechtugkeiten verstärken sich. Corona als Brandbeschleuniger ...

RE: Allein und verwundbar | 30.03.2020 | 16:46

:-). ich gehöre auch zur gleichen Spezies, säge aber nur im Notfall ... bevorzuge Stift, Papier, PC und Buch ...

RE: Roll over Hexameter | 29.03.2020 | 09:22

Danke für diesen interessanten Tipp. In meinen jungen Jahren war ich hingerissen von der Musikalität und der Bildhaftigkeit von Hölderlins Lyrik. Noch immer hat er seinen Platz in meinem persönlichen "Dichterhimmel".

RE: Allein und verwundbar | 29.03.2020 | 09:19

Vielen Dank für diesen Artikel!- Es ist gut, auf die sozialen Ungleichheiten hinzuweisen. Die Beispiele sind etwas sehr plakativ. Zwischen den Superreichen und dem Wohnen in einer schimmeligen Wohnung, gibt es noch die normale Mittelschicht, innerhalb derer Kleinunternehmer, Soloselbstständige und Lehrbeauftragte u.a. um ihre Existenzsicherung bangen. Ganz normale Familien, die Ängsten und beengten Wohnverhältnissen ausgesetzt sind ... und auf dem Land ist es auch nicht ruhig: Viel zu viele Männer ohne große geistigen Ambitionen oder Fähigkeiten (die sich kleinkindhaft als Nabel des Universums sehen) verbringen Tage mit dem lautstarken Zersägen ganzer Baumstämme. Das kann das "Homeoffice" und Telefonkonferenzen zu einer Hölle besonderer Art machen.