Baudelaires dunkelschöne Dichterblumen

Lyrik Am 9. April 1821 wurde der französische Dichter Charles Baudelaire geboren. Seine Gedichte ziehen auch heute noch viele Menschen in ihren Bann
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Baudelaires  dunkelschöne Dichterblumen
Charles Baudelaire gemalt von Émile Deroy

Foto: PRA/Wikimedia (CC 4.0)

Ein unstetes Leben

Der am 9. April 1821 geborene Charles Baudelaire gilt durch die neuartigen Sujets und Darstellungsmittel, die er in die Dichtung eingebracht hat, als einer der Wegbereiter der modernen Lyrik. Daneben erscheint er aufgrund seines Hangs zu Weltuntergangsstimmungen und der Einbeziehung der dunklen Seiten des menschlichen Lebens in seine Dichtung auch als Vorläufer der späteren Décadence-Literatur. Dem entspricht auch sein Leben, das bilderbuchartig die Klischees des verkannten, verarmten, früh verstorbenen Genies bestätigt.

Baudelaire war noch keine sechs Jahre alt, als er seinen Vater verlor. Als seine Mutter anderthalb Jahre später erneut heiratete, erhielt Baudelaire einen Stiefvater, der auf der militärischen Karriereleiter bis zum Brigadegeneral aufstieg und es zusätzlich zu Botschafter- und Senatorenehren brachte. Bei der Erziehung seines Stiefsohns setzte er demzufolge auf eben jene Disziplin, der er selbst seine Erfolge verdankte.

Baudelaire aber hatte andere Interessen. Schon als knapp 15-Jähriger gewinnt er einen Dichterwettbewerb (für Werke in lateinischer Sprache), mit 18 wird er wegen Verhaltensauffälligkeiten von der Schule geworfen und muss sich extern auf die Reifeprüfung vorbereiten (die er allerdings trotzdem besteht). Das 100.000 Goldfranken starke väterliche Erbe, das er sich mit Erreichen der Volljährigkeit auszahlen lässt, verprasst er in kurzer Zeit. Die Familie lässt ihn daraufhin zwei Jahre später unter Vormundschaft stellen und ihm nur noch monatliche Unterhaltszahlungen zukommen. In der Folge leidet Baudelaire unter chronischer Geldnot. Schon 1845 denkt er, bedrängt von den Gläubigern, kurzzeitig an Selbstmord. 1862 erwirkt ein Gläubiger einen Haftbefehl gegen ihn, dem Baudelaire sich nur knapp durch eine Flucht nach Belgien entziehen kann.

Seit 1842 pflegt Baudelaire eine überaus "dynamische" Beziehung zu der in Haiti geborenen Schauspielerin und Tänzerin Jeanne Duval. Mehrfach trennt sich das Paar, mehrfach kommt es zu tränenreichen Versöhnungen. Daneben hat Baudelaire jedoch auch einige andere Liebschaften. Hieraus resultiert mutmaßlich seine Erkrankung an der Syphilis, an deren Folgen er 1867 im Alter von nur 46 Jahren stirbt.

Die Fleurs du mal – Blumen des Bösen?

Baudelaires Hauptwerk sind die Fleurs du mal, die 1857 erstmals erschienen sind und erst in der dritten, 1868 (ein Jahr nach Baudelaires Tod) veröffentlichten Ausgabe ihre endgültige Gestalt erhielten. Im deutschsprachigen Raum kennen wir die Fleurs du mal als "Blumen des Bösen". Eine solche Übersetzung ist insofern gerechtfertigt, als Baudelaire selbst die Kategorie des Bösen ausdrücklich als zentrale Triebkraft des menschlichen Handelns gekennzeichnet hat. Auch einige Gedichte der Fleurs du mal sind erkennbar von dieser Sichtweise der menschlichen Natur beeinflusst.

Auf der anderen Seite stellen die Fleurs du mal im Rahmen des gesamten gleichnamigen Gedichtbandes aber nur einen Teilzyklus dar. Daneben stehen andere Teilzyklen, deren Titel (u.a. "Der Wein" oder "Pariser Bilder") auf eine komplexere Konzeption des Bandes hindeuten. Mit der Beschränkung auf den Aspekt des Bösen läuft man daher Gefahr, Klischees zu folgen, die schon zu Lebzeiten Baudelaires von dessen Kritikern verbreitet wurden (und die dazu geführt haben, dass einige seiner Gedichte zeitweilig verboten waren). Letztlich galt der Dichter dabei selbst als "böse" oder zumindest als verrucht, weil er es gewagt hatte, die Kehrseite der bürgerlichen Gesellschaft, also das aus deren Perspektive "Böse" – die Bettler, die Huren, die nichtsnutzigen Herumtreiber, die Kranken, die Säufer und die Liebhaber anderer Drogen, aber auch das Alter und den Tod – dichterisch darzustellen.

Es erscheint deshalb sinnvoll, noch einmal daran zu erinnern, dass die Bedeutung von "le mal" sich keineswegs auf "das Böse" beschränkt. In zahlreichen Wendungen deutet der Begriff vielmehr auch auf Schmerz, Kummer und körperliches Unwohlsein hin. So bezeichnet "le mal du pays" das Heimweh, und wer "mal au cœur" hat, dem ist übel. Dies macht das Bild von den Fleurs du mal schillernder, als es in der deutschen Übersetzung erscheint.

Die Fleurs du mal als Blumen des (absolut) Bösen

Im Rahmen seiner Übersetzungen der Werke Edgar Allan Poes hat Baudelaire sich auch ausführlich mit der darin widergespiegelten "natürlichen Boshaftigkeit des Menschen" auseinandergesetzt. In Anlehnung an Poe beschreibt er das Böse dabei als "geheimnisvolle Kraft" und "angeborene Neigung", ohne die "eine Reihe menschlicher Handlungen (…) unerklärbar" bliebe. Diese erhielten ihren Reiz "allein daraus, dass sie boshaft und gefährlich sind; sie besitzen die Anziehungskraft des Abgründigen". Die Unmöglichkeit, ein "vernünftiges Motiv" für sie zu finden, dürfe indessen nicht dazu führen, sie "auf die Einflüsterungen des Teufels zurückzuführen". Denn Gott selbst nutze "oftmals eben diese Handlungen für die Wiedererrichtung der Ordnung und die Züchtigung der Missetäter".

In einer Umkehrung des biblischen Mythos von Kain und Abel wird in den Fleurs du mal vor diesem Hintergrund nicht Kain, sondern Abel als Ursprung allen Übels gedeutet. Denn allen Wohltaten zum Trotz, die Gott ihm gewährt hat, hat das Geschlecht Abels die Welt mit Krieg und Zerstörung überzogen. Daraus wird in dem Gedicht die drastische Schlussfolgerung gezogen, dass Kain sein Werk schlicht nicht vollendet habe. Wenn nämlich Gott ein vom Bösen geprägtes Geschlecht gefördert hat, ist er offenbar selbst im Kern "böse". Deshalb wird Kain am Ende aufgefordert, Gott "aus dem Himmel zu werfen".

Aus dieser radikalen Abkehr vom christlichen Weltbild ergibt sich in den Litanies de Satan auch eine völlige Neubewertung des Teufels. Als "Anti-Christ" erscheint dieser nun als positiver Gegenspieler des als "böse" entlarvten Gottes. Er ist der wahre Erlöser, derjenige, der "die menschlichen Ängste heilt", weil er ebenso verstoßen ist wie die Ärmsten der Armen, die Verbannten, die zum Tode Verurteilten, d.h. alle, die unter der von Gott den Menschen eingepflanzten Boshaftigkeit leiden. An ihn müssen sich folglich auch die in den Litanies de Satan formulierten Fürbitten der Verzweifelten richten.

Durch seine bloße Existenz als Widersacher Gottes wird der Satan zum "Adoptivvater all jener, die Gottvater in seiner dunklen Wut / aus dem himmlischen Paradies verjagt hat". Er ist es, der "sein Zeichen auf die Stirn des mitleidslosen, niederträchtigen Krösus setzt" und der als "Beichtvater der Gehängten" "dem Geächteten jenen ruhigen, entrückten Blick schenkt, / der ein ganzes Volk rund um ein Schafott verdammt".

Ein Gedicht, dass die von Baudelaire thematisierte "natürliche Perversität" des Menschen – die "Anziehungskraft des Abgründigen", der er immer wieder erliegt – besonders eindrücklich vor Augen führt, ist Le revenant:

Der Wiedergänger

(Le revenant)

Ein Engel mit flackerndem Blick,

so suche ich des Nachts dich heim

und schleiche aus dem Schattenmeer

geräuschlos mich in deinen Schlaf.

Mondscheinkalt sind meine Küsse,

ich streichle dich wie eine Schlange,

die heimlich über einer Grube

dich in die dunkle Tiefe zieht.

Wenn der Morgen bleiern graut,

ist verwaist mein Platz und kalt,

bis der nächste Tag zerfällt.

Wo and're zärtlich dich bezwingen,

mache ich durch das Entsetzen

mir deine Jugend untertan.

Die Fleurs du mal als Blumen des Schmerzes

Wie gesagt: Die Fleurs du mal sind nicht in jedem Fall die "Blumen des Bösen". Die "kränklichen Blumen", die Baudelaire in der Widmung seines Gedichtbandes an Théophile Gautier ankündigt, können vielmehr auch dem Schmerz entwachsen. "Ennui" und "Spleen" sind denn auch Schlüsselbegriffe in den Fleurs du mal. Beide Begriffe sind schwer zu übersetzen, verweisen jedoch in ihrer assoziativen Verknüpfung von Lebensüberdruss und Schwermut, Langeweile und unbestimmtem Groll auf den charakteristischen Gemütszustand des modernen Menschen, seine Entfremdungsgefühle und sein Unbehaustsein in einer Welt, die ihr selbstverständliches Sinn- und Ordnungsgefüge verloren hat.

"Ennui" bzw. "Spleen" sind allerdings dadurch mit dem Aspekt des "Bösen" verbunden, dass sie teilweise gerade aus dem Leiden an der Unvollkommenheit der menschlichen Natur und des menschlichen Daseins erwachsen. So mag das "Böse" oder das "Laster" zwar, wie Baudelaire ausführt, für "den Intellekt und das Gewissen" ein "Anschlag auf das Gerechte und das Wahre" sein. "Poetische Gemüter" würden sich jedoch viel direkter davon getroffen fühlen. Für sie seien das Böse und seine Manifestationen eine "Beleidigung der Harmonie, eine verletzende Dissonanz (…), eine Art von Verfehlung gegen Rhythmus und Klang des Universums", kurz: gegen das, was Baudelaire in einem sehr weiten Sinn als "das Schöne" beschreibt.

Das Ziel der Dichtung muss es vor diesem Hintergrund sein, in den Lesenden denselben Sinn für das Schöne – und damit auch für die Harmonie im sozialen Bereich – zu wecken, der den Dichter bei seiner Arbeit inspiriert. Denn das "Streben nach einer höheren Schönheit", auf dem die Dichtung nach Baudelaire beruht, manifestiert sich ihm zufolge "in einem bestimmten Enthusiasmus, einem seelischen Erregungszustand", der sich "fundamental von der Leidenschaft", aber auch von der "Wahrheit, dem Weidegrund der Vernunft", unterscheidet. Die blinde Euphorie menschlicher Leidenschaften und das kalte Sezieren des menschlichen Verstandes sollen folglich in den Zustand eines meditativen Erahnens oder "Erschauens" des Wahren, Gerechten und Schönen überführt werden. Dem entspricht eine Dichtung, die nicht nach einer objektiven Darstellung der Realität strebt, sondern sie bewusst durch den Filter subjektiver Stimmungen evoziert.

Diese Sichtweise von Dichtung führt auch zu einer anderen Sicht auf das "L'art-pour-l'art"-Konzept. Folgt man Baudelaire, so handelt es sich dabei keineswegs um eine wirklichkeitsfremde Kunst, die sich von der sozialen Realität abkoppelt. Vielmehr kann die Kunst aus dieser Perspektive gerade dadurch auf Letztere einwirken, dass sie sich nicht direkt auf sie bezieht.

Eine so verstandene Dichtung weist zudem stets über sich selbst hinaus. Zentral ist nicht das, woraus sie besteht – das sprachliche Material –, sondern die Komposition, für die sie dieses verwendet. Diese Komposition wirkt ebenso oder sogar noch stärker durch den Sprachrhythmus, den Klang der Worte und die durch sie evozierten Bilder wie durch den tradierten Verweisungscharakter der Begriffe. Denn das Gedicht soll nach diesem Verständnis ja nicht zum Nachdenken anregen, sondern die Lesenden unmittelbar berühren und eben dadurch eine "erhebende", den Sinn für das Schöne, Wahre und Gerechte öffnende Gestimmtheit in ihnen auslösen. Dadurch ist diese Art von Lyrik in ihrer Wirkung der Musik zuweilen näher als der traditionellen Dichtung.

Das folgende Gedicht verweist sowohl auf die kontemplative Haltung, die als Voraussetzung für die entsprechenden Gedichte erscheint, als auch auf den Trost, der aus ihnen zu ziehen ist:

Andacht

(Recueillement)

Nur Mut, Melancholie, du meine dunkle Schwester!

Schon wirft der Abend, deine Heimat, seinen Schleier

auf die hochmütige Stadt und breitet

seinen Schattenmantel über wunde Seelen.

Reich mir, gebeugte Schwester, deine Hand!

Die Peitsche der Zerstreuung, die die Zeit,

der gnadenlose Henker, schwingt, Verlangen

aus Verlangen zeugend, lass uns fliehen!

Lass vom Altan des Himmels auf die Jahre,

die verblich'nen, andächtig uns schaun

und auf ihr lächelndes Bedauern.

Und während die Wolken die sterbende Sonne wiegen,

lass uns, du traumgebor'ne Schwester, lauschen

dem Rauschen der trauervoll tröstenden Schleppe der Nacht.

Die Fleurs du mal als Blumen des scheinbar Bösen

Eine weitere Möglichkeit, das Bild von den "Blumen des Bösen" bzw. "Schlechten" zu deuten, bezieht sich auf die Perspektive derer, die der entsprechenden Art von Dichtung ablehnend gegenüberstehen. Die "Fleurs du mal" wären demnach lediglich in dem Sinne "böse", dass sie von bestimmten Menschen für moralisch verwerflich gehalten werden. Bei diesem Personenkreis handelt es sich, in Baudelaires eigenen Worten, um jene Menschen, die ihr Denken und Handeln ganz der vorherrschenden "Idee der Nützlichkeit" unterordnen. In deren Augen erscheint alles, was keinen konkreten, insbesondere wirtschaftlichen Nutzen bringt, als nutzlos.

Die Kunst ist aus dieser Sicht allerdings nicht einfach nur wertlos. Vielmehr stellt sie, indem sie ihren Sinn aus sich selbst generiert, statt auf einen außer ihr liegenden ökonomischen Wert abzuzielen, das utilitaristische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell grundsätzlich in Frage. So betont auch Baudelaire, dass kaum etwas der "Idee der Schönheit" so feindselig gegenüberstehe wie die "Idee der Nützlichkeit" (ebd.).

Seine Kritik am utilitaristischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell führt bei Baudelaire auch zu einer allgemeinen Zivilisationskritik. Ausdrücklich verteidigt er dabei die so genannten "Wilden" bzw. die "primitiven" Völker gegen das Klischee der Rückständigkeit. Kein moderner Mensch könne seine "trägen Augen und (…) ertaubten Ohren" mit den Sinnen der in der Wildnis lebenden Menschen vergleichen, deren Augen "den Nebel durchdringen" und deren Ohren "das Gras wachsen hören".

Als unterentwickelt erscheint aus dieser Perspektive eher der zivilisierte Mensch. Mit seiner "Philosophie des Fortschritts" versuche dieser sich, so Baudelaire, lediglich "über seinen Kontrollverlust und seinen Verfall hinwegzutrösten". Für den Fortschrittsglauben – im Sinne des Glaubens daran, "dass wir voranschreiten, ohne es zu wollen, auf unvermeidliche Weise", gewissermaßen "im Schlaf" – hat Baudelaire nur Spott übrig. Dabei betont er auch, dass der vermeintliche Fortschritt "im selben Maße, wie er die Lust verfeinert", auch den Schmerz vervollkommne, so dass "seine Eroberungen auf der Stelle wieder verloren gehen und er sich stets selbst aufhebt".

Unzweideutig ist auch Baudelaires kritische Haltung gegenüber einer Geldwirtschaft, in der sich bereits deutlich die kapitalistischen Ausbeutungsexzesse abzeichneten: "Ich gebe offen zu, dass ich den Kult des Teutates gegenüber dem des Mammons vorziehe. Der Priester, der dem grausamen Erpresser menschlicher Hostien Opfer darbietet, die auf ehrenhafte Weise sterben, erscheint mir im Vergleich zu dem Finanzmann, der die Bevölkerungen schlicht seinem Eigeninteresse opfert, als ganz und gar sanftes Wesen."

Die Kunst kann vor diesem Hintergrund gerade in ihrer radikalen Andersartigkeit als möglicher Katalysator für eine Überwindung des utilitaristischen Gesellschaftsmodells wirken. Zentral ist dabei ein qualitativ anderer Realitätsbezug, in dem die Innenwelt des Menschen mit ihrer utopisch-visionären Kraft eine entscheidende Rolle spielt. Baudelaire zitiert in diesem Zusammenhang mehrfach Poe, für den "alle Gewissheit (…) in den Träumen" liege und der demzufolge sein Prosagedicht Eureka (1848) auch jenen gewidmet habe, "die an die Träume als die einzigen Realitäten glauben".

Der Dichter erscheint so, wie in dem folgenden Gedicht, als eine Art "Traumfänger", der mit seinen Werken der unterdrückten "Nachtseite" des Lebens und der poetischen Kraft der Traumwelt zu neuer Geltung verhilft:

Mondmelancholie

(Tristesses de la lune)

In trägen Träumen still versinkend, lagert

auf ihren Sternenkissen die Göttin des Mondes,

wie eine fremde Schönheit, die zerstreut

im Schlaf sich über ihre Brüste streicht.

Getragen von lawinenweichen Flügeln,

gibt sie sich einer tiefen Ohnmacht hin

und reist durch ihre Nachtgesichte,

die sich wie Blüten aushauchen ins All.

Und manchmal löst aus ihrem müden Sehnen

sich flüchtig eine Tränenperle.

Dann birgt, ein mitleidsvoller Schlafverächter,

ein Dichter diese Sternenscherbe

mit dem Traumgefunkel – und legt sie,

fern dem Blick der Sonne, in sein Herz.

Das Erhaschen der Ewigkeit

In der Summe muss man sich die Fleurs du mal wie jene exotischen Blumen vorstellen, die nur selten und auch nur ganz kurz erblühen, dazu noch völlig unerwartet und oft mitten in der Nacht. Die Liebhaber dieser Blumen müssen daher stets bereit sein für den einen Augenblick, in dem der leuchtende Duft ihrer Blüten sich wie eine Gloriole um sie verbreitet und die Glücklichen, die dem seltenen Schauspiel beiwohnen dürfen, alles um sie her vergessen lässt.

Dieser eine, außergewöhnliche Augenblick, der einen aus dem Strom der Zeit heraushebt, ist es, worauf Baudelaires Dichtung im Kern abzielt. Sie möchte die wesensmäßige Unvollkommenheit des menschlichen Daseins für einen kurzen Augenblick durchbrechen, indem sie ein flüchtiges Erahnen des Vollkommenen in eine künstlerische Form gießt und dieses so für die Lesenden nachvollziehbar macht.

Dies muss keineswegs bedeuten, dass der zugrunde liegende "Erregungszustand" selbst vollkommen war. Die Vollkommenheit kann vielmehr gerade auch im Leiden an der Unvollkommenheit, in der Sehnsucht nach einem Leben, das nicht von Vergänglichkeit, Ungerechtigkeit und Niedertracht gekennzeichnet ist, aufscheinen. In Baudelaires Worten: "Wenn ein erlesenes Gedicht einem Tränen in die Augen treibt, so sind diese Tränen nicht Ausdruck überbordender Freude. Sie verweisen vielmehr auf die verfeinerte Melancholie (…) eines im Unvollkommenen ausgesetzten Wesens, das in eben diesem Augenblick, auf eben dieser Erde, einen Blick ins Paradies erhaschen möchte".

In diesem Sinne ließe sich auch das Gedicht Réversibilité deuten, das den (unerfüllbaren) Traum von der "Umkehrbarkeit" der Verhältnisse, also der Teilhabe des im Unvollkommenen ausharrenden Ichs an der Vollkommenheit überirdisch-"engelsgleicher" Verhältnisse, besingt. Das Gedicht hat Baudelaire in einem Brief der von zahlreichen Künstlern als Muse verehrten Apollonie (eigentl. Joséphine-Aglaé) Sabatier gewidmet, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris einen berühmten Salon unterhielt. Es steht damit zugleich für die bei Baudelaire häufig anzutreffende Projektion der Sehnsucht nach einer idealen Welt auf das weibliche Geschlecht.

Umkehrbarkeit

(Réversibilité)

Engel voller Freude, kennt Ihr die Angst,

die Scham, die Reue, das Schluchzen, den Kummer

und die unbestimmten Schrecken dieser finst'ren Nächte,

die das Herz umklammern wie Papier, das man zerknüllt?

Engel voller Freude, kennt Ihr die Angst?

Engel voller Güte, kennt Ihr den Hass,

die geballte Faust im Schatten und die bitt'ren Tränen,

wenn die Rache bläst zu ihrem höllischen Appell

und uns zu ihrer Waffe macht?

Engel voller Güte, kennt Ihr den Hass?

Engel voller Lebenskraft, kennt Ihr die Fieberkrämpfe,

die vor den bleichen Mauern des Hospizes

wie Verbannte mit schleppenden Schritten schleichen,

die Lippen zitternd, Sonnenreste suchend?

Engel voller Lebenskraft, kennt Ihr die Fieberkrämpfe?

Engel voller Schönheit, kennt Ihr die Falten,

die Geißel des Alterns, gespiegelt im Wandel

von Liebe zum Opfer, im heimlichen Abscheu

von Blicken, deren Glut wir einst getrunken?

Engel voller Schönheit, kennt Ihr die Falten?

Engel voller Glück, voller Freude, voller Licht!

Lebenskraft hätte der sterbende David erbeten

von der Aura deines zauberischen Körpers;

ich aber, Engel, erflehe nur deine Gebete,

Engel voller Glück, voller Freude, voller Licht!

der sterbende David: bezieht sich auf eine Bibelstelle, in der von dem Plan der Diener König Davids berichtet wird, ein junges Mädchen für ihren Herrn zu suchen und so dessen Lebensgeister wieder zu wecken (vgl. 1 Kge 1 – 4).

Nachweise und Links:

Baudelaire-Zitate ins Deutsche übertragen nach: Baudelaire, Charles: Notes nouvelles sur Edgar [Allan] Poe (Neue Anmerkungen zu Edgar Allan Poe; 1857). Vorwort zu Poe, Edgar [Allan]: Nouvelles histoires extraordinaires. Paris 1884: Quantin

Baudelaire-Gedichte ins Deutsche übertragen nach: Baudelaire, Charles: Les fleurs du mal (erste Ausgabe 1857, 2., erw. und überarb. Ausgabe 1861, 3., posthume Ausgabe 1868); verwendete Ausgabe: Les fleurs du mal. Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres complètes, Bd. 1, hg. von Charles Asselineau und Théodore de Banville), S. 150 (Réversibilité), S. 186 (Le revenant), S. 188 (Tristesses de la lune), S. 239 (Recueillement), S. 329 (Abel et Caïn) und S. 332 (Les Litanies de Satan).

Längere Einführung in die Fleurs du mal mit weiteren Nachdichtungen auf rotherbaron.com.

https://rotherbaron.com/2019/04/09/charles-baudelaires-fleurs-du-mal-blumen-des-boesen/

Baudelairesong.org: Die ungebrochene Aktualität der Gedichte Baudelaires zeigt sich auch daran, dass diese bis heute immer wieder vertont werden. Die genannte Website listet über 1.600 Vertonungen auf, einzelne Gedichte sind an die 70 Mal musikalisch interpretiert worden. Eine Auswahl von Vertonungen findet sich auf literaturplanet.de.

08:34 09.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rotherbaron

Autor, Blogger. Themen: Politik, Gesellschaft, Natur und Umwelt, Literatur, Kultur. Seiten: rotherbaron.com; literaturplanetonline.com
Rotherbaron

Kommentare 3