Plädoyer für die Abschaffung der Ehe

Familienmodelle Die geplante Einführung der Ehe für alle gilt als gesellschaftlicher Fortschritt. In Wahrheit wird so jedoch ein veraltetes Modell von Partnerschaft zementiert.
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Es war einmal eine Zeit, in der ein deutscher Mann und eine deutsche Frau, wenn sie in Liebe zueinander entbrannten, vor den Traualtar eilten, ehe sie unter ihrer Aussteuerdecke Nachwuchs für das deutsche Volk zeugten. Der Staat unterstützte diese Mehrung des deutschen Blutes, indem er den Bund der Ehe durch Geschenke materieller und immaterieller Art begünstigte. Eine Ehe machte aus einem deutschen Bürger einen Patrioten, ein vollgültiges Mitglied der Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes.

Diese Zeiten sind vorbei, und niemand wünscht sie sich zurück. Oder vielleicht doch? Kann es sein, dass gerade der Mythos der Ehe, der Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung, der mit ihr verbunden ist, heute der entscheidende Antrieb bei der Forderung nach einer "Ehe für alle" ist?

Wenn man sich dem Wahlkampfrausch, durch den unsere Parlamentarier derzeit bis auf den 50er-Jahre-Rest unter ihnen zu Christopher-Street-Aktivisten mutieren, für einen Augenblick entzieht, muss man feststellen: Die meisten Rechte, die das Institut der Ehe heterosexuellen Paaren gewährt, genießen gleichgeschlechtliche Verbindungen auch heute schon. Was neu hinzukommen soll, sind insbesondere das Adoptionsrecht und eben die symbolbehaftete Ersetzung der "eingetragenen Lebenspartnerschaft" durch den Begriff "Ehe".

Es ist verständlich, dass letztere Entwicklung von Menschen, die jahrzehntelang aufgrund ihrer sexuellen Orientierung marginalisiert worden sind, als Erfolg gefeiert wird; dass sie sich nach vollständiger Gleichwertigkeit und der Anerkennung ihrer Lebensform als "normal" sehnen. Auf der anderen Seite ist aber zu bedenken, dass die Einrichtung der Ehe untrennbar mit einem veralteten Lebensmodell verknüpft ist. Wer diese Form der Normalität für sich reklamiert, läuft daher Gefahr, unversehens in Rollenmuster hineingedrängt zu werden, die er/sie durch die gelebte Partnerschaft gerade überwinden möchte.

Mir erschiene es jedenfalls konsequenter, wenn wir, anstatt die Ehe für alle einzuführen, die Ehe ganz abschaffen würden. Denn selbst wenn die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wird, bleibt mit ihr doch ein verengter Begriff von Partnerschaft verknüpft. So ist das Konzept der Ehe klar mit einer Paarbeziehung und mit Sexualität assoziiert. Ausgeschlossen werden damit etwa Dreierbeziehungen sowie nicht-sexuelle gestiftete Gruppenbeziehungen, wie sie im Zuge der Mehrgenerationenprojekte zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gerade diese verdienen aber die Unterstützung des Staates, da sie eine Form gelebter Solidarität sind und eine wünschenswerte Alternative zur immer stärkeren Industrieförmigkeit der Altenpflege darstellen.

Wie die Ehe selbst, war auch das Adoptionsrecht bislang an die sexuelle, zeugungsorientierte Beziehung der Partner geknüpft. Im Hintergrund mochte hier die Vorstellung stehen, dass so nach außen hin weniger leicht zu erkennen war, dass es sich um ein Adoptionskind handelte – und soziale Stigmatisierung so eher vermeidbar war. Daneben folgte man natürlich auch hier dem Klischee, das nur die klassische deutsche Familienstruktur das Glück des adoptierten Kindes garantieren könne.

Wenn nun auch gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht zur Adoption zugestanden werden soll, so ist dies zunächst die logische Konsequenz aus einer Überwindung dieses veralteten Familienbildes. Indem man jedoch gleichzeitig an dem Konzept der Ehe festhält, besteht die Gefahr, dass die Adoption nicht aufgrund eines tatsächlichen Kinderwunsches, sondern zur Erlangung der vollständigen Normalität des tradierten Ehealltags in die Wege geleitet wird. Der Ehebegriff führt damit zur emotionalen Aufladung einer Problematik, die man im Interesse aller Beteiligten lieber pragmatisch, ohne ideologischen Ballast, angehen sollte.

Dabei sind verschiedene Konstellationen voneinander zu unterscheiden. So sollte es selbstverständlich sein, dass lesbische Paare, die per Samenspende Kinder zeugen, als Eltern der in ihrer Partnerschaft lebenden Kinder anerkannt werden. Gleiches gilt für Viererbeziehungen aus einem Männer- und einem Frauenpaar, bei dem die Männer als Samenspender fungieren. Für ein solches "Co-Parenting", für das in den Niederlanden gerade die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, bräuchte man aber im Grunde kein geändertes Adoptionsrecht, sondern lediglich einen neuen Begriff von Elternschaft.

Anders sieht die Situation aus, wenn es um die Adoption fremder Kinder geht. Hier sollte in erster Linie das Kindeswohl im Vordergrund stehen. Dass für dessen Gewährleistung eheähnliche Beziehungen – ganz gleich, ob homo- oder heterosexueller Art – erforderlich sind, lässt sich angesichts der jahrzehntelangen Pflege pathologischer Strukturen unter dem Deckmantel dieser Einrichtung kaum überzeugend behaupten. Dennoch werden in der Praxis noch immer Menschen, die in derartigen Beziehungen leben, bei der Adoption bevorzugt. Ältere Alleinstehende, asketische Eremiten oder sexfreudige Trios haben in Deutschland, auch wenn sie rechtlich nicht von einer Adoption ausgeschlossen sind, de facto kaum eine Chance, eine Adoption bewilligt zu bekommen.

Wie gesagt: Die Ehe ist von vorgestern. Lasst sie uns lieber abschaffen, bevor sie uns dazu zwingt, die Verhältnisse von übermorgen durch die Brille der Fünfzigerjahre-Familie zu sehen.

23:30 28.06.2017
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Geschrieben von

Rotherbaron

Autor, Blogger. Themen: Politik, Gesellschaft, Natur und Umwelt, Literatur, Kultur. Seiten: rotherbaron.com; literaturplanetonline.com
Rotherbaron

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