Zehn Thesen zum literarischen Realismus

Buchmesse Thesen zur erneuten realistischen Wende in der deutschen Literatur, die mit der Bevorzugung marktgängiger, leicht zu "konsumierender" Texte einhergeht.
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Zehn Thesen zum literarischen Realismus
"Medizin muss bitter schmecken – sonst wirkt sie nicht!"

Bild: Jens Schlueter/AFP/Getty Images

Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts strebten die Künste ihrer Selbstauflösung entgegen: die Musik dem Schweigen, die bildende Kunst der weißen Leinwand, die Literatur dem unbedruckten Blatt Papier. Es war der Höhepunkt einer Entwicklung, in der die Künstler nach dem suchten, was ihre Welt(en) im Innersten zusammenhielt. Wichtiger als alle Inhalte war ihnen die Frage, wie diese sich mit der Form vermitteln ließen, inwieweit diese auf jene zurückwirke und wie der Künstler sich von den Bausteinen, auf die er für die Gestaltung seines Werkes angewiesen war, emanzipieren könnte. Über die konkrete Ebene des Kunstwerks hinausweisende Aussagen, wie sie sich in Textbotschaften, figürlichen Darstellungen oder als Melodien wahrgenommenen Tonfolgen ausprägten, traten demgegenüber in den Hintergrund. Die Kunst war selbstreferenziell geworden.

Nachdem man eingesehen hatte, dass eine Kunst, die nur noch um sich selbst kreiste, sich dadurch selbst abschaffen würde, setzte eine gegenläufige Entwicklung ein. Die Postmoderne widerrief zwar nicht die künstlerischen Experimente der Moderne und stellte auch deren kunsttheoretischen Ertrag nicht in Frage. Sie postulierte jedoch die Möglichkeit, im Als-ob-Modus von der Moderne kritisch hinterfragte Techniken aufzugreifen – sie also als etwas zu zitieren, das zwar theoretisch überwunden, für den Fortbestand der Kunst aber dennoch unverzichtbar war.

Die spezifisch postmoderne Ironie, die sich hieraus in der Literatur ergibt, hat Umberto Eco einmal auf sehr anschauliche Weise erläutert:

"Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher weiß, dass er ihr nicht sagen kann: 'Ich liebe dich inniglich', weil er weiß, dass sie weiß (und dass sie weiß, dass er weiß), dass genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: 'Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe dich inniglich.' In diesem Moment, nachdem er die falsche Unschuld vermieden hat, nachdem er klar zum Ausdruck gebracht hat, dass man nicht mehr unschuldig reden kann, hat er gleichwohl der Frau gesagt, was er ihr sagen wollte, nämlich dass er sie liebe, aber dass er sie in einer Zeit der verlorenen Unschuld liebe. Wenn sie das Spiel mitmacht, hat sie in gleicher Weise eine Liebeserklärung entgegengenommen. Keiner der beiden Gesprächspartner braucht sich naiv zu fühlen, beide akzeptieren die Herausforderung der Vergangenheit, des längst schon Gesagten, das man nicht einfach wegwischen kann, beide spielen bewusst und mit Vergnügen das Spiel der Ironie … Aber beiden ist es gelungen, noch einmal von Liebe zu reden."

Eco, Umberto: Postmodernismus, Ironie und Vergnügen (Randbemerkungen zu Der Name der Rose, 1983). In: Welsch, Wolfgang (Hg.): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion (1988), S. 75 – 78 (hier S. 76). Ber­lin 21994: Akademie Verlag.

Mittlerweile ist aus dem augenzwinkernden Rückgriff auf den Formenschatz früherer Jahrhunderte jedoch eine Art literaturtheoretische Regression geworden. Das Pendel ist wieder in die andere Richtung umgeschlagen. Im Vordergrund stehen wieder allein die Inhalte, die literarische Vermittlung und Gestaltung spielt allenfalls eine untergeordnete Rolle.

Die Folge ist, dass die deutsche Literatur auf die Stufe eben jenes bürgerlichen Realismus zurückgefallen ist, von dem sich die literarische Moderne einst abgegrenzt hatte. Leider handelt es sich dabei – anders als etwa bei der lateinamerikanischen Tradition des magischen Realismus – um eine sehr eindimensionale Spielart des Realismus, in der Abweichungen vom vorherrschenden Wirklichkeitskonzept, Brüche in der Realitätswahrnehmung oder Übergangszonen zwischen Traum- und Alltagswelt kaum einen Platz haben. Die Verarmung der Literatur geht insofern auch mit einer Einschränkung unserer Wirklichkeitssicht einher.

Vor diesem Hintergrund halte ich es für angebracht, unseren realismustrunkenen Literaturbetrieb mit ein paar provokanten Thesen auszunüchtern. Ich bediene mich dafür ganz bewusst des Stilmittels der Übertreibung, getreu dem bekannten Zitat aus der Feuerzangenbowle: "Medizin muss bitter schmecken – sonst wirkt sie nicht!"

  1. Realistische Literatur ist prämodern. Sie fällt hinter zentrale Erkenntnisse der Moderne zurück, die sowohl den allwissenden Erzähler, diesen literarischen Demiurgen, als auch das Konstrukt des Romans, mit seiner impliziten Behauptung der Möglichkeit einer einheitlichen Weltsicht, entzaubert hatten. In Abgrenzung hierzu bemühten sich die Schreibweisen der Moderne gerade darum, die grundsätzliche Unverbürgtheit und Unverbürgbarkeit der Wirklichkeit vor Augen zu führen.
  2. Realistische Literatur ist unrealistisch. Sie zeigt immer nur einen Ausschnitt aus der prinzipiell unendlichen Vielfalt des Realen, wobei dieser Ausschnitt jedoch durch das Arrangement der dargestellten Inhalte eine bestimmte, eben diese Vielfalt negierende Deutung der Realität impliziert. Durch ihren schein-objektiven Gestus entlastet sie den Autor von einer genaueren Klärung seiner Ausgangsposition und kettet die Lesenden an das so produzierte Bild der Wirklichkeit. Realistische Literatur ist deshalb auch immer manipulativ. Gerade deshalb, weil sie sich als objektive Widerspiegelung der Realität inszeniert, kann sie den Lesenden die Allgemeingültigkeit eines bestimmten Weltbildes suggerieren. Aus diesem Grund ist sie auch stets das literarische Lieblingskind totalitärer Regime gewesen.
  3. Realistische Literatur ist unkritisch. Auch dort, wo realistische Literatur sich kritisch mit der gesellschaftlichen Realität auseinandersetzt, bleibt sie im Kern affirmativ. Dies liegt daran, dass ihre Strukturen von den kritischen Inhalten unberührt bleiben. Dadurch, dass die in vorgefertigten Sprachmustern eingefrorenen Deutungsmuster der Wirklichkeit von ihr unhinterfragt reproduziert werden, bewegt sich die Gesellschaftskritik notgedrungen an der Oberfläche. Die realistische Literatur sperrt sich damit selbst in den Käfig der geistigen Ermöglichungsbedingungen des Systems, das sie kritisiert.
  4. Realistische Literatur verfolgt eine implizit kathartische Strategie. Indem sie die Lesenden in das Werk hineinzieht, anstatt ihnen eine reflektive Distanz dazu zu ermöglichen, setzt sie faktisch auf einen läuternden Effekt der Lektüre. Unausgesprochen folgt sie damit der Strategie des antiken Theaters: Das Durchleiden der thematisierten Probleme soll eine reinigende Wirkung entfalten. Hinterher legt man den Roman beiseite und fühlt sich besser, obwohl die Probleme dieselben geblieben sind. Im Unterschied zur griechischen Tragödie geht es dabei allerdings nicht um die ewigen, in der Tat unlösbaren Menschheitsprobleme, sondern um oft sehr reale Alltagsprobleme, die einem eingreifenden Handeln sehr wohl zugänglich wären. Dieses würde allerdings eben jenes komplex-analytische Denken voraussetzen, das durch die emotionale Sogwirkung realistischer Literatur gerade unterminiert wird.
  5. 5. Realistische Literatur ist überflüssig. Im Zeitalter des Films kann auch der beste realistische Roman nur eine unvollkommene Kopie oder die Vorstufe eines Films sein. Zwar mag das Lesen für die Phantasie anregender sein und so ein größeres geistiges Stimulationspotenzial besitzen. Es handelt sich dabei jedoch lediglich um graduelle Unterschiede, an deren Aufrechterhaltung vor allem ein wirtschaftliches Interesse besteht: Buch und Film sind schlicht verschiedene Stufen einer Verwertungskette, durch die eine Idee vermarktet wird.
  6. Realistische Literatur ist anti-individualistisch. Dies gilt zum einen auf der Ebene des literarischen Werkes selbst, wo die handelnden Figuren nur Marionetten auf der vom Autor gestalteten Bühne sind und entsprechend holzschnittartig agieren. Es betrifft zum anderen aber auch die Ebene der Lesenden, die nicht als kritisch denkende Individuen, sondern als Konsumenten vorgefertigter Deutungsmuster gefragt sind.
  7. 7. Realistische Literatur ist undemokratisch. Ein zentrales Anliegen der Moderne – und erst recht der Postmoderne – war es, die Lesenden aus ihrer Rolle als unbeteiligte Zuschauer herauszuholen und sie in die Entfaltung der literarischen Welt miteinzubeziehen. Geistesgeschichtlich betrachtet, entsprach dies der Übertragung des emanzipatorischen Projekts der Aufklärung auf den Bereich der Literatur. Indem die realistische Literatur die Lesenden stattdessen wieder am Händchen des Erzähler-Demiurgen durch die von diesem gestaltete literarische Landschaft führt, untergräbt sie dieses Projekt.
  8. Realistische Literatur ist eskapistisch. Gerade das, was die realistische Literatur ihren Gegnern vorwirft – dass sie sich der Realität nicht stellen –, trifft auf sie selbst zu. Sie ist eskapistisch in dem Sinne, dass sie die Lesenden über die Brüchigkeit der dargestellten Strukturen hinwegtäuscht und ihnen stattdessen die Unauflösbarkeit der bestehenden Ordnung vorgaukelt – und zwar sowohl in sozialer als auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht. Dies bedeutet zugleich, dass auch die Fantasy-Literatur – die nicht mit der phantastischen Literatur verwechselt werden darf – realistisch ist, da sie die überkommenen Deutungsmuster der Wirklichkeit ebenso unhinterfragt übernimmt. Die Welt, die sie zeichnet, ist zwar äußerlich eine andere als die, in der wir uns im Alltag bewegen, strukturell aber mit dieser identisch.
  9. Realistische Literatur ist zynisch. Indem die realistische Literatur die handelnden Figuren als Marionetten in der Hand des Erzählers vorführt, hemmt sie den Mut der Lesenden, die Welt handelnd zu verändern. Stattdessen unterstützt sie – als Äquivalent zu der Überheblichkeit des Erzählergottes – eine besserwisserische Haltung gegenüber anderen. Diese ist insofern zynisch, als die angenommene geistige Überlegenheit und die daraus folgende Einsicht in soziale Missstände nicht für substanzielle Veränderungen genutzt wird, sondern lediglich der Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls dient.
  10. Realistische Literatur ist eitel. Sie ähnelt einer gleichermaßen selbstunsicheren wie selbstverliebten Person, die sich bei jeder Gelegenheit im Spiegel betrachtet. Wie diese Person nie über die Grenzen ihres Ichs hinausgelangen wird, ist auch eine Literatur, die sich dem Selbstbespiegelungsanspruch ihrer Zeit unterwirft, dazu verdammt, von ihrem eigenen Spiegelbild geblendet zu werden. Dabei ist nicht nur an die ausufernde autobiographische Literatur und an die um sich selbst kreisende Beziehungsliteratur zu denken. Vielmehr ist damit auch und gerade die allzu direkte Bespiegelung der Zeitprobleme gemeint. Der Klimawandel etwa ist fraglos ein ernsthaftes Problem, das man immer wieder in all seinen Facetten und Konsequenzen beleuchten muss. Behandelt man ihn jedoch als literarisches Sujet, so dient er Schreibenden wie Lesenden lediglich als wichtigtuerische Begleitmusik zu ihrem Unterhaltungsinteresse. Die adäquate Antwort der Literatur wäre dagegen vielleicht eher ein Naturgedicht, in dem der Klimawandel gar nicht vorkäme. So ließe sich womöglich viel anschaulicher vor Augen führen, dass eine unzerstörte Natur vor allem auch ein unzerstörtes Verhältnis zur Natur und damit eine radikale Abkehr von unserer naturzerstörerischen Lebensweise voraussetzt.

Links:

Differenziertere Auseinandersetzung mit den Literarischen Realismen

Kommentierte Textsammlung Alte und neue Perlen (mit Textbeispielen zum lakonischen, neuen, schwarzen und sozialistischen Realismus – vgl. Text 5, 10, 11 und 14)

18:12 22.03.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rotherbaron

Autor, Blogger. Themen: Politik, Gesellschaft, Natur und Umwelt, Literatur, Kultur. Seiten: rotherbaron.com; literaturplanetonline.com
Rotherbaron

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