Die Causa Böhmermann - Was kann Satire?

Freiheit der Kunst Was darf Satire? Spannender macht es Böhmermann, indem er zeigt, was Satire noch kann! Das Credo: Der Raum zwischen den Worten ist wichtiger als die Worte selbst
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Wie steht es um die klassische Auslegung gegenwärtiger Ereignisse, die zusammenfassende Interpretation und Einordnung in einen Gesamtkontext, die Debattenkultur? Nicht besonders gut könnte man meinen, betrachtet man die bezeichnenden Ergebnisse der letzten Landtagswahlen, deren größter Gewinner eine „Alternative“ für Deutschland bieten möchte, die keine sein kann und darf. Doch da kommt genau zur richtigen Zeit ein dünner blasser Junge auf einem Triceratops angeritten und mischt das alteingesessene Unterhaltungsfernsehen mit dem Mittel der Satire so sehr auf, dass daraus geradezu eine Staatsaffäre wird. Die Rede ist von Jan Böhmermann und seinem „Schmähgedicht“, das dieser Tage in aller Munde ist.

Wie kann es dazu kommen, dass ein westlich-liberaler Staat sich auf eine unheilige Allianz mit dem türkischen Staatschef einlässt, während dieser fleißig damit beschäftigt ist seine Medien gleichzuschalten. Eine Frage die das Selbstbild eines demokratischen Staates empfindlich treffen sollte. Beobachtet man die letzten paar Jahre westlicher Politik, die daraus ergehende Stimmung der Bevölkerung, die wachsende Zahl der Politikverdrossenen, so wundert es nicht, dass es zu einer explosionsartigen Radikalisierung des öffentlichen Meinungsbildes innerhalb unserer Gesellschaft kommen konnte. Die ruhigen Jahre sind vorbei. Krise, Krise, Krise heißt die alte Devise. Sie ist einkalkuliertes Programm einer Tagespolitik deren Hauptbeschäftigung sich darin verorten lässt, bestehende Verhältnisse möglichst aufrecht zu erhalten und dabei vergessen hat, die Zeichen der Zeit und die Notwendigkeit von Reformen und echter Veränderung angemessen anzugehen.

Nun sehen wir deren Folge vor allem in der Lange prophezeiten Spaltung der Gesellschaft, die sich nunmehr nicht nur an Hand bestehender Einkommensunterschiede beobachten lässt, sondern in einer Ausscherung klassisch politischer Opposition. Rechts und Links stehen sich erneut gegenüber, wenn auch gewisse politische Kräfte einem Cross-over auf verbaler Ebene aus Opportunität nicht abgeneigt zu sein scheinen. So begeben sich die Fischer wieder aufs Meer der öffentlichen Meinungsstreuung. Sie streuen Köder für die sozial abgehängten und für das von Verlustängsten gezeichnete Bildungsbürgertum. Rechte Lager gehen wieder in harscher Weise auf Stimmenfang. Es wird wieder fleißig und heftig polarisiert. Die aktuelle Strategie der Regierungskoalition besteht dabei vor allem wieder einmal mehr darin, einen Kurs der beschwichtigenden Zurückhaltung zu fahren. Weder hier noch dort soll das lange erarbeitete Gesamtbild eines friedlichen, offenen, toleranten und demütigen Deutschlands gefährdet werden.

Es stellt sich jedoch die Frage, wie dieses Wunschbild mit dem aktuellen EU-Türkei-Abkommen vereinbar sein soll. Der Regierung scheint es im Grunde mehr darum zu gehen, den in Gang gesetzten „Krisenabwehrmechansimus“ sprich den umstrittenem Türkeideal, der zumal als nichts anderes als die Auslagerung moralisch und ethischer Verantwortungen bezeichnet werden kann, nicht zu gefährden. Wie sonst könnten die aktuellen Beschwichtigungen Merkels gegenüber einem, ob seiner neuen Machtposition heißgelaufenen Despoten, einzuordnen sein. Martin Sonneborn, der lange Zeit selbst Speerspitze des satirischen Magazins „Titanic“ war, hat sich zu diesem Umstand in einem Interview sehr deutlich geäußert: „Nach jedem Anschlag bei Charlie Hebdo, oder wenn Satire wieder diskutiert wird, schmeißen sich sehr viele Politiker und sehr viele Medien schützend hinter die Satire in Deutschland. Und wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt, dann zieht man ganz schnell den Schwanz ein und versteht nichts mehr“. Weiterhin empfindet es Sonneborn als „ein wenig ungewöhnlich“, dass sich die Bundeskanzlerin „zu einem solchen Thema“ und in einer „so devoten und wirklichkeitsfremden Art“ äußerte und betonte, dass "der Fall Böhmermann zeigt, dass die Satire und auch die Pressefreiheit immer mal wieder bedroht“ sei.

Hier das ganze Interview zum Nachhören:

Eingebetteter Medieninhalt

Es sind eben genau diese Umstände, die Böhmermanns satirischer Beitrag verdeutlicht und dabei die hysterischen Reaktionen diverser Regierungs- und Medienvertreter nicht lediglich zur Schau, sondern geradezu bloßstellt. Wenn eine doch relativ banale Idee, die darin besteht zu zeigen, worin die gesetzliche Grenze der Rede über Personen öffentlichen Interesses liegen, ein solches Politikum nach sich zu ziehen vermag, dann zeigt sich darin, wie empfindlich die öffentliche Stimmung und wie dünn die Häute der Regierenden in den letzten Jahren selbst in einem so freiheitlichen Land wie Deutschland geworden sind.

Eben durch diese Dünnhäutigkeit hat der satirische Beitrag Böhmermanns so empfindlich treffen können. Böhmermann und seinem Team ist gelungen, was die brave altersmilde Einschläferungsunterhaltungssatire der letzten Jahrzehnte nicht im Ansatz vermochte. Er bringt auf einfachste Art und Weise wieder Bewegung in die schläfrig gewordene Debattenkultur, indem er eine doch recht klar liberale Position mit der offenen Zurschaustellung dämlich rechter Gesinnung vermengt. Denn wenn er sich auf sprachlicher Ebene bodenlos dummen Äußerungen und Diffamierung rechter Tendenz bedient, gleichzeitig diese auf eine nicht minder rechtsstehende politische Figur anwendet, verdeutlicht er damit, wie wenig sich die misslungene Politik der Regierung und deren recht scheinheilig anmutenden diplomatischen Bemühungen mit den realen Stimmungen breiter Teile der Bevölkerung vereinbaren lassen. Böhmermanns satirisches „Schmähgedicht“ vermag es zu zeigen, worin doch einige Haltungsbaustellen der Demokratie in Deutschland zu liegen scheinen, ohne diese konkret aussprechen zu müssen. Dies gelingt ihm, indem er in einem Zug dem veralteten Straftatbestand der „Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten“ im Zeichen der Meinungsfreiheit gefährlich nahe zu kommen wagt und damit zugleich eine misslingende europäische Menschenrechtspolitik verdeutlicht. Chapeau!

Böhmermanns satirische Beiträge bestechen vor allem durch ihre verwaschene Form. Er bedient sich gekonnt jenen rohen verbalen Umgangsformen, die sich von weiten Teilen der Gesellschaft hören lassen, ohne dabei jedes mal den eigentlichen Subtext klar herauszustellen. Was diese Form der Satire zu bewirken vermag, konnte man in den letzten Tagen medial verfolgen. Es zeigt sich, dass der Raum zwischen den Worten wichtiger ist als die Worte selbst. Böhmermann spricht, er schweigt, er lässt geschehen. Denn in diesen Schweigepausen reden sich Anhänger wie Gegner aus der Medienwelt um Kopf und Kragen, während sich Böhmermann – wegen des drohenden Strafverfahrens zwar wohl wenig entspannt, aber dennoch auch mit einem kleinen Fünkchen Genugtuung – zurücklehnen und das wilde Treiben der von ihm in Gang gesetzten Debatte verfolgen dürfte.

Wie weit sich Böhmermann nun darüber bewusst war, welche persönlichen Konsequenzen sein satirischer Beitrag für ihn haben würde, kann nur dahin gestellt sein. Einer öffentlichen Stellungnahme hat er sich bisher zumindest weitestgehend entzogen. Über die Wellen die er damit schlagen würde, war er sich bestimmt bewusst. Einzig seine Erklärung weswegen er der Grimme-Preisverleihung ferngeblieben ist (bei der er zurecht für seinen „Varoufake“ ausgezeichnet wurde, bei dem im Grunde das gleiche Prinzip angewandt wurde: erst die Behauptung, dann das Schweigen mit der Folge eines Tobens im medialen Raum und eines großen Stückes Mediensatire), deutet daraufhin, dass er die Möglichkeit einer Strafverfolgung wohl zwar einkalkuliert haben dürfte, an dessen tatsächliche Ausführung allerdings nicht unbedingt glauben wollte: „Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe“.

Böhmermann ist es gelungen, dem wackelig-liberalen Wertekatalog der deutschen Regierung den Spiegel vorzuhalten, indem er den Boden für eine öffentliche Diskussion um die Grenzen künstlerischer Freiheit und dessen Potential wiederbelebt hat. Was mehr darf man sich von guter Satire erhoffen?

20:27 11.04.2016
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