Hartz4 und das Kapital?

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Hartz4, Fünf Euro mehr! Ist das nun ein Fortschritt? Hohn? Eine Beleidigung? Anreiz zu spätrömischer Dekadenz? Oder der Ruin der Staatsfinanzen? Durch die Einsparung bei Hartz4 >Schäubles, "Kaltschnäuzige, Abzocke" Ministerium: Üppige Banker-Boni bleiben vorerst. = >Kapitalschutz< Anne Will wollte es herausfinden. Doch in ihrer Talkrunde ging es viel zu oft nur um Geld und nicht um die echten Probleme bei Hartz IV. Von der Leyen lächelte leicht amüsiert und mitleidig.

So konzentrierte sich die Debatte auf von der Leyen und Meurer - eine ähnlich spannende Konfrontation zwischen der Wirklichkeit des kleinen Mannes und der Blindheit der Politik, wie sie sich derzeit auch bei den Protesten gegen die Kernenergie oder Stuttgart 21 abspielt. Dass die Ministerin den Pfarrer bei jedem seiner Wortbeiträge wohlwollend aber auch leicht amüsiert und mitleidig anlächelte, ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen hinsichtlich der Frage, wer hier eigentlich wen als Souverän betrachtet. Auch Michael Rogowski, der als Ex-Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und Voith Vertreter, die Rolle als Wirtschaftsführer spielte, disqualifizierte sich. Seine These: Den Arbeitslosen geht es noch viel zu gut. Ähnlich sieht es wohl auch der Journalist Jan Fleischhauer. Wo Rogowski bloß selbstherrlich war, hatte Fleischhauer zumindest ein bisschen recherchiert. Er tappte allerdings in die Sarrazin-Falle: Gleich fünfmal sprach er vom Hartz-IV-«Milieu» - in seinen Augen ist Hartz IV also offensichtlich kein vorübergehender Zustand, sondern so etwas wie ein Lebensentwurf. Passend dazu stellte Fleischhauer gerne in Frage, ob die ALG-II-Empfänger aus ihrer Situation überhaupt heraus müssen/können/wollen.

Wie bitte? Die Bundesarbeitsministerin hatte sinngemäß gesagt: «Natürlich sind 364 Euro im Monat nicht viel zum Leben. Ich hätte auch gedacht, dass der Regelsatz stärker steigen wird. Aber das Statistische Bundesamt hat uns gerade gezeigt: Es gibt Menschen in unserem Land, die auch nicht mehr haben, obwohl sie den ganzen Tag dafür arbeiten müssen. » Dieser Satz wäre also eigentlich eine Steilvorlage gewesen, um über die wirklich wichtigen Punkte zu sprechen, die mit Hartz IV zusammenhängen, und die von allen Gästen auch immer wieder angerissen wurden: Mindestlohn, Schwarzarbeit, Tarifflucht, staatliche Rettungsschirme für die Finanzbranche, Kinderbetreuung und vor allem Bildung.

Doch leider kam es dazu nicht, weil Anne Will doch so gerne über läppische Euro-Beträge reden wollte. Vielleicht sollte die gelernte Sportjournalistin demnächst mal im Sport1-Doppelpass vorbeischauen. Dort gibt es noch immer das Phrasenschwein, das die Gäste mit Münzen füttern müssen, wenn sie sich in Allgemeinplätzen verlieren - und da stört sich wirklich niemand daran, wenn man die ganze Sendung lang immer wieder auf ein paar Euro rumreitet.

17:52 27.09.2010
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Geschrieben von

Roland Regolien

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Roland Regolien

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