Wir müssen endlich umsteuern!

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Interview mit Jacob von Uexküll von Wolfgang Schütz:

Wir müssen endlich umsteuern. Uexküll hat das Buch geschrieben: "Das sind wir unseren Kindern schuldig". Er ist Initiator des Weltzukunftrates und Stifter des Alternativen Nobelpreises. Studiert hat er Philosophie, Politik und Ökonomie.

'

Die fatalen Folgen des falschen Verständnisses Krisenjahr 2012 Jakob von Uexküll sagt: Wir müssen endlich umsteuern. Jetzt! Denn: Es steht alles auf dem Spiel. Ein Gespräch über die Grenzen des Wachstums, unser Leben auf Kosten von Um- und Nachwelt sowie: Alternativen Atomkatastrophe in Japan und Atomausstieg in Deutschland, Finanzkrise und Demonstrationen gegen die Bankenherrschaft, verschärfte Warnungen vor den Folgen des Klimawandels und ein nahezu gescheiterter Weltklimagipfel Herr von Uexküll, als Globalisierungskritiker und Umweltmahner, als einer, der mit dem Buch.

Das sind wir unseren Kindern schuldig an eine Verantwortung der Menschheit für die Zukunft appelliert wie fällt Ihr Resümee für 2011 aus Jakob von Uexküll: Es gibt nicht viel, was hoffnungsvoll stimmt. Es hat sich gezeigt, wie viel wir tun müssen. Weltweit spitzen sich alle Probleme gleichzeitig zu, in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Und wir verplempern nur Zeit.

'

Wir behandeln die Probleme immer noch, als wären sie Einzelprobleme, die sich jeweils durch Korrekturen behandeln ließen und dann kann die Party weitergehen. Dabei stehen wir vor dramatischen Umwälzungen. Je länger wir warten, desto schwieriger wird der Wandel werden. Wir müssen endlich umsteuern. Jetzt!

'

Was läuft grundsätzlich schief Uexküll: In der Naturwissenschaft gibt es den Fehler des erfolgreichen ersten Schrittes. Eben dem sind wir mit dem Glauben an Fortschritt und Wachstum aufgesessen. Natürlich haben uns diese Entwicklungen mal zu mehr Lebensqualität verholfen. Aber die natürlichen Grenzen des Wachstums, was Ressourcen und Folgeschäden angeht, sind längst erreicht. Statt uns dem zu stellen, haben wir versucht, den Problemen zu entkommen, indem wir das Wirkungsfeld vergrößert haben.

'

Die Globalisierung war da der letzte Versuch zu entkommen. Nun stehen wir vor globalen Problemen wie dem Klimawandel auch wenn das eine Wahrheit ist, die einige nicht ertragen können. Die enormen Kosten, die auf uns alle zukommen, werden das zeigen. Was sind konkret die Probleme

'

Uexküll: 1. Die Finanzwelt hat sich von der Wirklichkeit abgekoppelt. Es gab Profitraten ohne realwirtschaftlichen Gegenwert, Zuwächse, die Natur und Arbeitskraft gar nicht hergeben können. Entstanden sind Blasen, die irgendwann platzen, da sie nicht auf tatsächlichen Werten beruhen.

'

2. Wir haben über Jahrzehnte hinweg die Kosten unseres Wachstums auf Nach- und Umwelt abgewälzt. Jetzt fallen diese enormen Kosten auf uns zurück. Es steht alles auf dem Spiel. Denn der Klimawandel bedroht alles, was wir aufgebaut haben. 3. Wir werden in Zukunft etwas finanzieren müssen, was man als unökonomisches Wachstum bezeichnen kann.

'

Das heißt: Wir müssen in die Reparaturen der Schäden aus der Vergangenheit und für Schutz und Vorbeuge investieren. Wenn eine Hafenstadt statt neuer Häuser Schutzwälle bauen muss, dann sorgt das zwar für Arbeit, kostet aber viel und erhöht nicht den Lebensstandard. Aber stimmen all die besorgniserregenden Studien auch.

Die endlichen Ressourcen wie Öl scheinen doch länger zu halten als befürchtet. Uexküll: Die zehn, fünfzehn Jahre länger sind unerheblich. Tatsächlich zeigen viele Studien: Es ist noch schlimmer, als selbst Pessimisten vorhergesagt haben.

'

Denn die entscheidenden, die erneuerbaren Ressourcen zerstören wir viel schneller als angenommen. Vor allem das Klima, die nachhaltigste Ressource. So dringlich scheinen aber nicht alle die Probleme zu sehen. Kanada etwa ist vergangenes Jahr aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen?? Uexküll: Das ist ein Skandal.

Wie auch die Reaktion der anderen Staaten darauf. Länder werden wegen Menschenrechtsverletzungen wie Aussätzige geächtet, man betrachtet es als skandalös, wenn Österreich vor einigen Jahren eine rechtspopulistische Regierung wählt aber ist das Recht zukünftiger Generation auf ein lebenswertes Klima kein Menschenrecht.

'

Doch statt Kanada zu ächten, nimmt man das schweigend hin und geht zur Tagesordnung über. Der Glaube, dass der Markt und das Wachstum unsere Probleme lösen werden, ist so fest, die Ideologie so beherrschend, dass die Wirklichkeit nicht vorkommt. Das ist wie in der Sowjetunion einst. Inwiefern? Uexküll: Die kommunistischen Staaten sind bankrottgegangen, weil die Marktpreise nicht der ökonomischen Wahrheit entsprochen haben. Heute sagen die Preise nicht die ökologische Wahrheit. Wir rechnen die Umweltkosten nicht mit ein und wir werden sie doch irgendwann bezahlen müssen.

'

Ein Beispiel, das die Absurdität verdeutlicht: Lawrence Summers war der ökonomische Chefberater der Präsidenten Clinton und Obama, außerdem Chefökonom der Weltbank und Präsident der Harvard-Universität, also sehr einflussreich. Aber laut ihm ist die Natur nicht die Grundlage unseres Wirtschaftens, nein, im Gegenteil, er behandelt die Umwelt als Subsystem der Wirtschaft, als manipulierbares, untergeordnetes Feld.

In der Konsequenz heißt das: Wenn die Landwirtschaft darniederliegt und die Nahrungsmittelproduktion Probleme macht: Verkaufen wir eben mehr Finanzderivate und iPods, dann stimmt die Bilanz wieder.

'

Das ist unglaublich! Die glauben echt, dass wir Geld essen können! Daran zeigt sich: Dieses Weltwirtschaftsmodell funktioniert nicht. Ihre Überzeugung teilen nicht wenige Menschen weltweit, die sich im vergangenen Jahr ja auch mit ihrem Unbehagen zu Wort gemeldet haben.

Was ist die Alternative? Große politische Gegenentwürfe fehlen, wie überhaupt das Vertrauen in die Politik. Uexküll: Das System zu beherrschen erfordert, dass man weiß, was man tut und die heute Bestimmenden scheinen nicht zu wissen, was sie tun. Jedenfalls werden wir mit den Mitteln, welche die Probleme geschaffen haben, die Probleme nicht lösen. Trotzdem müssen Proteste vor den Parlamenten stattfinden.

'

Denn die Banken herrschen nur, weil die Politik es ihnen ermöglicht. Was die Alternativen angeht: Praktische prämieren wir jedes Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis, politische formulieren wir stetig im Weltzukunftsrat. Denn natürlich ist das Umsteuern möglich. Menschen sind unglaublich einfallsreich.

Konkret: Was ist zu tun Uexküll: Der Hamburger Chemiker Prof. Michael Braungart hat das sogenannte Cradle-to-Cradle (Wiege-zu-Wiege)-System entwickelt, nach dem die Wirtschaftsgüter so entworfen und produziert werden, dass sie nur noch in zwei Kreisläufen zirkulieren: einem technischen und einem biologischen es gibt entweder Wiederverwertung oder natürlichen Abbau, kaum Abfall mehr.

'

Im Weltzukunftsrat fordern wir eine Positivliste für die Finanzwirtschaft. Damit werden all die Finanzprodukte geschützt, die einen Nutzen für die Realwirtschaft und damit für die Gesellschaft haben. Alle anderen würden als das behandelt, was sie sind: Geldwetten, die Scheinprofite abwerfen. Damit hätten wir im Wirtschaften wieder Boden unter den Füßen. Natürlich brauchen wir schnellstmöglich ein bindendes Klimaschutzabkommen und die maximale Nutzung erneuerbarer Energien, die technisch möglich ist.

'

Denn alle Versäumnisse dort sind doppelte Verluste: Die Sonnenwärme von heute gibt es nicht wieder und die stattdessen genutzten Brennstoffe gibt es auch nur einmal. Auch sollten wir Ressourcen besteuern, nicht die Arbeit, denn die ist nicht knapp. Außerdem brauchen wir eine Ombudsperson für zukünftige Generationen in allen Parlamenten und internationalen Organisationen, um eine Lobby für die folgenden Generationen zu etablieren. Aber halten Sie eine baldige Umsetzung von all dem auch für möglich Uexküll: Das Umsteuern ist alternativlos.

'

Jetzt, 2012. Und wem es zu teuer erscheint, der vergisst all die Kosten, die wir bislang ausblenden. Was unter dem Strich rauskommt, hängt davon ab, was wir über dem Strich mitrechnen und was wir weglassen. Wenn man die ökologischen Kosten mit einbezieht, ist das, was wir jetzt machen, unbezahlbar. So reich, wie wir denken, sind wir nicht. Aber für diese Wahrheit ist marktwirtschaftliche Ideologie blind.

Die Geschichte zeigt, dass große Veränderungen sehr schnell möglich sind, wenn die Zeit reif ist. In Krisenzeiten sind große Schritte oft leichter als kleine, weil sie als angemessen gesehen werden und daher inspirieren und mobilisieren können. (Grüße Annette attac-augsburg, Lindau und von www.rrpublizist.com )

16:12 10.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Roland Regolien

Krieg verändert die Persönlichkeit des Menschen, er erzeugt Hass, Gewalt und tötet das Gefühl der Mitmenschlichkeit.
Schreiber 0 Leser 0
Roland Regolien

Kommentare