Katalonien und die alte Kunst

Politische Aura Am 21. Juli 2017 wurde Salvador Dalí exhumiert.
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Am 21. Juli 2017 wurde Salvador Dalí exhumiert. Eine Frau – Maria Pilar Abel – bestand auf der Annahme, seine biologische Tochter zu sein, und zwang die Behörden, einen DNA-Test durchzuführen. Dalí behielt Recht. Er hatte wohl doch keine Kinder. Viele sagen, seitdem habe sich Katalonien erneut dem Surrealismus verschrieben. Ein sarkastischer, aber nicht ganz falscher Aphorismus. Bei näherer Betrachtung des politischen Geschehens ist zu erkennen, dass die Dinge sehr wohl einem Alptraum Dalís gleichen. Dem Alptraum eines selbsternannten Genies, welches das Gewicht der eigenen Größe nicht zu tragen vermag.

Bis etwa 2010 war im Separatistenlager alles wie seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Um die 5% der Bevölkerung komponierten eine Mischung aus rechtem Heimatkitsch, Antikapitalismus und kultureller sowie biologischer Identitätssuche. Dann erfolgte 2010 die Beschneidung des Autonomiestatus durch Madrid und die symbolische Aberkennung als katalanische Nation innerhalb des spanischen Staates. Perfekte Ausgangsbedingungen für eine der professionellsten und größten Propagandaoffensiven, derer ich Zeuge sein durfte. In katalanischen öffentlich-rechtlichen Medien waren seit 2012 zunehmend pädagogische Inhalte über Demokratie, Selbstbestimmung und die Werte einer freien europäischen Gesellschaft zu sehen und zu hören. Keine Werbepause ohne didaktische Clips mit indirekten Anspielungen auf ein Recht der Selbstbestimmung. Immer wieder solche Bilder: Zwei Straßen, die sich teilen; Weichen einer Gleisanlage; Sportler, die davon berichten, wie schön es ist, zu gewinnen und sich selbst zu verwirklichen, seine Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Und immer wieder Sendungen auf stereotypem Grundschulniveau über Themen politischer Theorie, Völkerrecht, die Geschichte Kataloniens und vor allem, syntaktisch als neutrale Aufklärung getarnt, über die Missetaten des Unterdrückers Spanien. Eine Art Staatsbürgerkunde der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten. Die Inhalte einiger Sendungen zum Teil gespickt mit hanebüchenen und anmaßenden Lügen. Renommierte Geschichtsprofessoren, die erklären, dass die europäische Kultur inhaltlich und kulturell ein exklusives Resultat der hochentwickelten katalanischen frühen Geschichte sei und Philosophen wie Kant, Aristoteles, Platon, Locke oder Hume in Wirklichkeit total irrelevant wären, da die wichtigen Denker eigentlich aus Katalonien kommen (natürlich ohne diese beim Namen zu nennen). Weiterhin Kolumbus und Cervantes auch eigentlich Katalanen waren. Als Begründungen für diese Behauptungen hieß es zum Beispiel, dass es sich bei den entsprechenden Personen ja um Katalanen handeln müsse, da sie in historischen Dokumenten in der katalanischen Schreibweise ihres Namens erwähnt werden. Die meisten fallen nicht auf diese grotesken Alternativ-Fakten herein – erkennen den Unfug als solchen. Bei vielen bleibt aber dieses Gefühl, dass ja zumindest etwas dran sein müsse, wenn es eine Fachautorität sagt. Es ist zu beobachten, dass die Moderator*innen solcher Sendungen keinerlei Widerspruch erheben, sondern erstaunt und interessiert mit dem Kopf nicken. Für die, die des Katalanischen mächtig sind, können hier die Mediathek des Senders TV3 (insbesondere die Sendung FAQs), der YouTube-Kanal der Bürgerversammlung ANC (Assamblea Nacional Catalana, deutsch: Katalanische Nationalversammlung), die Online-Zeitungen VilaWeb und El Nacional, sowie Catalunya Radio genannt werden.

Währenddessen organisiert der um 2012 gegründete Verein ANC die Akquise auch derer, die sich von Fernseher oder YouTube nicht sedieren lassen, über Gruppen in WhatsApp und Telegram. Die ANC (eine Bürgerversammlung ohne politisches Mandat, aber mit enormem Einfluss in der Politik) organisiert mit tausenden Freiwilligen den uniformierten und penibel choreografierten Massennarzissmus der „Diadas“ seit dem 11. September 2012. Das Motto lautete anfangs „el món ens mira“ (deutsch: Die Welt schaut auf uns). Schon damals war die einzige valide Ausrede, daran nicht teilzunehmen, Ausländer bzw. spanischstämmig zu sein (was für viele Katalanen dasselbe ist) und die Gefühle zur katalanischen Identität nicht zu teilen oder zu verstehen. Es wurde aber jeder herzlich dazu eingeladen, Katalonien auch zu „lieben“, denn nur wer es liebt, wird willkommen geheißen. Wer das nicht wollte oder will und im Sinne von Hannah Arendt lieber seine Freunde statt ein Volk liebt, erntet mitleidige Blicke und paternalistisches Schulterklopfen, als ob die katalanische Erleuchtung noch nicht gefunden und nur eine Frage der Zeit sei. Personen des öffentlichen Lebens, die sich im Laufe des Jahres 2017 von der Separatistenbewegung entfernt haben, werden mittlerweile als faschistische Verräter stigmatisiert und in Listen öffentlich angeprangert.

Im Verwaltungsapparat der Autonomieregierung (Generalitat) und in den Gemeinden (Ajuntament) wurden mit Hochdruck ausschließlich Separatisten mit sehr traditionell katalanischen Nachnamen in die Führungspositionen gesetzt. Obwohl in Katalonien die große Mehrheit der Bevölkerung spanische Nachnamen hat, finden sich diese seit 2012 in der Verwaltung und den Behörden immer seltener. Die großen Separatistenparteien ERC (Esquerra Republicana de Catalunya, deutsch: Republikanische Linke Kataloniens) und CiU (Convergència i Unió, deutsch etwa: Übereinstimmung und Einheit) besetzten alle wichtigen Ämter, auch und vor allem in den kleinen Gemeinden im ruralen Inland.

Angesichts der gravierenden Probleme und begründeten sozialen Unzufriedenheit nach der Krise von 2008 trat die katalanische Regierung 2012 die Flucht nach vorne an. Die Bewegung der „Indignados” (deutsch: Die Empörten), die seit 2010 reale Probleme anprangert (soziale Kürzungen, Jugendarbeitslosigkeit, horrende Wohnungs- und Mietpreise, die Auswirkungen der Krise) wird von der ANC und später auch den Separatistenparteien als Vehikel benutzt, die Menschen wieder auf die Seite der katalanischen Autoritäten zu bekommen. Ihnen wird ein Sündenbock geliefert. Das Narrativ wird entwickelt, dass Spanien als autoritärer und faschistischer Staat an allem Übel in Katalonien Schuld sei. Auf einige alte Teile der Zentralregierung, wenige Richter und kleine Splittergruppen auf dem Land trafen diese Qualifikationen auch zu, die große Masse der Regierung PP (Partido Popular, deutsch: Volkspartei) in Madrid glänzte aber eher mit völlig von Ideologie befreitem Raubtierkapitalismus und Vetternwirtschaft, die die Institutionen der Bevölkerung infiltrieren und korrumpieren. Dies wiederum ist in der Autonomieverwaltung Kataloniens nicht sehr anders. Damals (bis etwa 2014) knüppelte die eigene Autonomiepolizei – die Mossos d'Esquadra (kurz „Mossos“, deutsch: Geschwaderjungs) – noch auf die Zivilbevölkerung in Katalonien ein. 2015 gab die separatistische konservative Partei CiU dann auch den Zuschlag zu dem sogenannten Knebel- oder Maulkorbgesetz (Ley Mordaza). Vorgeschlagen von der Partido Popular aus Madrid, dem Feind höchst selbst. Nach dem Attentat in Barcelona im August 2017 ist das alles vergessen. Alle Terroristen werden erschossen (hier kommt das Verb „abatir“ zur Anwendung, was auch „abschießen“ im Jagdjargon bedeutet) und so wird der moralischen Katharsis der Bevölkerung weiterhin Genüge getan. Der Anschlag passt perfekt ins Bild der sowieso schon existierenden Opferhaltung. Darauf folgende Mahnkundgebungen des Attentats werden immer wieder mit Lobeshymnen von Separatisten über die Kompetenz und Solidarität der eigenen Polizei zur absurden Farce verstellt. Der Polizeichef der Mossos wird als Held gefeiert und zur Propaganda instrumentalisiert. Nach der brutalen und völlig nutzlosen Intervention der spanischen Polizei beim Fake-Referendum am 01. Oktober 2017 steigen auch die Mossos durch ihre Inaktivität trotz richterlicher Anweisung aus Barcelona selbst endgültig zur politischen Polizei auf. Rein rhetorisch steht dagegen heute die umstrittene und klar politisch motivierte Beugehaft einiger Politiker aus dem Separatistenlager. Sie lenkt hervorragend von schweren Verletzungen der Gewaltenteilung im eigenen Haus ab und war, wie es heute von vielen Separatisten-Aussteigern zugegeben wird, als taktisches Druckmittel zur emotionalen Erpressung der europäischen Öffentlichkeit geplant und forciert. Hierzu das Buch: „Empantanados“ (deutsch: Die Versumpften). Der Autor Joan Coscubiela, damaliger Sprecher des linken pro-separatistischen Bündnisses „Catalunya Sí Que Es Pot“ und Gewerkschaftsanwalt, beschuldigt Puigdemont und die Koalition der absoluten Mehrheit „JuntsXSi i la CUP“ des Totalitarismus und der antidemokratischen Parlamentspraxis. Konkret der Umgehung der parlamentarischen Regelwerke, Ignoranz gegenüber dem Einspruch der gesetzlichen Gewährleister des eigenen Parlaments und des eigenen Autonomiestatuts Kataloniens mit Hilfe der damaligen Parlamentspräsidentin Carme Forcadell (heute in Beugehaft). Coscubiela war bis dahin immer ein Befürworter der Unabhängigkeit, allerdings nur mit einem legal paktierten Referendum. Die unter demokratischen Gesichtspunkten skandalösen katalanischen Parlamentssitzungen vom 06. und 07. September 2017, welche Coscubiela so scharf kritisierte, werden auch von katalanischen öffentlich-rechtlichen Medien seitdem nie wieder als Thema irgendwelcher Debatten zugelassen.

So wurde fünf Jahre lange ein Bild konstruiert, das viele Emotionen bedient, aber keinen klaren Gedanken zulässt. Immer wieder werden Geschichte, Tradition und Fahnen beschworen. Es wird ein komplexes Kultbild gezeichnet, das dem Betrachter in verschiedener Hinsicht entgegenkommt. Die einen finden eine lang ersehnte Wiedergutmachung nach dem Leid, das sie unter Franco schweigend ertrugen. Die anderen sehen in ihm den feuchten Traum eines neuen Staates ohne Euro und ohne Kapitalismus. Wieder andere, Spießbürger aus dem Mittelstand und vor allem Beamte, sehr autoritär erzogen, sehen ihre verpasste Jugend in der nun vorgeschlagen Selbstbestimmung. Ihren zweiten Frühling. Da sie in erster Linie damit beschäftigt waren, so viel wie möglich zu verdienen, und irgendwie mit der typisch katholischen emotionalen Erpressung ihrer Eltern klar zu kommen, sind sie politische und kulturelle Analphabeten geblieben. Es gibt noch einige andere Profile und Motive. Verdächtig ist jedoch, dass das Leitmotiv der Bewegungen zu jedem passen will, indem es sich von vornherein nur sehr generell auf Zielbeschreibungen einlässt. So wird einfach nur gesagt: „Wir kämpfen für Freiheit“ oder „Wahlrecht für alle“. Fragen, bei denen es darum geht, dass die Freiheit in der Demokratie gerade durch die Verantwortung und Solidarität gegenüber anderen eingeschränkt ist oder dass ein Wahlrecht für Referenden eben nicht von sentimentalem Nationalismus getrieben sein darf, werden mit dem reduktionistischen Ballrückspiel „Bist du etwa gegen Freiheit, Wahlrecht, und Pazifismus?“ beantwortet.

Die transzendentalen und bedeutungsfreien Slogans in den Diadas und die Sintflut an Merchandise Propaganda der ANC erlauben, dass sich jeder seine eigene Traumwelt in der Republik Katalonien zusammenbasteln kann. Wer diesen Traum nicht hat oder haben will, ist kein Demokrat und damit ein Feind. Die Politiker greifen die Mottos der ANC immer häufiger auf und transformieren diese in staatsmännische und brennende Reden, als ob es um das nackte Überleben des katalanischen Volkes ginge. Die konkrete Bedrohung der Freiheit der Menschen unter einem spanischen faschistischen Staat scheint allgegenwärtig und real und nur eine Abspaltung wird die erwünschte Demokratie, Freiheit und Prosperität bringen. Nach jahrelanger Konditionierung wird diesem ideologischen Dampf blind vertraut. Obwohl er aus den Mündern derselben Politiker stammt, die die Menschen in Katalonien keine zwei Jahre zuvor in ihrer Freiheit und Prosperität so schwer beraubt haben. Es scheinen nicht dieselben zu sein, die 2010 und 2011 als „Indignados“ gegen die schlimmen Missstände nach der Krise im Land demonstrierten. Heute sind es andere. Sie sind dem Vorschlag der ANC einer bestmöglichen aller platonischen Welten auf den Leim gegangen. Flucht nach vorn, das Eigene durchziehen, alles ignorieren, was im Weg steht, sich der monotheistischen Selbstausbeutung in totaler Freiheit hingeben. Zuckersüße Semantik – Totalitäre Grammatik.

Strukturell diskriminierend ist die Sache mit den Nachnamen bei den rund 400.000 Angestellten im öffentlichen Dienst. Offene rassistische Äußerungen gab es jedoch auch hin und wieder von Artur Mas (dem Vorgänger von Puigdemont), Quim Torra (dem heutigen Präsidenten der Generalitat) und anderen. Im Tumult der multiplen und gegenseitigen Beleidigungen und unter dem Druck der Presse, jeden letzten Tweet kommentieren zu müssen, geht das jedoch weitgehend unter. Nur der Schriftsteller Javier Cercas klärt über die Gesinnung von Qium Torra und seine Affinität zu biologischen Rassentheorien des 19. Jahrhunderts auf. Und wird damit auch in einem standesgemäßen Shitstorm in den sozialen Medien beleidigt und offen bedroht.

In diesem Artikel geht es unter anderem um Folgendes: Um 1980 tauchte ein Manifest ohne Angabe des Verfassers auf, in welchem die Überlegenheit der katalanischen Rasse gegenüber der spanischen biologisch argumentiert wurde. Im letzten Absatz wurde geschlussfolgert:

„Der Spanier kann als Element der weißen Rasse betrachtet werden, das sich in voller Entwicklung hin zu afrikanisch-semitischen Komponenten befindet. Der Intelligenzquotient eines Spaniers und eines Katalanen, laut Ministerium für Bildung und Wissenschaft, gibt einen klaren Vorteil an den Katalanen. Die progressive rassische Degradierung der Spanier kann sich auf die Katalanen übertragen, die Früchte sind an den unterschiedlichen Eigenschaften zwischen dem Menschen vom Land, nicht kontaminiert von der spanischen Herkunft, und dem der Stadt zu beobachten. Der arbeitsame und europäische Charakter eines Katalanen ist ein seelischer Faktor, gegenteilig zum faulen und pro-afrikanischen Spanier. Aufgrund all dessen müssen wir erwägen, dass die rassische Konfiguration des Katalanen von reinerem Weiß ist als die spanische und darum der Katalane gegenüber dem Spanier in rassischen Aspekten überlegen ist.”

Das Pamphlet wurde mit „Nosaltres Sols!“ (deutsch: Wir allein!) unterschrieben. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die sich eigentlich 1936 auflöste und in eine andere, „Estat catalá“ (deutsch: Katalanischer Staat) genannte überging. Diese wiederum wurde später von der heute bekannten Republikanerpartei ERC geschluckt. Auch in dieser Partei schrieb Oriol Junqueras (heute in Beugehaft) 2008 über die genetische Nähe der Katalanen zu Franzosen, Italienern und Schweizern und die Ferne zu Spaniern und Portugiesen. Interessant ist hier auch, dass die große Mehrheit der Separatisten aus ländlichen Gegenden kommt. Die ANC muss 2018 bei der Diada 1.400 Reisebusse aus dem Umland koordinieren, damit die Veranstaltung voll wird. Teilnehmer müssen sich mit Ausweisnummer und 15 Euro online vorher anmelden und bekommen einen Slot zugewiesen und nach Bedarf ein Hotel gebucht. Das Ganze sieht dann aus wie eine politische Kaffeefahrt, eine neue Art von Event Tourismus mit jeder Menge Merchandise und lecker Brötchen.

Der gesamte Verwaltungsapparat Kataloniens stand im Sommer/Herbst 2017 unter Kontrolle der Sezessionisten. Kein Beamter, der nicht auf die eine oder andere Weise teilnehmen muss oder will. TV3 und die größte katalanische Tageszeitung Ara.cat bombardieren die Bevölkerung mit versteckter oder ganz offener Propaganda. Es wird gelogen und die Realität verdreht, dass sich die Balken biegen. Die Begriffe Demokratie und Freiheit werden weithin so oft verunstaltet und missbraucht, wie es sonst nur am extremen Ende der „Unionisten“ der Fall ist, wovon nun auch jeder seine eigene Vorstellung hat. Aber die Leute dürfen bunt bekleidet auf die Straße, das scheint das Wichtigste zu sein. Dass dies nichts ändern wird, wissen die Menschen nicht, wie fast immer bei diesem Politikstil, welchen Walter Benjamin bereits 1936 so treffend analysierte.

In seinem Aufsatz „Die Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ wird der Begriff Aura als Wirkung der Kunst auf Menschen entwickelt. Dort leitet Benjamin von reiner Kunstbetrachtung in politische Analyse über und entwickelt auch einen Ansatz, der zu erklären versucht, warum der Faschismus just damals so großen Erfolg hatte. Er zieht Parallelen zu Technologien der Kunstproduktion im Film und der alten Aura-geladenen, aber „asozialen“ Malerei. Resümierend liegt der Unterschied in der spirituellen Distanz des Betrachters zum Objekt. Bei der alten Malerei ist diese sehr nah, obwohl die materielle Realität im Detail keine Rolle spielt. Es geht um die kultische Interpretation dessen, was im Bild zu sehen ist. Es ist eine individuelle und deswegen asoziale Erfahrung. Der Film repräsentiert das Gegenteil: Den Verlust der Aura. Eine große Masse Menschen sieht gleichzeitig das Selbe und mit Hilfe der Kamera wird tief in die materielle Realität des Gegebenen eingedrungen, ohne jedoch eine Aura als Medium zwischen Objekt und Person zu entwickeln. Benjamin wendet diese Erkenntnis auf politische Phänomene an. So schloss er seinen Aufsatz mit den Worten:

Der Faschismus versucht, die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren, ohne die Eigentumsverhältnisse, auf deren Beseitigung sie hindrängen, anzutasten. Er sieht sein Heil darin, die Massen zu ihrem Ausdruck (beileibe nicht zu ihrem Recht) kommen zu lassen. Die Massen haben ein Recht auf Veränderung der Eigentumsverhältnisse; der Faschismus sucht ihnen einen Ausdruck in deren Konservierung zu geben. Der Faschismus läuft folgerecht auf eine Ästhetisierung des politischen Lebens hinaus. Der Vergewaltigung der Massen, die er im Kult eines Führers zu Boden zwingt, entspricht die Vergewaltigung einer Apparatur, die er der Herstellung von Kultwerten dienstbar macht.”

Dies kann als Benjamins wichtigste Erkenntnis in diesem Aufsatz betrachtet werden. Die technische Reproduzierbarkeit von Aura vereinigt die Massen in uniformer Isolation untereinander. Der bürgerliche, asoziale Kult um symbolische Werte wird nach Belieben vervielfältigt und täuscht so eine Partizipation der Massen nur vor. Eine Partizipation, die der Film-Apparat in gleicher Weise zu bedienen vorgibt.

Seit 2012 ist dem Separatistenlager auch die radikale Mitte des reaktionären Bürgertums beigetreten. Diejenigen, die auf die alte Kunst und ihre Aura nicht verzichten wollen. Die mit einem Fetisch für Originalität und Authentizität , die am liebsten alles so lassen wollen, wie es immer war. Nur eben jetzt auf Katalanisch. Ihnen hat man vorgeschlagen sich zu manifestieren, aber nicht um etwas zu verändern, sondern um alles so zu lassen, wie es ist, um in einer neu gegründeten Republik die alte Aura endlich ungestört zu reproduzieren. Nur eben noch ein bisschen reicher und stolzer. Es kann sicher nicht behauptet werden, dass die Separatistenbewegung mit Faschismus gleichzusetzen ist, aber bereits heute werden viele Werkzeuge der Machtergreifung eines solchen genutzt.

Zurück zum Surrealismus, dieses Mal aus Vic, einer kleinen adretten Stadt im Inland, mit eigener Universität. Es ist unklar, wie es zu aufzufassen ist: Als Skurrilität oder Alarmglocke? An Aura fehlt es jedenfalls ganz und gar nicht und auch die technische Reproduktion derselben ist geglückt. Der Glockenschlag im Hintergrund ist in der Geschichte Kataloniens als „Toc de Sometent" bekannt, der Aufruf an Somatén. Das war eine paramilitärische Einheit bewaffneter Zivilisten, die gerufen wurde, wenn eine Gemeinde in Gefahr war. Im Video heißt es:

„Wir sollten eine Situation von Außergewöhnlichkeit und nationaler Dringlichkeit nicht normalisieren. Erinnern wir uns jeden Tag, dass es politische Gefangene und Exilanten gibt. Weicht nicht von unserem Ziel ab, der Unabhängigkeit Kataloniens!”

Leider ist auch diese Heimat-Romantik-Renaissance in Deutschland eingeschlagen wie eine mit Flieder und Lavendel gefüllte Stinkbombe. Im Reich der Zäune und Gartenzwerge ganz Links sowie ganz Rechts findet jeder seinen Grund, von einer besseren Welt zu träumen.

Jedoch, wer sich bei diesem Konflikt einer der beiden Seiten verpflichten will, muss sich darüber im Klaren sein, die wichtigen Themen unserer Zeit am Eingang abzugeben, denn mehr als Personenkult und die Huldigung von arbiträren Werten haben beide nicht zu bieten. Ignoranz und dumpfe Autorität des „ewigen Spanien“ auf der einen Seite und emotionale Erpressung einer seit 1714 historisch gewachsenen und neu inszenierten Opferrolle auf der anderen. Millionen Menschen, denen es heute eigentlich um etwas ganz Anderes und Konkretes ging, sind nun wieder Geiseln reaktionärer Machtspiele.

Am 11. September 1714 ereignete sich ein kollektiver Selbstmord seitens der Katalanen. Die Bourbonen boten innerhalb von acht Tagen dreimal die Kapitulation zu guten Konditionen an. Die Katalanen lehnten ab und stürzten sich ins Verderben. Heute ist das ihr Nationalfeiertag. Der Neue am Ruder in Madrid, ein Sozi, will verhandeln, aber 1714 bleibt der Kult, den es zu huldigen gilt. „Mai oblidem, Mai perdonarem!“ (deutsch: Nie vergessen wir, nie verzeihen wir) schellt es auf Twitter und Facebook von Bekannten, die in der Stadtverwaltung arbeiten.





14:08 30.09.2018
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