Was hat sie nur vor?

Unerwartete Schützenhilfe Ein hypothetisches Szenario, eine hypothetische Chance für die deutsche Linke.

Seit Frauke Petrys Performance des Montag Morgen fragen sich dies hierzulande momentan wohl zahlreiche Wähler. Aber vor allem die Parteigänger der AfD und ihre (noch) „Parteifreunde“ .

Seit der Pressekonferenz, die doch eigentlich ein weiterer Moment des Sieges für die Spitzenkandidaten Gauland und Weidel sowie Mitparteivorsitzenden Meuthen werden sollte.

Der triumphale Moment lief allerdings nicht ganz so, wie die drei starken AfD Funktionäre sich diesen vorgestellt hatten.

Die Show gehörte einer anderen.

Einer, die in letzter Zeit verändert wirkte, teilweise als Fremdkörper in einer AfD im Wahlkampfmodus; – auch wenn man sich fragen mag, ob zwischen der AfD und der AfD im Wahlkampfmodus unterschieden werden kann - Die Show gehörte der Parteivorsitzenden und Bundessprecherin Frauke Petry.

Nach ihrer Erklärung, der AfD- Fraktion im Bundestag nicht angehören zu wollen, war die Überraschung und vor allem die Aufregung in und um die Partei groß. Aus allen Wolken schienen sie zu fallen – zumindest könnte man den Blick des AfD Bundessprechers Christian Lüth so deuten - und damit hätte so ja Niemand gerechnet. Auch und vor allem, weil es keinerlei Absprachen im Vorfeld gegeben und Frau Petry ihre Parteifreunde somit bis zur letzten Sekunde im Unwissen gelassen hatte. So etwas mache man doch nicht, und wenn doch, dann solle sie die Party doch bitte ganz verlassen, klingt es überrascht aus der AfD- Führung zurück.

Was bitte haben Sie erwartet, möchte man die überraschten Nationalkonservativen fragen und gerne Erinnerungen wachrütteln an den Sommer 2015 und einen gewissen Bernd Lucke.

Auch wenn es für die AfD sicherlich aufregende zwei Jahre waren, könnte man trotzdem ein gewisses historisch-politisches Kurzzeitgedächtnis erwarten.

Beobachtet man die Entwicklung der Partei in den letzten Monaten und im Besonderen seit dem Bundesparteitag am 22. April in Köln, kommt man nicht umhin die zentrifugalen Kräfte zu bemerken, die in und um die Partei im (Wahl-)Kampfmodus wirkten.

Streitereien um Personal, um Inhalte, um taktische Ausrichtung, um den Anspruch, den die AfD als solche an sich selber und den, den die Wähler an die AfD als Partei hätten.

Es ging um die Ausrichtung einer Partei, die, aus wirtschaftlichen Überlegungen gegründet wurde, und in der sich rasch verschiedene Flügel ausbildeten, die zwar einen gemeinsamen Nenner aufwiesen, aber trotz allem nach und nach weiter auseinanderdrifteten.

Im Frühjahr 2017, kurz vor der Bundestagswahl, die im Zeichen von Bedenken, die aus dem Siegeszug des Populismus in Großbritannien, den Vereinigten Staaten - um nur die entscheidensten Beispiele zu nennen - und der Debatte um Fake- News oder alternative Fakten sowie Wahlmanipulation ausländischer Staaten stand, hatte sich der national- völkische Flügel als der stärkste, also der am lautesten polternde, erwiesen.

Prominente Parteifunktionäre wie Gauland, Höcke und Poggenburg standen moderateren Vertretern wie eben Petry und ihrem Ehemann Marcus Pretzell gegenüber, die für einen gemäßigteren Kurs stehen.

Diese Auseinandersetzung kann man durchaus als eine ganz entscheidende für die Zukunft der AfD ansehen, da der eigentlich zu Grunde liegende Konflikt der nach der Frage ist, ob die AfD perspektivisch Regierungsverantwortung übernehmen möchte oder ihre Rolle als starke Oppositionspartei sieht. An diese Frage schließen sich zahlreiche weitere an, wenn es beispielsweise darum geht, wie die Performance der Parteifunktionäre taktisch ausgerichtet wird, welche Rhetorik angewendet und an welchen politischen Positionen unweigerlich festgehalten werden soll.

Nun ist die Wahl gelaufen, die AfD als drittstärkste Kraft in das deutsche Parlament eingezogen und könnte sich in ihrem Triumph sonnen. Wäre da nicht der Störenfried Frau Petry.

Aufgrund inhaltlicher Differenzen, Differenzen bezüglich der Zukunftsperspektive und zunehmend nationalistisch- rassistischen Tönen von Parteifunktionären erklärte die noch Parteivorsitzende Petry der AfD- Bundestagsfraktion nicht angehören zu wollen.

Eine Überraschung wohl war. Aber eine Überraschung, die sich angekündigt hatte.

Spätestens seit dem Bundesparteitag von Köln war ziemlich klar, dass Petry kaum noch eine Chance hat die Partei von ihrem moderateren realpolitischen Kurs zu überzeugen und ihr somit die kleine Chance zu geben hinauszutreten aus der politischen Isolation. Das bedeutet hin zu einem Kurs, der die Partei mehr in die Mitte stellt, eine klare Abgrenzung zu nationalistisch- völkischen Tendenzen und zu der radikalen Rhetorik betreibt, der sich die AfD während des Wahlkampfes bediente. Ob diese nur ein Wahlkampfinstrument war, bleibt ohnehin abzuwarten

Welche Perspektive hat Petry noch in dieser, ihrer Partei, die ein Sammelbecken für enttäuschte Rechte verschiedenster Couleur geworden zu sein scheint, die sich in ihrer Stammtischrhetorik und polarisierendem Auftreten gegenseitig zu übertreffen suchen? In einer Partei, deren stellvertretender Parteivorsitzender nach der Wahl mit reglosem Gesicht und polternder Stimme ankündigte: „[...] Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen […].“, so dass man als fassungsloser Zuschauer eine Gänsehaut bekam und es einem, bei der Vorstellung, dass dieser Mann, der auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung gerne mal „entsorgen“ würde, in Zukunft ein Abgeordneter des deutschen Bundestages sein soll, zusätzlich kalt den Rücken runterlief.

Objektiv also keine Perspektive. Dass Frau Petry auf der subjektiven Ebene vielleicht auch einfach keine Lust auf und keinen Sinn mehr in dieser Partei sieht, kann ihr wohl fast Niemand übel nehmen.

Mittlerweile ist klar, dass Frau Petry nicht alleine steht. Auch ihr Ehemann Pretzell sowie einige andere hohe Funktionäre der sächsischen AfD sowie ein Vetrauter Pretzells aus NRW haben ihren Austritt aus der jeweiligen Fraktion sowie aus der Partei als solcher angekündigt oder bereits vollzogen.

Der Zeitpunkt dafür ist taktisch klug gewählt.

Es wäre durchaus berechtigt zu fragen, weshalb solch weitreichende Entscheidungen, denen sehr wahrscheinlich ein dezidierter, persönlicher Abwägungsprozess vorangegangen ist, erst nach der Wahl verkündet wurden? Doch ist genau dies das taktische Kalkül. Es geht um die Bundestagsmandate, die Petry und (vielleicht) auch weitere Abtrünnige nun in der Tasche haben. Ob dieses Szenario auch bei einer vorherigen Ankündigung eingetreten wäre, ist zumindest äußerst fraglich.

Doch, es bleibt die Frage, was hat sie vor? Die ganze Situation macht nicht den Anschein einer spontanen Reaktion. Vielmehr scheint es ein abgestimmtes Vorgehen zu sein.

Ihr Austritt aus einer Partei, in der sie und ihre politischen Vorstellungen keine Zukunftsperspektive mehr haben, eröffnet Frau Petry einige Möglichkeiten.

Durch ihr Direktmandat ist sie weiterhin Teil des deutschen Bundestages. Vorerst als partei- und fraktionslose Abgeordnete. Zwar haben fraktionslose Abgeordnete nur eingeschränkte Abgeordnetenrechte, doch ist sie trotzdem viel näher dran am politischen Tagesgeschäft als sie es ohne ihr Mandat wäre. Ebenso könnte sie an Ausschusssitzungen teilnehmen und diesen auch beratend zur Seite stehen. .

Aber dieses abgespeckte Abgeordnetendasein wird es nicht gewesen sein, was Frau Petry gereizt hat.

Könnte nicht vielmehr die Überlegung dahinter stecken, dass sie vielleicht nicht alleine ist mit ihren Empfindungen gegenüber der heutigen AfD und ihrer Ablehnung einer nationalistisch- völkischen Ausrichtung sowie der ambitionslosen Oppositionsrolle für alle Zeit? Dass auch weitere Parteimitglieder und -funktionäre, sogar gewählte Abgeordnete der AfD so empfinden könnten? Denen bietet sie mir ihrem Vorgehen und mit einer etwaigen Komplizenschaft eine Alternative.

Eine Alternative zur Alternative, es wäre fast schon witzig, wenn es nicht so ernst wäre.

Wie dem auch sei, es könnte sich demzufolge eine Gruppe von resignierten und abtrünnigen (dann ehemaligen) AfD- Abgeordneten gründen, die nicht mehr konform ist mit der Linie, die die Partei nun fährt.

Besonders interessant wird dieser Gedanke vor dem Hintergrund, dass seit dem Wahlsonntag die Zahl von 60% Protestwählern unter Demoskopen kursiert.

Es sollen demnach knapp 60% der AfD- Wähler sogenannte „Protestwähler“ sein, die eigentlich nicht unbedingt konform sind mit dem inhaltlichen Profil der AfD, sondern mit ihrer Wahlentscheidung ihren Protest ausdrücken wollten. Ihren Protest gegen die aktuelle Politik, gegen aktuelle Verhältnisse und Nichtbeachtung in der Politik – also ein Appell an die etablierten Parteien.

Rechnet man dies einmal durch, blieben von den 12,6% , die die AfD bei der Bundestagswahl bekam lediglich 5,04%.

Die AfD kratzte also gerade noch so an der Sperrklausel.

Kann man den Zahlen Glauben schenken, wären diese 60% das Potenzial, an das sich Frau Petry richten könnte. Mit ihrer neuen Gruppe, die dann allerdings einen umfassenderen Rahmen bräuchte.

Also eine neue Partei?

Dieses Szenario ist ein viel diskutiertes in den zurückliegenden Tagen. Genährt wird es von schwammigen Aussagen des Herrn Pretzell, der den Climax noch etwas ausreizen, die Spannung und somit die Publicity verstärken will. Und ebenso durch das Bekanntwerden der Einrichtung einer Internetdomain „Die Blauen“, die wohl bereits seit Juli existiert und klar auf Frau Petry zurückverfolgt werden kann.

Erste Anzeichen für besagte neue Partei? Es bleibt spannend, aber man stellt sich schon die Frage, ob das Ehepaar diesen Plan tatsächlich zu zweit schmiedete und sich auch tatsächlich zutraut ihn alleine auszuführen ?

Durch den Namen „Die Blauen“ wurde die Parallele zu der österreichischen FPÖ, die auch als eben „Die Blauen“ bekannt ist, bereits gezogen. Doch ist dies nicht die einzige Parallele, die es festzustellen gibt.

Es liegt nun bereits knapp 12 Jahre zurück, da befand sich die FPÖ, die große rechtspopulistisch und nationalkonservative Partei Österreichs, in Österreich in Regierungsverantwortung und zwar in einer Koalition mit der ÖVP.

Seit 2000 bildeten diese beiden Parteien zusammen die Regierung in Österreich, nachdem die FPÖ sich in den vorherigen Jahren einer Phase der Mäßigung und Reformierung der Partei gewidmet hatte, so dass sie gewisse Bedingungen erfüllte, zu radikale Positionen aufgab und somit (aus Sicht der ÖVP) koalitionsfähig wurde.

Die damalige Entscheidung der ÖVP in eine Koalition mit der FPÖ einzutreten, provozierte aufgrund der Verortung der FPÖ als nationalistische Partei großes Entsetzen in der internationalen Öffentlichkeit und bei den EU- Partnern.

Diese gingen in den darauffolgenden Jahren sogar so weit sich auf EU- Ebene über Sanktionen gegen Österreich zu verständigen, die die einzelnen EU- Mitglieder der EU- 14 dann bilateral umsetzten. Des Weiteren wurde die Mitgliedschaft der ÖVP in der EEP- Fraktion des Europäischen Parlamentes sogar zeitweilig ausgesetzt.

Im Jahr 2005 hatte die FPÖ als Partei sich wieder zunehmend radikalisiert, so dass der, ebenfalls als weit rechtsaußen zu verortenden, Parteivorsitzende Jörg Haider – der aus ähnlichen Überlegungen selber nicht an der Regierung beteiligt war und seine Partei von Außen lenkte – zu der Überzeugung gelang, reagieren zu müssen, um die Funktionsfähigkeit der Regierung zu bewahren.

Seine Lösung sah vor ein neues Bündnis, und zwar das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), zu gründen. Dieses Bündnis war zuerst nicht als Partei organisiert und bestand aus moderateren FPÖ- Vertretern.

Das BZÖ übernahm in einem nächsten Schritt die Regierungsverantwortung stellvertretend für die FPÖ und bildete auf Grundlage des bestehenden Koalitionsvertrages mit der ÖVP für den Rest der Legislaturperiode die Regierung. Das Bündnis trat auch zur nächsten Wahl an.

Auch wenn die Parallele einem nicht sofort ins Auge springt, kann man die Situationen vergleichen, dreht man die Vorzeichen einmal um.

Im Fall der AfD und von Frau Petry handelt es sich zwar keinesfalls um Regierungsverantwortung, allerdings könnte dieser Weg des Outsourcens genau der Weg sein, den Frau Petry nun einzuschlagen versucht.

Sie sammelt moderatere, realpolitischere AfD- Gefährten um sich, die im besten Fall auch ein Bundestags- oder Landtagsmandat mitbringen, organisiert sich in einer neun Partei.

Diese Partei ist bereits in verschiedenen Landesparlamenten sowie dem deutschen Bundestag vertreten. Kann also in einer der ersten Reihen auf sich aufmerksam machen.

Durch das starke Ergebnis der AfD sind viele hintere Listenkandidaten in den Bundestag eingezogen, über deren politische Verordnung man nun noch rätseln mag, die aber vielleicht auch Petry- Potenzial hätten.

Natürlich muss man diese Situation in ihrer Gänze betrachten und auch mit einem großzügigem Zeithorizont.

Auch wenn die Situation für Frau Petry, ihre neue hypothetische Gruppe im Bundestag und ihre hypothetische Partei momentan eher schlecht aussehen sollte, weiß man nicht, wie sich die Performance der AfD in nächster Zeit gestalten wird.

Ob die Partei aus dem (Wahl-)Kampfmodus aufwacht, gemäßigtere Töne anschlägt und sich daran macht, sich in die Parlamentsarbeit rein zu fuchsen, um auf Bundesebene ein besseres Bild abzugeben als das bisher in den Landesparlamenten der Fall zu sein scheint. Oder ob sie bei ihrer radikalen Rhetorik, ihren polarisierenden und provozierenden Auftritten bleibt und die neue, größere Bühne Bundestag für ihre spaltende Botschaft missbrauchen wird?

Somit könnte sie weitere Parteigänger, deren Grundmotivation für ihre Parteimitgliedschaft oder – Sympathie nicht zu allererst ihre völkische Orientierung und/ oder Fremdenfeindlichkeit, sondern vielmehr sozioökonomische Zwangslagen und prekäre Verhältnisse, die nach nachhaltigen und innovativen politischen Lösungen rufen, waren. Diese kann man durch reinen Populismus und undurchdachte Hassparolen, die als Lösungen angeboten werden, nicht herbeizaubern.

Was zum einen für manches AfD- Mitglied und – Sympathisanten gelten mag, kann man auch auf die bereits angesprochenen 60% Protestwähler projizieren. Auch diese werden sich vielleicht nach und nach fragen, ob sie tatsächlich weiterhin diese Partei unterstützen wollen, zu der die AfD sich zu entwickeln scheint.

Diese Situation wäre der Ansatzpunkt für Frau Petry und ihre neue Partei. Die Voraussetzung wäre allerdings, dass diese Partei in der Lage wäre, tatsächlich politische Lösungen, einen alternativen Weg in den verschiedenen Politikfeldern zu präsentieren.

Könnte sie das, hätte sie das Potenzial der AfD viele Stimmen und viel Rückhalt streitig zu machen, müssten sich die Protestwähler und zahlreiche AfD- Parteigänger doch spätestens zu diesem Zeitpunkt die Frage stellen, ob sie weiterhin tatsächlich Protestieren um des Protestieren- Willens wollen, oder ob sie die Chance nutzen wollen eine wirkliche Alternative zu erarbeiten und zu unterstützen.

Dies ist die politische Herausforderung vor der das Ehepaar Petry- Pretzell steht. Kann man ihren Tönen der letzten Monaten Glauben schenken, sind sie gewillt reale Politik zu machen, mit dem Ziel 2021 Regierungsfähig zu sein. Auch wenn dieser Traum utopisch ist, steckt in ihm die Bereitschaft dafür zu arbeiten.

Nun mag man sich fragen, inwiefern dies eine neue Chance für die deutsche Linke sein sollte und eben nicht nur eine für eine neue rechte Partei?

Man muss dies in den parteipolitischen Kontext in Deutschland einordnen, um dies nachvollziehen zu können.

Sollte dieser neue Player – Partei oder soziale Bewegung, aus der nach und nach eine Partei entstehen soll – sich tatsächlich etablieren und konsolidieren, heutige AfD- Anhänger in sich versammeln, dann wäre diese Entwicklung eine, die nicht nur die AfD beträfe. Sie wäre ebenso eine Herausforderung für die Union sowie die FDP, da sie in dem rechten politischen Spektrum verankert und auch dort auf Wählerfang gehen würde.

Darauf müssten Union und FDP reagieren.

Die Union steht nach der Bundestagswahl ohnehin vor der Herausforderung ihre „rechte Flanke“ zu schließen, wie es heißt.

Sie muss ohnehin nach rechts rücken. Des Weiteren ist sie nun nicht mehr den Absprachen des Koalitionsvertrages verpflichtet, der sie in den letzten Jahren eng mit der SPD verzahnte. Dementsprechend von ihrer konservativen Basis entfernte. Dies kann man an der Wählerwanderung zur FDP aber und vor allem zur AfD festmachen. Diesen Dynamiken muss die Union sich in der kommenden Legislatur entgegenstemmen und ihre Stammwählerschaft wieder mehr bedienen, Wählerstimmen zurückerobern. Und dies nicht, indem man Positionen der AfD übernimmt - das nimmt der CDU sowieso niemand ab.

Was abzuwarten bleibt, ist welchen Nachfolger die CDU für Frau Merkel finden wird. Ob es allerdings geeignete KandidatInnen geben wird, die Merkels Strahlkraft auffangen können, bleibt beim derzeitigem Angebot dahingestellt, weshalb es für die Union umso bedeutender sein wird, dies mit politische Inhalten und neuen Ansätzen aufzufangen.

Man könnte dieses Szenario zusammenfassen in Grabenkämpfe innerhalb des (mitte-)rechten politischen Spektrums.

Während die, in diesem Szenario dann vier - mit der CSU fünf - Parteien betreffenden, Kämpfe im rechten Spektrum andauern und die Parteien beschäftigen, wäre genau dies die Chance für die deutsche Linke.

Zu dieser deutschen Linke kann man "Die Linke" sowie die SPD zählen. Denn vor allem die SPD könnte aus dieser Konstellation gestärkt hervorgehen.

Durch den prophezeiten Rechtsruck der Union wäre eine klare Profilierung und Abgrenzung der SPD von der Union erfolg, die die Partei durch eigene konstruktive und konstante Oppositionsarbeit noch verstärken könnte und müsste.

Durch eine eindeutige Linie und sozialdemokratische politische Lösungsvorschläge könnte die SPD sich eben wieder als die Alternative zu erstens der amtierenden Bundesregierung – wie auch immer sie aussehe - sowie zweitens den rechten und mitterechten Parteien etablieren und Glaubwürdigkeit erlangen.

Davon dass "Die Linke" ihre Abgrenzung nach Rechts ohnehin deutlich betreibt, kann man ausgehen. In der Opposition mit der SPD kann man somit neue Allianzen schließen, Vertraute gewinnen und die Perspektive rot- rot- grün ( je nachdem wie die Performance dieser Partei, eventuell ja in der Regierungskoalition Jamaica, abläuft) mehrheitsfähig machen.

Neue Allianzen, neue Chancen auf der linken Seite des politischen Spektrums, während man zuschauen könnte, wie das rechte Spektrum sich „zerfleischt“.

Nun ist dieses Szenario zu diesem Zeitpunkt natürlich ein hypothetisches und baut auf zahlreichen Vermutungen und Hoffnungen auf. Nichtsdestotrotz könnte dies der Weg für die nächsten vier Jahre sein und man sollte die Chance nutzen, sollte sie sich denn bieten.

Die Voraussetzung, die auf der linken Seite für ein erfolgreiches Taktieren erfüllt sein müsste, wären natürlich wirklich durchdachte politische Lösungen, die die Sorgen der Protestwähler und vieler anderer Menschen in Deutschland ernst nehmen.

Denn, diese sind das Zünglein an der Waage und, auch wenn man ihrer jetzigen Wahlentscheidung nicht positiv gegenübersteht und diese auch nicht vollkommen nachvollziehen kann, liegt es doch an der deutschen politischen Linken, sie wieder zurückzuholen.

Ihnen politisch ein Angebot zu machen, das sie nicht ablehnen können.

In dieser Situation gäbe es für viele der Angesprochenen keine Anreize mehr ihre Stimme an rechtsradikale und populistische Player also der AfD zu geben.

Für überzeugte Rechtskonservative gäbe es dann die neue Petry- Partei und weiterhin die Unionsparteien, die es hoffentlich verstanden hätten eine politische Agenda zu fahren, die wieder klar konservativ wäre.

Ob die gespaltene AfD und die Petry- Partei in einem solchen Szenario noch genügend Anziehungskraft besäßen, um jeweils die 5%- Hürde zu überspringen, darf entschieden angezweifelt werden, womit sich dieses Problem erledigt hätte.

Vom demokratischen Verständnis her könnte man einwenden, dass es doch nicht wirklich das Ziel sein könnte eine politische Partei zu marginalisieren und auszuschließen. Nein, dies wäre nicht fair und schlichtweg undemokratisch. Jede Partei hat natürlich das Recht am demokratischen Prozess teilzunehmen und auch jede politische Einstellung hat das Recht auf Repräsentanz, so lange sie demokratische Grundprinzipien respektiert und genügend Wählerstimmen erlangt.

Und dies ist der Knackpunkt: das Elektorat wird entscheiden. Schaffen wir also die nötigen Voraussetzungen dafür, dass diese Entscheidung eine für eine progressive, demokratische Politik sein wird und vor allem sein kann. Und akzeptieren wir die diesjährige Wahlentscheidung, setzen uns mit den Gründen auseinander und arbeiten an uns selber, anstatt diejenigen zu verfluchen, die ein vermeintlich „falsches“ Kreuz gesetzt haben.

Wir haben nun vier Jahre Zeit. Wartet nicht so lange um diese Politik auch wirklich wieder anzubieten.

Betrachtet man die Herausforderungen der heutigen Zeit – national sowie globale – kommt man ehrlicherweise nicht umhin festzustellen, dass es gerade jetzt an der Zeit ist für eine Politik der Sozialdemokratie. Eine Politik der Solidarität, der Gerechtigkeit, der Nachhaltigkeit und vor allem der Klarheit, die sich deutlich abgrenzt von den neoliberalen und hierarchischen Zwängen eines globalen Kapitalismus, der in der Lage ist die Menschen und die Politik abzulenken und mit seinen Versprechungen – die er nachweislich nicht zu halten im Stande ist – einzulullen.

Ist die deutsche Linke dazu nicht in der Lage, kann die ganze Entwicklung eine komplett andere sein und das rechte politische Spektrum sich als das zukunftsfähigere erweisen und die unerwartete Unterstützung - dieses historische Zeitintervall - aus dem rechten politischen Spektrum umsonst gewesen sein.

Es könnte natürlich auch sein, dass Petry und Pretzell sich lediglich eingestehen mussten, in ihrer Partei mit ihren Vorstellungen sowie im internen Machtkampf radikal gescheitert zu sein und nun versuchen noch die letzten Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Es also nicht um einen durchdachten politischen Schritt, sondern lediglich um zwei geknickte Egos geht.

(Außerdem ist ebenso zu fragen, ob die beiden mit ihren Äußerungen nicht sogar die Türöffner für die radikalere Rhetorik und weiterer Kommentare AfD Politiker waren.)

10:58 29.09.2017
Geschrieben von

Frédéric Bravo Paredes

Frédéric Bravo Paredes studierte in Köln und Bonn Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft.
Avatar

Kommentare 1