Ein Glück, dass Karin Neuhäuser mitspielte

Bühne Premiere von "Andersen. Trip zwischen Welten" am Hamburger Thalia Theater: exzessive Video-Aufführungen, stimmliche Exaltation und pausenlose Musik

Wer Luk Percevals Molière von 2007 gesehen hat, wird in Erinnerung haben, wie die Aufführung aus Werk und Leben eines Autors eine kollektive Biografie formte, um damit etwas über das Leben heute zu erzählen. Am Samstag saß Perceval in einer Loge des Hamburger Thalia-Theaters, wo er seit Beginn der Spielzeit Leitender Regisseur ist. Zu sehen war eine Premiere, die an den Molière denken ließ: Andersen. Trip zwischen Welten, so der Titel, doch damit hatten sich die Gemeinsamkeiten auch erschöpft.

Der geringste Unterschied ist noch die Dauer: Nahm sich Perceval für Molière vier volle Stunden Zeit, hechelt Pucher in hundert Minuten durch den Stoff, den er und der Dramaturg Benjamin von Blomberg aus dem Märchen Der Schatten, aus (Auto-)Biografischem und aus Texten Dritter zusammengestellt haben. Zu Gehör kommt er auf einer Bühne, die mit einem optischen Trick arbeitet: Knapp hinter dem Portal steht ein weiteres Portal, das wie ein Rahmen das farblose Gemälde eines mondänen Salons umgibt. Doch spätestens mit dem Auftritt des ersten der drei Andersen-Darsteller (Bruno Cathomas, Mirco Kreibich, Daniel Lommatzsch) erweist sich die grauweiße Wand als ein Relief.

Video-Exzess

Der Aha-Effekt hat seinen Preis: Weil die Bühne kurz hinter der Rampe verstellt ist, geht die dritte Dimension verloren – und dem Theater eine wesentliche Ausdrucksmöglichkeit. Leider ist diese Verflachung sehr oft zu erleben, und Pucher und seine Bühnenbildnerin Barbara Ehnes sind darin besonders geübt. Doch als Grund ist nur die exzessive Verwendung von Videos erkennbar: Etwa die Hälfte des Abend füllt vorproduziertes Bildmaterial, für dessen Projektion eine plane Fläche benötigt wird. Die befindet sich hinter dem stilisierten Salon und gerät immer dann in den Blick, wenn sich in der Rückwand zwei Elemente öffnen – und die Bühne durch die Projektion optisch im selben Augenblick wieder verflacht.

Das gilt auch im übertragenen Sinne, obwohl sich die drei Andersens größte Mühe geben, durch körperliche und stimmliche Exaltationen Andersen als „Freak“ kenntlich zu machen, wie ihn das Programmheft charakterisiert. Aus der Entfernung von 200 Jahren ist die Diagnose ziemlich kühn. Zudem liegen ihr zwei Irrtümer zugrunde, an denen auch die Inszenierung krankt: dass Genie und Wahnsinn Hand in Hand gingen und dass sich Werk und Leben in eins setzen ließen. Ein dritter Irrtum kommt erschwerend hinzu: Die Musiker, die nahezu pausenlos Schlagzeug und Keyboard bearbeiten, sind fraglos gute Instrumentalisten, die Musik jedoch schnürt dem Abend die Luft ab, weil fast nichts geschieht, ohne dass ein Ton, ein Tusch, ein Triller dazu ertönt.


Dass es etwas Positives von diesem Abend zu vermelden gibt, ist Karin Neuhäuser zu verdanken. Sie spielt den Schatten aus dem Märchen, den ein Mann auf einer Reise in den Süden verliert. Durch Präzision im Ausdruck gelingt Neuhäuser eine Intensität, um die sich ihre aufgekratzt und bedeutungsschwer agierende Umgebung vergebens müht. Und so ist sie auch die Einzige an diesem Abend, der es gelingt, aus Werk und Leben eines Autors eine kollektive Biografie zu formen, um damit etwas über das Leben heute zu erzählen.

In seiner Loge wird Perceval Karin Neuhäusers Leistung mit Genugtuung gesehen haben. Schließlich hat die Schauspielerin schon seine Molière-Inszenierung bereichert, und ans Thalia ist sie mit ihm gekommen.

Aufführungen:



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