Marat/Sade in Hamburg

Bühne Ein Irrtum löst sich nicht in Luft auf, nur weil die Zahl derer, die ihm aufsitzen, stetig steigt. Wie für alle Lebensbereiche gilt diese ...

Ein Irrtum löst sich nicht in Luft auf, nur weil die Zahl derer, die ihm aufsitzen, stetig steigt. Wie für alle Lebensbereiche gilt diese Binsenweisheit auch im Theater - und im Hamburger Schauspielhaus wohl ein Quäntchen mehr. Ein erstes Indiz dafür, dass es sich bei der jüngsten Premiere im größten deutschen Sprechtheater um einen Irrtum handelt, hält schon die Buchhandlung im Foyer bereit, wo als Blickfang statt der üblichen Fachliteratur das aktuelle Sonderheft des Manager-Magazins ausliegt. Titel: Die 300 reichsten Deutschen.

Zum angekündigten Marat/Sade von Peter Weiss passt die Schlagzeile so wenig wie das Bühnenbild von Cary Gayler, eine blaue Gummizelle, auf deren Wänden der Aldi-Schriftzug im Lidl-Design prangt. Wenn dieser grafische Bastard sichtbar wird, ist der erste Teil der Inszenierung aber schon vorbei, und weil die vom Stück nur wenig übrig lässt, wurde sie kurzfristig umbenannt. Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? heißt der Abend nun, und als Hauptfiguren dienen statt der Antipoden Jean Paul Marat und Marquis de Sade nun 24 Hamburger Hartz-IV-Empfänger, die zum Prolog auf die Vorbühne kommen und in selbst verfassten Texten ihre privaten Sorgen schildern.

Noch ist der Vorhang zu, doch schon jetzt krankt der Abend am besagten Irrtum: der Annahme, die soziale Wirklichkeit ließe sich einfangen, indem man ihre Protagonisten auf die Bühne zerrt. Rimini Protokoll, Gob Squad und Signa sind nur einige Beispiele für diese Auffassung, die allenfalls ehrenhaft ist, weil sie übersieht, dass alles, was auf die Bühne gelangt, eine Wirklichkeit annimmt, die von der äußeren kategorial verschieden ist.

Ungeachtet der Unterschiede im Detail, gehört zu den Aposteln falscher Lebensechtheit auch der Regisseur des Abends, Volker Lösch, dem man hier nicht einmal guten Willen bescheinigen kann. Denn das Stück verhandelt neben anderen politischen Fragen auch die nach dem Irrtum: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade lautet der vollständige Titel von 1964, und schon die Verschachtelung von Ort und Zeit, Realitätsebenen, Personen und Ideologien ist ein Hinweis darauf, dass Gesinnung nicht künstlerische Form ersetzt.

Vom Ersten besitzt der Abend überreichlich, vom Zweiten nichts. Das gilt auch für den Hauptteil "frei" nach Peter Weiss: Er beginnt in historischen (daher staubigen!) Kostümen, in denen nun echte Schauspieler stecken. Wenn sich der Vorhang hebt, springen sie aus den alten Kleidern und in die Gegenwart: Während de Sade (Marion Breckwoldt) in einen Sitzsack plumpst und sich Fett absaugt oder Sudokus löst, irrwischt Marat (Achim Buch) durchs halbe Haus, um in diversen Kostümierungen - darunter Lenin, ein Edel-Hippie und "Fidelchen"Castro - als Pseudorevolutionär auf der Bühne zwischenzulanden. Begrüßt wird er dort von 24 "Irren" unter Anleitung eines Jogi-Löw-Verschnitts mit Trillerpfeife. Die Stimmung schlägt um, als Marat sich als Schlipsträger und Gewinnler des (jeden!) Börsencrashs auf die Bühne wagt. Prompt streckt Charlotte Corday (Jana Schulz) ihn mit der Pistole nieder.

Von solch schlichtem Denken vollends durchtränkt ist der Epilog, in dem 24 Hamburger Hartz-IV-Empfänger die Namen und Anschriften der 28 Hamburger unter den "300 reichsten Deutschen" skandieren. An Denunziation schrammt die Szene knapp vorbei, nicht aber an der Desavouierung jener unbedarften Laien, die sich von einer angeblich wohlmeinenden Regie vor den ideologischen Karren spannen lassen.

Der Bärendienst hat zwar System, ist in diesem Falle aber besonders ärgerlich. Schließlich steht die Warnung im Stück: "Du willst dich einmengen in die Gegenwart, aber sie wird dich in die Ecke drängen." Das gilt auf jeder Bühne - und im Hamburger Schauspielhaus ein Quäntchen mehr: Direkt gegenüber liegt der Bahnhofsvorplatz, den man vor und nach der Vorstellung passiert. Dort erfährt man bei jedem Schritt mehr über die soziale Wirklichkeit als durchs noch so ambitionierte Imitat.

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