Deutsches Beben

75 JAHRE IFS Das Frankfurter Institut für Sozialforschung und Sloterdijks Profilierung

Da wäre man gerne dabei gewesen: Jürgen Habermas, vor ein paar Wochen 70 geworden und agil geblieben wie eh und je, schlägt an einem Donnerstag Die Zeit auf und liest eine Todesanzeige: »Die Kritische Theorie ist tot«. Allein der Singular muß ihn erheitert haben.

Ausgestellt hat den Totenschein Peter Sloterdijk, ein Schwabinger Guru, im Südwesten der Republik als Talk-Show-Philosoph bekannt. Er fühlte sich missverstanden von der Kritik, die sein »luzides Träumen« über das Züchten und Manipulieren von Menschen nicht für einen Beitrag zur »politischen Kultur« hält, sondern bestenfalls für abstruse Spekulationen eines Ahnungslosen, wenn nicht für gefährlichen Blödsinn. Ein philosophierender Literat, dessen Hauptwerk die Neue Zürcher Zeitung unter der Rubrik »Männerphantasien« einordnete, bescheinigt dem mit Abstand produktivsten und international bekanntesten Philosophen und Soziologen der Republik, er sei »nur ein durchschnittlicher Träger einer problematischen Gewohnheit, die man einst mit dem Ehrennamen der Kritik umkleidete«. Was das »Umkleiden« betrifft, so sind die Laufbahnen jener bekannt, die das Kleid des Kritikers in den Schrank hängten und sich einreihten in die fröhlichen Kolonnen der notirsch »etwas freieren Generationen«. Fragt sich nur, frei wovon?

Die Todesanzeige trifft zeitlich zusammen mit dem 75-jährigen Bestehen des »Instituts für Sozialforschung« (IfS), das man nach 1945 »Frankfurter Schule« nannte. An diesem Wochenende findet in Frankfurt ein international besetzter Kongreß statt, auf dem Erbe und Geschichte kritischer Theorien sowie die Gegenwart und Zukunft von Gesellschaftskritik, die sich weder dem akademischen main-stream andient noch im realpolitischen Beratungsgewerbe versumpft, verhandelt werden. Von dem in Frankfurt debattierenden Chor (Alfred Schmidt, Herbert Schnädelbach, Michael Walzer, Zygmunt Bauman, Richard Sennet, Chantal Mouffe, Axel Honneth, Jürgen Seifert u.a.) ist mit Sicherheit nur zweierlei zu erwarten: sie werden nicht einstimmig singen, und sie werden Gesellschaftskritik und kritische Theorien für etwas weniger tot erklären als die heideggernd raunende Redemaschine aus Karlsruhe.

Heute muss man Gesellschaftstheorie und Gesellschaftskritik anders aufeinander beziehen, als es Horkheimer vor 60 Jahren noch möglich war: Für diesen war »das Elend ... an die gesellschaftliche Struktur geknüpft«, und die Notwendigkeit von deren Überwindung insofern eine ausgemachte Sache, als man offen auf die Mobilisierung des gesellschaftlichen Vernunftpotentials vertraute und weniger offen auf ein geschichtliches Subjekt, das jenes Potential verwirklichen sollte. Beide Erwartungen sind theoretisch problematisch und praktisch unwahrscheinlich geworden.

Sloterdijks Klamotte wäre wohl überall auf der Welt nur als Selbstprofilierungsversuch eines ins provinzielle Abseits geratenen Autors gewertet worden - außer in der Bundesrepublik, wenn es um Kritik, »Kritische Theorie« und Habermas geht. Bei der FAZ hat man in solchen Fällen für Flegeleien und Lümmeleien jede Menge Platz (FAZ 13. 09.). Der eminente Denker Lorenz Jäger, der Sloterdijks »Sphären«-Plunder für »einen Wurf« hält, »wie er nur einmal in einem Jahrzehnt gelingt« (öfters wäre selbst für den Suhrkamp-Verlag ruinös!), vernahm ein »deutsches Beben«. Erstens: »Umzug der politischen Institutionen nach Berlin«, zweitens auch Sloterdijk »denkt vom Raum her«, und - drittens - »wer vom Raum her denkt ..., fragt im Horizont des »jetzt« nach dem Herrscher und der Macht«. Nach diesem lümmelhaften Syllogismus ist für »raumfremde Mächte«, wie man früher gesagt hat, natürlich kein Platz mehr. Deshalb ist es für Jäger auch »kein Zufall«, dass Habermas' »Kritische Theorie«, »Bonn und Frankfurt« und »sozialliberale Tugenddiktatur« weggefegt werden vom »deutschen Beben«, denn sie taugen nach Sloterdijk nur »für noch nicht normale Demokratien«. Im Horizont von Jägers neudeutschem Kitsch erscheinen die Konturen einer normalisierten, von Gesellschaftskritik gereinigten »Demokratie«, die alles Kritische als Ballast abwirft: »Demokratie-Erziehung«, »demokratischen Tugenddiskurs«, »moralisches Wächteramt« und »Verdachts-Kultur«. Im neuen »Raum-Paradigma«, falls daraus etwas werden sollte, würde sich nur das alte wiederholen: Koffer packen für »Art- und Raumfremde«.

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