Illusionen und Realitäten

VOM ORIGINELLEN ZUM ENDGÜLTIGEN INTELLEKTUELLEN Régis Debray geht mit den Medienintellektuellen Frankreichs ins Gericht und löst damit eine Diskussion aus, in der auch seine Vergangenheit noch einmal zur Debatte steht

Régis Debray, der ehemalige Guerillakämpfer und Lateinamerika-Berater von Staatspräsident Mitterrand, ist Ärger gewöhnt. Aus seinem schwedischen Exil meldete sich jetzt der argentinische Maler Ciro Bustos im Rahmen einer gut orchestrierten Kampagne mit dem Vorwurf, Debray hätte 1967 bei den Verhören durch bolivianische Militärs das Versteck Che Guevaras verraten, um seine Haut zu retten. Die maßgeblichen Che-Biographen (Paco Ignacio Taibo II, Nautilus-Verlag und Jorge G. Castañeda, Insel-Verlag) halten allerdings diese Gerüchte für falsch und gehen davon aus, dass es Bustos selbst war, der die Militärs auf die Spur führte. Debray äußert sich nicht mehr zu den Vorwürfen, da diese für ihn "eine erledigte Angelegenheit" seien. Anders die Mitkämpferin Elisabeth Burges, die zwischen 1967 und 1971 bei vielen Unternehmen zwischen Cuba und Bolivien dabei war. Sie behauptet, auch aus Kreisen der bolivianischen Militärs erfahren zu haben, dass es Bustos gewesen sei, der mit den Untersuchungsbehörden zusammengearbeitet habe (Libération 25.1.01). Ebenso argumentiert der Verleger und Publizist François Maspero (Libération 4.2.01).

Der letzte Ärger liegt noch keine zwei Jahre zurück. Nach einer Reise in den Kosovo im Mai 1999 verfasste Debray einen persönlichen Reisebericht, der sachliche Fehler enthielt. Einige Passagen konnte man obendrein als Verharmlosung der serbischen Kriegsführung lesen. Politiker, Intellektuelle, Journalisten eröffneten daraufhin einen regelrechten Medienkrieg gegen Debray, weil dieser gegen die konformistische Lesart des Balkankrieges als Kampf der Bösen gegen die Guten anschrieb und den offiziellen wie den medialen Menschrechtsdiskurs als ebenso rechthaberische wie heuchlerische und verlogene Veranstaltung denunzierte. Mit der einen oder anderen These näherte sich Debray zwar der Realitätsverweigerung, aber aufs Ganze gesehen blamierten und diskreditierten sich die französischen Balkankrieger fast noch stärker als die deutschen inner- und außerhalb der Regierung.

Debray wehrte sich ein Jahr später mit dem Buch L'emprise ("Der Zugriff") und rechnete mit seinen Kritikern scharf ab. Trotz aller karikierenden Überzeichnungen bleibt dem Buch das Verdienst, eindringlich auf "Kollateralschäden" und langfristige Folgen der forcierten Theatralisierung und Kommerzialisierung im Informations- und Medienbetrieb hingewiesen zu haben. Zumindest bemerkenswert ist seine These, die Medien und mit ihnen die tonangebenden Intellektuellen hätten vom Staatspersonal die Immunität und vom Papst die Unfehlbarkeit geerbt und entsprechend schonungslos würde das neue Staatskirchentum mit abweichenden Meinungen umgehen - nämlich wie mit Ketzern und Verrätern.

Jetzt macht Debrays jüngstes Buch Schlagzeilen. Der Titel I.F. - Suite et Fin (Paris 2001, Verlag Gallimard) steht für "Französische Intellektuelle. Fortsetzung und Ende". Debray zeichnet in groben Zügen die Karriere des "französischen Intellektuellen" (I.F.) vom "ursprünglichen Intellektuellen" (I.O.intellectuel original) zum "endgültigen Intellektuellen" (I.T, intellectuel terminal) nach. Mit den "ursprünglichen Intellektuellen" verbindet sich die Affäre Dreyfus (1894-1906), in der auch der Begriff des Intellektuellen als politischer Kampfbegriff geprägt worden ist. Der Schriftsteller Émile Zola, der Senator Auguste Scheurer-Kestner, der Offizier Georges Picquart, der damalige Chefredakteur Georges Clemenceau und der Journalist Bernard Lazare setzten sich - gegen die Übermacht der öffentlichen Meinung wie fast der gesamten Elite in Wirtschaft, Staat und Militär - für den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus ein, der zu Unrecht des Landesverrats bezichtigt und in unbeschreiblichen Militärstrafverfahren verurteilt worden war. Zola und andere französische Intellektuelle wurden im vergangenen Jahrhundert stilbildend nicht nur für Frankreich. Sie standen für Aufklärung, Emanzipation, Autonomie und Kritik und bildeten - obwohl machtlos - eine Gegenmacht zur " sog. "Realpolitik" und zum Konformismus.

Der "endgültige Intellektuelle" dagegen ist keine Gegenmacht mehr, sondern Bestandteil des Betriebs der Mächtigen in den Medien bzw. Sprachrohr der Eliten in Politik und Wirtschaft. Er ist zum Medienintellektuellen geworden, der erstens sich selbst und zweitens das verkauft, was der Betrieb verlangt. Die beiden bekanntesten französischen Medienintellektuellen sind Bernard-Henrí Lévy und Philippe Sollers - sie tummeln sich in allen Gazetten und allen Medien mit ihren pfannenfertigen Instant-Meinungen, seichten Hypothesen und Fast-Think-Prognosen. Debray reibt den Medienintellektuellen deren längst vergessene Prognosen noch einmal genüsslich unter die Nase: Der heutige Chef der Libération prognostizierte 1969 zusammen mit dem heutigen Beamten Alain Geismar "die Revolution für 1970 oder 1972". Etwa gleichzeitig sah André Glucksmann, bei dem die Nachricht vom Tode Breschnews heute noch nicht angekommen ist (Thomas Vallières), im Staatspräsidenten Georges Pompidou "den Napoleon des neuen Faschismus". Und der neoliberale Publizist und PR-Mann Alain Minc sagte drei Jahre vor dem Untergang der Sowjetunion die bevorstehende "Finnlandisierung Europas" voraus. Der konservative Medienintellektuelle Jean-François Revel phantasierte 1983: "Angesichts der sowjetischen Dampfwalze stehen die Demokratien praktisch auf verlorenem Posten." Debrays These: "Alles was sie (die endgültigen Intellektuellen) als Illusion denunziert haben, ist eingetreten; alles, was sie als Realitäten beschrieben haben, hat sich als illusorisch herausgestellt."

Von der Form der Scheindebatten in Talk Shows, über die fast täglich wechselnden Anlässe, die als "An- und Aufreißerthemen" von zwei oder drei Leitmedien herauspräpariert und von allen anderen sofort übernommen werden bis zu den Umgangsformen der Diskutanten erweist sich für Debray das Geschäft der Medienintellektuellen als "kollektiver Autismus": Der "endgültige Intellektuelle" begreift sich durch sein Milieu, das sich seinerseits durch sein Medium - Fernsehkanal, Radiosender, Zeitung - definiert. Sein Ich bildet sich im Milieu von seinesgleichen und dieses wird bestimmt durch das Medium - damit wird eine "systemische Zirkularität" garantiert, die nicht auf "kindischen Vorstellungen von Verschwörung oder medialer Manipulation" beruht.

Die intellektuelle Debatten von früher - Sartre etwa brauchte in seiner Auseinandersetzung mit Camus 1952 noch 30 Seiten in der Zeitschrift Les temps modernes - verkümmern immer mehr zum kurzatmigen Wörterzank, in dem ein paar "Dum-Dum-Begriffe" hin- und herübergeschossen werden. Besonders beliebt sind dabei die zu Chiffren erstarrten Namen von Orten, an denen große Verbrechen stattgefunden haben und die im Modus dieser Banalisierung austauschbar geworden sind: "Auschwitz", "Kolyma", "Ruanda", "Srebrenica". Auch mit der Vergleich historischer Konstellationen funktioniert ähnlich vergröbernd: "Moskau 1933 steht für Paris 1793, Belgrad 1999 für Berlin 1933, Madrid 1936 für Sarajewo 1994."

Die Interventionen der Medienintellektuellen - so Debray - zeichnen sich dadurch aus, dass sie "einen winzigen Anlass" nehmen, um darauf mit einem Übermaß an "geschwollenen Wörtern" zu antworten. Einziges Ziel: ihre ebenso schnell wechselnden wie subalternen Meinungen unter die Leute zu bringen. Er nennt diesen "Stil der Geschwollenheit" mit einer eigenen Wortschöpfung "grandivoyance". Das Wort ist übersetzbar mit "Meisterblick", dem es nicht auf Fakten, Kenntnisse und Theorien ankommt. Den "Meisterblick" kennzeichnet vielmehr, was Debray ironisch "einen nachhinkenden Sinn für Proportionen" nennt. Die meisten Medienintellektuellen waren früher Mitglieder kommunistischer Sekten und stramme Nachbeter von Stalin über Mao bis Pol Pot und als solche blind für deren Verbrechen. Das kompensieren sie heute mit der Gleichsetzung von allem und jedem und mit Verhältnisblödsinn in jeder Preislage. Im Kosovo drohte angeblich ein Völkermord, und Milosevic erscheint in ihren Kolumnen als eine Kopie von Hitler. Als in der Wolle nachhaltig eingefärbte Ideologen machen die Medienintellektuellen ihre vermeintlich "antiideologische Orientierung" zur Ideologie à la mode, so wie sich der Intellektuelle Pierre Nora von der Zeitschrift Débat als nicht-intellektueller Zampano aufspielt, um Sartre und alle anderen politischen Intellektuellen "in die Familie der großen Scheißerzähler" einreihen zu können.

Als einen solchen bezeichnet sich Debray selbst auf der zweitletzten Seite seines Buches, auf der er mit seiner vermeintlichen Vergangenheit als Intellektueller ins Gericht geht. Er möchte sich mit dem Pamphlet endgültig von den "Ismen" ab- und den "Fakten" zuwenden. Er hat, was in Frankreich einer Karrierenkatastrophe gleichkommt, nur einen Lehrstuhl in der Provinz erhalten und vertritt dort das von ihm erfundene Fach Mediologie, in dem er sich in Paris habilitierte und wo er sich einer Stelle ausrechnete. Mit der Verabschiedung von den "Ismen" verwickelt sich Debray allerdings in einen doppelten Selbstwiderspruch. Denn gerade die theatralisch-kitschige Geste des Verabschiedens von Meinungen, Haltungen und Theorien gehört zum täglichen Geschäft der Medienintellektuellen, deren ultimativer und einziger Imperativ das Ankommen ist - wann, wo und wozu auch immer. Und zweitens bleibt er ein Intellektueller, auch wenn er sich von den Medienintellektuellen verabschiedet - allerdings einer, der "die Mönchskutte" abgelegt hat und wieder für profane Aufklärung streitet.

Natürlich wird bei Debray Vieles verzerrt und überspitzt. Anderes ist inkonsistent - etwa die abwechselnde Bezeichnung der Intellektuellen als Sekte, Adel, Klerus, Kaste oder Armee, als ob das alles dasselbe wäre und es nicht auf Unterscheidungen und Proportionen ankäme, was der den Medienintellektuellen mit Recht ankreidet. Trotz der Verzerrungen bleibt der Spiegel, den er der "wahnbesessenen Klasse" (classe délirante) vorhält, ein Spiegel und kein Phantasma.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare