Nicht nur Kopf an Kopf, auch auf Augenhöhe mit Koch

SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti Kein politisches Leichtgewicht, wie mancher dachte

Als sie im Dezember 2006 mit gerade einmal zehn Stimmen Vorsprung die Wahl zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl am 27. Januar 2008 gegen den damaligen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Walter gewann, wurde Andrea Ypsilanti als Leichtgewicht und Zufallssiegerin belächelt. Der Wahl vorausgegangen waren Regionalkonferenzen, bei denen Walter die Nase knapp vorn hatte. Der Widerspruch zwischen beiden Wahlergebnissen ist für Hessen typisch, denn in diesem Bundesland gibt es mindestens zwei sozialdemokratische Parteien. Vereinfachend gesagt, eine entschieden linke im Süden und eine eher moderat rechte im Norden des Landes. Und zu den besten Zügen der Kandidatin Ypsilanti gehört, dass sie sich immer - auch als es ausgesprochen unpopulär war innerhalb wie außerhalb der Partei - als Linke darstellte und verhielt. Ihr schlichter Bescheid an die Beschwörer der Mitte: "Mit der Vokabel ›Mitte‹ habe ich in der Tat nicht viel zu tun. Sie ist nichtssagend." Andrea Ypsilanti sah in den "Reformen" von Hartz und Schröder stets einen Irrweg, der die SPD nicht stärkte, sondern ruinierte und den Vorbeter der Mittigkeit selbst zum Polit-Rentner und Gas-Lobbyisten machte.

Aspirant Hermann Scheer

Andrea Ypsilanti stammt aus einer Arbeiterfamilie. Ihr Vater arbeitete bei Opel in Rüsselheim. Dem deutschen Bildungsklassenkampf wie dem Herkunftsmilieu entsprechend, war ein Studium nach dem Abitur für ein Mädchen nicht vorgesehen. Sie arbeitete zunächst als Sekretärin, später als Stewardess. Erst mit 31 begann sie ein Soziologie- und Pädagogikstudium, ihren Namen erhielt sie durch die Heirat mit einem Griechen, von dem sie sich 1992 trennte.

Zwischen 1991 und 1993 war sie dann Juso-Vorsitzende in Hessen, und von 1994 an arbeitete sie in der hessischen Staatskanzlei unter Hans Eichel. 1999 kam sie über die Landesliste in den Landtag, dem sie seither angehört. Seit November 2005 sitzt sie im SPD-Bundesvorstand, obwohl Schröder, der Seeheimer Kreis und die Kanalarbeiter die Wahl heftig zu verhindern suchten. Der persönliche wie der politische Lebenslauf von Ypsilanti zeigen, dass man sie unterschätzt, würde man sie für ein Leichtgewicht halten. Sie hat kämpfen gelernt, auch wenn sie dem ebenso dreisten wie bauernschlau demagogischen Wahlkämpfer Koch rhetorisch nicht immer gewachsen ist.

In ihrem Wahlkampf setzte sie vier markante Schwerpunkte und zeigte dabei eine gute Hand bei der Auswahl ihrer Minister für den Fall, dass Koch die Wahl doch noch verlieren sollte. Zuoberst in ihrem 100-Tage-Programm steht das Plädoyer für echte Ganztagsschulen sowie die Abschaffung des dreigliedrigen Klassenschulsystems. Kinder sollen nicht mehr nach der vierten Klasse in drei Schultypen aussortiert werden, sondern zehn Jahre gemeinsam lernen. Für die Umsetzung des ausgesprochen ehrgeizigen Programms gewann sie den europaweit anerkannten Bildungsexperten Rainer Domitsch, der momentan noch eine Schlüsselfunktion im führenden finnischen Bildungssystem bekleidet. Und als potenzieller Wirtschaftsminister wurde der Energieexperte Hermann Scheer, Träger des alternativen Nobelpreises, engagiert. Hessen soll ihm zufolge sowohl von Atom- wie von Kohlekraftwerken unabhängig werden.

Noch nicht das letzte Wort

Der Frankfurter Flughafen ist für die Region zwar eine Jobmaschine, aber eben auch ein die Lebensqualität von Hunderttausenden durch Lärm und Autobahntrassen zerstörender Krake. Andrea Ypsilanti tritt wenigstens für ein konsequentes Nachtflugverbot ein, im Gegensatz zu Koch, der entgegen seinem Versprechen 41 Nachtflüge genehmigen möchte. Auf diesem Feld ist auch die SPD gespalten, denn die unmittelbar von Fluglärm-Plage Betroffenen sehen die Expansion des Flughafens entschieden kritischer als die Kandidatin.

Ein Zufall spielte Andrea Ypsilanti einen vierten Wahlkampf-Schwerpunkt zu. Die überfällige Debatte über einen flächendeckenden Mindestlohn nützte sie dazu, Koch mit seinen eigenen Waffen anzugreifen. Der instrumentalisierte im Wahlkampf 1999 das rot-grüne Projekt einer doppelten Staatsbürgerschaft für eine chauvinistisch-nationalistisch unterlegte Unterschriftenkampagne und gewann damit die Abstimmung. Die SPD dreht den Spieß um und sammelt jetzt Unterschriften für einen Mindestlohn unter der Parole "Gerechter Lohn für gute Arbeit". Die Kampagne war auf dem besten Weg, Koch den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, als der brutale Überfall von zwei Jugendlichen auf einen Rentner in der Münchener U-Bahn dem glücklichen Demagogen wieder ein Thema verschaffte, mit dem sich - breitflächig orchestriert vom Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner bis zu den FAZ-Herausgebern Frank Schirrmacher und Berthold Kohler - muntere Ausländerhetze betreiben ließ.

Die Hessen-Wahlen erschienen noch vor Wochen als "gelaufen" - für Koch und die CDU. Jetzt sind sie zumindest offen, denn möglicherweise bleiben CDU und FDP unter 50 Prozent. SPD und Grüne könnten eine Regierung unter Duldung der Linken bilden. Die Linke hat das indirekt angeboten, wenn auch bisher nicht klar ausgesprochen, auch wenn die Berliner SPD-Zentrale wie Andrea Ypsilanti selbst eine direkte Teilhabe der Linken an der Regierung in Hessen ablehnen. Daran, ob das klug ist, kann man ebenso zweifeln wie daran, ob es das letzte Wort einer klugen Frau sein kann, die etwas bewegen will.

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