Schlagen Sie alles kurz und klein!

Ausstellung In Hannover, Muttenz und Frankfurt/Main widmen sich Ausstellungen der "Metapher des Wachstums". Im Kunstverein Frankfurt ist daraus eine gediegene Schau geworden

Die Ausstellung Über die Metapher des Wachstums ist auf ungewöhnliche Weise entstanden. Der Kunstverein Hannover, der Frankfurter Kunstverein und das Kunsthaus Baselland (Muttenz) kooperierten und präsentieren nun zeitgleich Arbeiten von 28 Künstlern und Künstlergruppen. Einige davon sind – mit unterschiedlichen Arbeiten – an allen drei, einige an zwei und wenige nur an einem der Ausstellungsorte vertreten. Die drei Ausstellungen behandeln das Thema „Wachstum“ unter verschiedenen Aspekten und Schwerpunkten. Im Frankfurter Kunstverein sind Werke von 15 Künstlern beziehungsweise Künstlergruppen zu sehen. Thematisch gruppieren sie sich um „Arbeit, Geld, Konsum“ und „Ökologie und Wachstum“.

„Wachstum“ ist global zum Problem geworden, denn unter dem Eindruck der drohenden Klimakatastrophe und der Risiken der Großtechnologien, die von der Energiegewinnung aus der Kernspaltung bis zur Genmanipulation und zur Wirtschafts- und Finanzkrise reichen, wurde aus dem ehemaligen Leitwert eine akute Bedrohung. Nur noch hartgesottene Marktradikale und restlos Naive reden dem Wachstum als solchem das Wort. Das Janusgesicht wirtschaftlichen Wachstums wurde freilich nicht erst heute entdeckt. Schon der „Denkriese Aristoteles“ (Marx) wurde stutzig angesichts der Pervertierung der Zweck-Mittel-Relation beim Wirtschaften um der Geldvermehrung willen im Gegensatz zum Wirtschaften zur Bedürfnisbefriedigung. Die Entwicklung des Kapitalismus ist gekennzeichnet von einer zunehmenden Verselbstständigung der Finanzmärkte, die nur auf die Steigerung der Gewinne zielen.

Die 15 Werke, die in Frankfurt zu sehen sind, reagieren auf die Sackgassen, Chancen und Bedrohungen des Wachstumsglaubens unterschiedlich. Im Keller des Kunstvereins ist eine Videoinstallation von Julika Rudelius (Amsterdam, New York) zu sehen, die die Spannung von Entwicklung und Zerstörung, von biologischem Heranwachsen und Befreiung eindrücklich inszeniert. Der Film beginnt harmlos und zeigt fünf Mädchen beim Tratschen, Schminken, Kämmen und Posieren. Nach wenigen Minuten beginnen die jungen Frauen damit, die Wände des Raums mit erheblicher physischer Energie und lustvoll kurz und klein zu hacken: Heranwachsend brechen sie aus und entdecken neue Welten.

Kaffeeduft über gemahlener Landschaft

Im Kontrast dazu steht die Arbeit des Künstlerduos Bankleer (Karin Käsböck und Christoph Leitner). Deren Installation zeigt den Arbeitsplatz eines Angestellten aus der Finanzmarktbranche. Vor zahlreichen Computer-Bildschirmen stapeln sich auf dem Schreibtisch Akten zu einem Turm, der Bürostuhl liegt auf dem Boden, und die Bankerpuppe rast wie eine Rakete kopfvoraus durch die Decke. Der am Boden liegende Stuhl und der die Decke durchstoßende Kopf bilden eine exponentiell ansteigende Kurve, die eine Kurs- oder Gewinnexplosion anzeigt – mit tödlichem Ende.

Gelungen ist auch die Installation der Berliner Künstlergruppe Mindpirates über „Verschwendung“, mit der Wachstum in der Natur und in der Wirtschaft verbunden ist. Eher schwach dagegen wirkt eine Hügellandschaft aus 400 Kilogramm gemahlenem Kaffee von Thomas Rentmeister. Der Kaffeeduft beeindruckt mehr als die banale ästhetische Reflexion, die dahinter zu vermuten ist. Grandios wirken die Plastiken von Peter Buggenhout aus Schrottmaterial, die sich zu einem starken Bild von Entwicklung und Zerfall zusammenfügen.

Insgesamt eine gediegene Ausstellung.

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Über die Metapher des Wachstums. Frankfurter Kunstverein. Bis 31. Juli. Der Katalog kostet 23 . Die beiden Begleitausstellungen sind im Kunstverein Hannover und im Kunsthaus Baselland zu sehen. Bis 26. Juni (Hannover) beziehungsweise 10. Juli (Baselland)

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