Zum Tod von Norman Mailer (1923 - 2007)

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Er war ein angry young man als debütierender Schriftsteller. Und er starb als zorniger alter Mann am vergangenen Samstag mit 84 Jahren in New York: Norman Mailer. Vor vier Jahren erhob er seine Stimme gegen den Irakkrieg mit einem fulminanten Traktat unter dem Titel Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug. Das tat der erfolgreiche und vielfach ausgezeichnete Romancier und Publizist schon seit über 50 Jahren: Mailer kommentierte den Zweiten Weltkrieg, kritisierte den McCarthyismus, die Art, wie die Morde an den Kennedy-Brüdern von den Untersuchungsbehörden "aufgeklärt" beziehungsweise vertuscht wurden und den Vietnam-Krieg mit gleicher Vehemenz. Eine französische Zeitschrift schrieb über Mailer, der sich selbst als "linker Konservativer" versteht, er sei "kein Mensch, sondern eine Macht." Mailers aufregendes Buch zum Irakkrieg, das in Europa mehr beachtet wurde als in den USA, belegt nebenbei den Unsinn der auch hierzulande populären Rede vom "Antiamerikanismus". Selbstverständlich vermag der amerikanische Patriot zu unterscheiden zwischen der restlos diffusen Vorstellung, man könne "Amerika" kritisieren, und einer kritischen Auseinandersetzung mit der in Washington herrschenden Regierung und der von dieser zu verantwortenden Politik, die Mailer schlicht "wahnsinnig" nannte.

Schlagartig und weltweit bekannt wurde der am 31. Januar 1923 geborene Mailer mit seinem ersten Roman Die Nackten und die Toten (1948). Er verarbeitete darin seine Erfahrungen als Soldat im Krieg gegen Japan. Wie sein Vorbild Ernest Hemingway ließen ihn Krieg, Gewalt und Kampf ein Leben lang nicht mehr los. Von sich selbst sagte Mailer, er "trage mehr als nur ein bisschen Gewalt in sich", was zumindest dann der Fall war, wenn er trank. Und das tat er ziemlich oft. Eine seiner sechs Ehefrauen verletzte er im Rausch schwer. Sein buntes Privatleben wurde oft zum Thema der Boulevardpresse, und Mailer selbst trug mit exzentrischen Einlagen am meisten dazu bei, dass der Stoff nicht ausging. Dazu gehört auch seine Kandidatur als Bürgermeister in New York. Mit Hemingway verband ihn die Lust an provokativem Machotum, was ihm in der amerikanischen Frauenbewegung den Ruf eintrug, "das größte und reaktionärste Schwein" zu sein.

In 60 Jahren entstanden über 20 Romane, in denen Mailer buchstäblich alles beschrieb: das Leben der trinkenden und rauchenden Boheme in New York, den amerikanischen Albtraum von Krieg und Frieden, Gott und Teufel, Sex und Gewalt, existentialistische Selbstbefreiungsversuche (Der weiße Neger, 1957), den legendären Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman (Der Kampf, 1975), die Friedensbewegung (Heere aus der Nacht, 1968) und immer wieder die Frauenbewegung und die Sexualität (Genius and Lust, 1976; Ich, Marylin M., 1980). 1969 und 1980 erhielt Mailer den begehrten Pulitzerpreis für seine Reportagen über die Friedensbewegung und über den zum Tode verurteilten Mörder Gary Gilmore, den er in seinem wahrscheinlich besten Buch (Gnadenlos. Das Lied vom Henker, 1979) verewigte. Mit biografischen Romanen über Pablo Picasso und zuletzt über Adolf Hitler strapazierte Mailer die Geduld seiner Bewunderer wie seiner Kritiker.

Zu den unbestrittenen Stärken des Reporters und Schriftstellers Mailer gehörte seine Versessenheit auf akribische Recherche und genaue Beobachtung. Er beschäftigte für diese Arbeit auch Journalisten, die ihm das umfangreiche Material zur Verfügung stellten, das er literarisch verarbeitete. Auch wenn er seine Stoffe in eine literarische Form goss, blieb er immer der engagierte Beobachter, der gesellschaftliche Verhältnisse und soziale Beziehungen detailgenau beschrieb. Er wird als Autor in die Geschichte eingehen, der journalistische und schriftstellerische Techniken verschmolz, der Reportagen literarischen Glanz verlieh und der dem Roman ein solides Gerüst an gesellschaftlichen und politischen Fakten einzog - stilbildend im Reportagen-Roman über den Mord an John F. Kennedy, Oswalds Geschichte (1995).

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