Die Befreiung der Frau oder nicht?

Ektogenese - Ektogenese könnte die Befreiung der Frau sein nicht mehr reduziert zu werden auf Kinder kriegen als Gebärmaschine. Ist es aber auch gesellschaftlich sinnvoll?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Gestern ging durch alle Medien, dass man es geschafft hat ein Lamm in einer künstlichen Gebärmutter ausserhalb des Mutterleibes entwickeln zu lassen. Es war ein Frühchen, was man mit einem menschlichen Embryo in der 22ten Woche vergleichen kann und so wochenlang in einer künstlichen Gebärmutter überlebte und Lungen sowie Gehirn entwickeln konnte, was normalerweise erst ab der 28ten Woche möglich ist beim menschlichen Embryo, wenn es zu einer Frühgeburt kommt und dann mit Mühe und Not im Brutkasten überlebt. Oftmals mit Folgeschäden. Es ist ein sensationeller Erfolg, der Wissenschaftler.

Hier die original Veröffentlichung in Nature

https://www.nature.com/articles/ncomms15112

Es ist durchaus einfach vorstellbar, dass man dieses Prinzip genauso anwendet bei menschlichen Föten und auch schon in viel früheren Stadien, was sogar dazu führen kann, dass man ein Embryo letztlich gar nicht mehr im Mutterleib aufwachsen und entwickeln lässt.

Diesen Prozess, von der in vitro Fertilisation bis hin zur Geburt ausserhalb des Mutterleibes, nennt man Ektogenese.

Der Traum vieler Frauen könnte so Wirklichkeit werden, dass Kinder gar nicht mehr mit einer beschwerlichen Schwangerschaft und schmerzhaften Geburt verbunden sind. Auch würde das Alter keine Rolle mehr spielen, wann eine Frau ein Kind haben möchte. Es gibt keine Torschlusspanik mehr bei Frauen, weil die biologische Uhr nicht mehr tickt. Man ruiniert auch nicht seinen Top Body und bekommt Schwangerschaftsstreifen und schlaffen Bauch. Frauen sind dann auch nicht mehr Gefühlsschwankungen in der Schwangerschaft ausgesetzt und können einfach weiterhin arbeiten und müssen sich auch nicht mehr beim Sex für ihre zusätzlichen Pfunde und dicken Bauch schämen. Viele Paare haben sogar gar keinen Sex während dieser Zeit in der Endphase. Das würde dann alles wegfallen.
Es wäre also eine Befreiung der Frau von vielen unangenehmen Dingen, die mit der Schwangerschaft einher gehen und hat nur Vorteile, wie es scheint.

Auch Männer, schwule Paare z.B., könnten dann einfach nur eine Eizelle in vitro befruchten lassen und das Kind dann in einer künstlichen Gebärmutter austragen lassen. Ein Gewinn für alle, wie es scheint.

Doch ist es das wirklich?

Man sollte immer überlegen, wieso etwas in der Natur so angelegt ist und welchen evolutionären Vorteil es dabei gibt, den es sonst nicht geben würde. Warum gibt es Säuger und was macht es aus ein Säugetier zu sein. Wir sprechen hier nicht von Vögeln oder Reptilien, die Eier legen und diese ausbrüten. Was macht Säugetiere aus, was wir in der Tierwelt und auch beim Menschen erleben.

Im Gegensatz zu Reptilien und Vögeln gibt es bei Säugern eine lange Aufzucht, die ein Säugetier bei der Mutter vor allem verbringt. Die Kindheit ist sehr lang im Vergleich zu Reptilien und Vögeln und sind auf die Fürsorge und Pflege angewiesen. Säugetiere lernen in dieser Zeit alles was sie brauchen für das spätere Leben. Bei Reptilien und Vögeln gibt es nicht diesen Lernprozess. Nachahmung ist kaum gegeben, ausser bei Raben, was aber auch im Alter erstaunlich gut funktioniert.
Säugetiere sind darauf angewiesen in einer langen Lernphase vorbereitet zu werden um später zu überleben. Dieses wird generell durch die Mutter gewährleistet, oder auch in Gruppen in der Gemeinschaft. Bei Elefanten gibt es auch Leihmütter in einer Gruppe. Wir haben ja ähnliches mit Kindergarten, wo die Kindergärtnerin auch sowas wie eine Leihmutter ist für eine bestimmte Zeit.

Doch im wesentlichen sind die Kinder auf die Mutter angewiesen bei Säugetieren.

Nun kommt ein springender Punkt, was man auch feststellen kann in der Tierwelt. Ab und zu verstossen Mütter Kinder oder kümmern sich nicht. Woran es liegt, darüber sind unterschiedliche Vermutungen angestellt worden, aber seit ungefähr 10 Jahren ziemlich klar belegt mit einem Faktor, der entscheidend ist. Vermutet hat man es seit 1979 in Studien mit Rattenversuchen.

Man kann schon sehr lange ein Phänomen bei Ziegen und Schafen beobachten, was viele Wissenschaftler bewegte. Bekommen Schafe ihr Lämmchen durch einen Kaiserschnitt, dann nehmen sie das Lamm nicht als ihr Kind an und verstossen es. Man hat lange überlegt woran es liegt und fand einen erstaunlichen Mechanismus.
Bei Weitung des Muttermundes wird Oxytocin freigesetzt, was auch heute landläufig schon als das Liebeshormon bekannt ist. Dieses Hormon ist entscheidend für die Mutterliebe und wird in einem Cocktail schon während der Schwangerschaft immer wieder angeregt und mit anderen Hormonumstellungen zu einem vorbereitenden sich Freuen auf das Baby und Mutterglück bezeichnet. Die Beschäftigung mit Babys und vor allem das anschauen von Babys erzeugt in der Schwangerschaft grosse Glücksgefühle.
Während der Schwangerschaft passieren viele physiologischen Prozesse, die eine Frau sensibler, empfindlicher und auch mit einer grösseren Wahrnehmung ausstattet. Es ist tatsächlich festgestellt worden, dass werdende Mütter und Mütter gerade in der Babyphase eine wesentlich höhere Wahrnehmung haben als normal und sowieso Männer. Sie hören jedes Rascheln und hören unterschiedlichste differenzierte Geräusche. Das hat auch seinen Sinn, denn wenn Gefahr lauert, dann muss eine Mutter zuerst gewarnt sein um flüchten zu können oder später bei einem Baby sofort hören können, wenn ein Baby Pflege und Nahrung braucht.
Es ist also nicht so ungewöhnlich, wenn Mütter von Babys nachts kaum schlafen und sofort jeden Pieps vom Baby hören, während der Mann neben ihr nachts schläft wie ein Stein und selbst das Geschrei nicht hört. Ein ewiger Streit, wer nachts aufsteht und natürlich das blöde Gefühl im Bauch, dass der Mann das Baby nachts gar nicht hören WILL. Es ist aber tatsächlich so, dass Mütter wesentlich sensitiver sind als Männer. In der Tierwelt gibt es das in extremer Form, wenn trächtige und Löwinnen mit Jungen kaum noch schlafen. Sie sind ständig auf der Hut und haben eine massiv gesteigerte Wahrnehmung. Daher auch die alte Weisheit und Spruch, "sie kämpft wie eine Löwin um ihr Kind". Sie verteidigen bis zum Tod ihre Junge. Das ist zwar generell so bei Müttern, aber es ist bei Löwinnen eine ausgesprochen extreme Form des behüten und verteidigen, was Löwinnen durchaus auch in der Zeit schwach macht, wenn sie nichts zu fressen bekommen. Sie sind auf ein Rudel angewiesen, was die Ernährung gewährleistet. Daher überleben einzelne Löwinnen meist auch nicht in freier Wildbahn.

Was ist der Trick der Natur für diese Mutterliebe?

Bei einer natürlichen Geburt, wenn dann der Muttermund geweitet wird und massiv Oxytocin ausgeschüttet wird, natürlich auch Endorphine gegen den Schmerz, dann ist die Mutter in einem Rausch unter Drogen und sieht die Welt nur noch Rosarot. Das Baby, was sie nach der Geburt in den Arm bekommt ist das schönste Baby der Welt auch wenn es hässlich zerknittert und faltig gerade aus dem Geburtskanal kam. Für eine Mutter ist die Welt dann nur noch schön und die grossen Augen, mit denen das Baby die Mutter anschaut sind mit dem Kindchenschema der Obergau, wo Mütter nur noch Liebe empfinden und glücklich sind. Das wird dann nochmals gesteigert, wenn das Baby an der Brust saugt und nochmals eine Dosis Oxytocin verabreicht wird. Dann ist die Bindung zum Baby unauflöslich. Die Mutterliebe wurde so mit Oxytocin besiegelt und eine Mutter kümmert sich um ihr Baby.

Es gibt frühe Untersuchungen in den 60er Jahren, die gezeigt haben, dass Mutterliebe nicht automatisch da ist, wenn eine Mutter ein Kind im Arm hält. Das reine Kindchenschema ist also nur ein Zusatzfaktor, was für den Mann gleichermassen gilt, aber nicht diese Bindung alleine erzeugen kann.

In den 60er Jahren wurde festgestellt, wenn Säuglinge zu früh geboren sind und in der Intensivstation gepäppelt werden mussten und dann gesund der Mutter nach Hause mitgegeben wurden, dass die Neugeborenen nach Tagen und Wochen wieder in der Notaufnahme eingeliefert wurden. Dazu gab es amerikanische Studien von Krankenhäusern in den 60er Jahren. Nicht weil das Baby Komplikationen erlitt aufgrund der Frühgeburt, sondern weil das Baby Verletzungen hatte, die durch die Mutter zugefügt wurden. Man kennt durchaus auch bei Menschen weitere Fälle, die zeigen, dass Mutterliebe nicht vorhanden ist, wenn bestimmte Faktoren nicht eingetreten sind um die Mutter in einen Oxytocin Rausch zu versetzen, was dann die Bindung zum Baby erzeugt. In den Medien bekommt man ab und zu mit, wenn eine Mutter ihr Kind einfach verhungern lässt oder ihr alles zuviel ist und sie ihr Baby sogar umbringt. Man führt gerne soziale Umstände an, aber wenn alles normal verläuft und die Mutter in der Schwangerschaft, Geburt und danach unter dem Drogenrausch des Oxytocins steht, dann kann kein sozialer Umstand eine Mutter dazu bringen sich nicht um ihr Baby zu kümmern und es zu lieben. Man kann durchaus immer wieder Rückschlüsse ziehen auf fehlende Zufuhr von Oxytocin durch unterschiedliche Faktoren.

Ein zusätzlicher Punkt, den ich hier auch gleich noch anfügen möchte ist die weitere Entwicklung eines Babys, welches dann als Kind ohne wirkliche Mutterliebe aufwächst. Es gibt neurologische Untersuchungen an Kindern, die ohne Mutterliebe aufwachsen und es auch nie kennengelernt haben sensitive Kontakte als Glücksgefühl zu empfinden. Sie sind später auch nicht in der Lage Mitgefühl zu empfinden. Krass ausgedrückt haben sie die emotionalen Fähigkeiten von Eidechsen, die keine anderen Liebesgefühle ausdrücken können, als ihr angebetetes Weibchen zu bedrohen und zu unterwerfen. Sie empfinden auch kein Mitleid und sind zu keiner romantischen Liebe in der Lage.

Ich habe so weit ausgeholt, was auch noch 2 Seiten länger so weiter gehen könnte, um zu zeigen, welche Bedeutung die Schwangerschaft und Geburt ansich hat.

Die Frage ist also, ob es wirklich wünschenswert ist, dass wir eine Ektogenese als Befreiung der Frau wollen, was vor allem bei FeministInnen oft auch gleichgesetzt wird mit einer Form von Emanzipation, dass man Frauen nicht mehr auf das Kinder kriegen reduzieren kann. Frau ist keine Gebärmaschine, die nur ihren Sinn darin sieht, Kinder zu kriegen und aufzuziehen.

Berechtigtes Interesse der Frau ist es allemal. Doch was haben wir davon, wenn wir in 100 Jahren nur noch eine emotionale Menschengesellschaft haben, die eigentlich sich nur noch wie Reptilien verhält?

20:18 27.04.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rüdiger Heescher

Rüdiger Heescher ist Gründungsmitglied von attac und hat von 2006-2010 für die Bundestagsfraktion und Parteivorstand der Partei Die Linke gearbeitet.
Rüdiger Heescher

Kommentare 11

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar