Die Lust an Nemesis

Klimawandel In vielen Blogbeiträgen lässt sich herauslesen, dass die Zukunft äusserst pessimistisch gesehen wird, was sogar zu einem Zynismus und Misanthropie führt.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Doch was treibt die Lust zu Weltuntergangsszenarien an? Nemesis war in der griechischen Mythologie die Göttin des "gerechten Zorns" oder auch die Rachegöttin, die für den Untergang der Menschheit verantwortlich ist. Der Mensch wird für seine Selbstüberschätzung und Überheblichkeit (Hybris) bestraft und muss das göttliche Gericht anerkennen, welches universell gilt als sein Schicksal. Diese Vorstellung scheint sich tief ins Unterbewusstsein vergraben zu haben, welches zu archaischen Vorstellungen führt, die den Menschen zu einem Misanthrop werden lässt, wenn sich wieder neue Herausforderungen der Menschheit stellen, die seinen Frieden und in seiner Gemütlichkeit stören, in die er sich eingerichtet hat, dass alles so bleiben solle wie es ist.

Wir haben als Menschheit grosse Herausforderungen vor uns. Gerade jetzt zur Klimakonferenz in Paris zeigt sich aber, dass der Mensch als Menschheit durchaus lernfähig ist und sich Wege ergeben, die ein Ausweg bedeuten aus Veränderungen, die unumgänglich sind. Das Klimawandelproblem wird heute mehr denn je verstanden als ein Entwicklungsproblem, denn zum ersten mal beschäftigt man sich nicht mehr so sehr mit den Ursachen, sondern mit Lösungen. Es braucht heute kaum jemand mehr überzeugt werden, dass es eine Klimaerwärmung gibt. Sie wird es geben. Wir werden auch wohl kaum das 2 Grad Erwärmungsziel erreichen, was verspricht, dass die Erde sich im Durchschnitt höchstens um 2 Grad erwärmen wird. In manchen Regionen der Erde wird es bedeuten, dass es weniger als 2 Grad sind, vielleicht sogar eher kälter und in anderen Regionen wird es wesentlich wärmer als 2 Grad sein. Es ist nur ein Durchschnittswert für die gesamte Erde. Aber dieses Ziel die Erwärmung um 2 Grad zu begrenzen wird kaum zu erreichen sein. Es wird auch kaum noch bestritten, dass wir Menschen selbst für diese Erwärmung verantwortlich sind. Es gibt also keinen Dissens mehr darüber, dass Treibhausgase für die Erwärmung verantwortlich sind aus naturwissenschaftlicher Sicht. Ein Ansteigen des Meeresspiegels um mehr als 1 Meter bis zum Ende des Jahrhunderts wird auch unausweichlich sein. Was aber in Paris zum ersten mal stattgefunden hat ist ein erster Versuch die Auswirkungen in den Griff zu bekommen. Alle entwickelten Industriestaaten wissen, was solche eine Klimaveränderung bedeutet für die Menschen in Regionen, die stark davon betroffen sein werden. Es wird zu einer Völkerwanderung kommen ungeahnten Ausmasses. Mehr als wir es jetzt durch den Syrienkrieg kennen. Klimaflüchtlinge werden sie heute schon genannt und man kann sich heute ausmalen, wie sie aussehen wird. Die Industriestaaten, die diesen Klimawandel verursacht haben fürchten natürlich diese Entwicklung und sind nun gezwungen Lösungen zu finden, damit es nicht zu dieser Völkerwanderung kommt. Gerade Länder, die nicht so entwickelt sind wie unsere Industriestaaten, werden ein Braindrain erleben, welches sie verhindern müssen. Dieses kann aber nur geschehen, wenn es Entwicklungsmöglichkeiten gibt für diese Länder, die bisher nicht in der Lage dazu sind.

China hat hierzu schon seit 20 Jahren ungefähr einen grossen Beitrag geleistet in Afrika. China baut in afrikanischen Staaten Infrastruktur auf, erzeugt eine Grundlage für eine Entwicklung, mit der sich die Staaten selbst helfen können, aber lassen ihre eigene Kultur unberührt und mischen sich auch nicht in kulturelle Eigenheiten ein. China ist in afrikanischen Staaten ein gern gesehener Helfer, der das natürlich auch nicht uneigennützig macht und sich so auch Schürfrechte sichert und Bodenschätze als Gegenleistung fordert. Dennoch ist dieses Geschäft ein faires Geben und Nehmen im gegenseitigen Respekt. Es ist ein Geschäft, welches Entwicklung ermöglicht und keine Kriege als Voraussetzung hat.
Die europäischen Länder, wie auch die USA hingegen haben in Afrika etwas völlig anderes getan. Wir haben Afrika nach wie vor wie eine ehemalige Kolonie betrachtet und setzen auf Verbündete, die die Macht haben oder die Macht an sich reissen wollen. Wir haben im Sudan erlebt zu was es geführt hat, aber auch in Äthiopien, Somalia, Kongo und vielen andern afrikanischen Ländern sind wir in gleicher Weise vorgegangen. Wir drücken zumeist animistischen Stämmen eine Bibel und Kalaschnikow in die Hand und unterstützen sie im Kampf gegen zumeist islamische Stämme, um eine Region zu sichern mit uns wohlgesonnenen neu zu Christen gemachten Herrschern, die uns dann im Austausch für ihre Schulden, die sie aufgenommen haben um ihren Stammes-(Bürger-)krieg zu führen mit unseren Waffen, dann die Schürfrechte zu überlassen. Ein Prinzip welches spätestens seit Äthiopien allgemein bekannt ist und auch die UN Soldaten vor Ort genau wissen, aber trotzdem keine Möglichkeit haben dem entgegenwirken zu können. Was hat also der Westen bisher gemacht? Entwicklungsmöglichkeiten verhindert und sie ins Elend geschickt durch Stammeskriege und Verschuldung der neuen Regierungen in diesen Staaten, was sie an uns bindet und so sie gezwungen sind uns ihre Rohstoffe zu überlassen, die ihnen eigentlich die Möglichkeit geben würden sich selbst aus eigener Kraft zu entwickeln. Man setzt auf die Machtgeilheit und Gier von Stammesführern, die alles andere als christlich sind, aber nun mit der Bibel in der einen Hand ausgestattet zu Christen gemacht wurden. DIe Kalaschnikow, die wir ihnen zur Bibel in die andere Hand gegeben haben, die sie zudem zu unseren Sklaven gemacht hat mit Schulden, wird verheimlicht, auch wenn es jeder schon seit langem geahnt hat.

Dieses Theaterspiel von westlicher Seite könnte nun erstmals mit Paris aufhören und man sieht langsam ein, dass man diese Staaten entwickeln lassen muss. Natürlich versucht man weiterhin über Konzerne die grosse Privatisierungsmaschinerie anzuwerfen, die letztlich auch nur eigenständige Entwicklung verhindert, aber es hat sich was im Bewusstsein verändert schon alleine, weil es einen anderen Player gibt in dieser Region, der eben ein völlig anderes Entwicklungskonzept fährt, was viel eher angenommen wird von den Afrikanern als das des Westens. China hat die letzten 20 Jahre eine Vorbildfunktion für weltweites agieren bekommen, wie es auch anders gehen kann, als der Westen propagiert.

Wir wissen aus unseren Medien viel zu wenig, wie in anderen Weltteilen der Erde gedacht und gehandelt wird, um eine wirkliche Einschätzung machen zu können. Unser Bild von der Welt ist ziemlich USA-Eurozentrisch und haben als Linke natürlich auch zurecht Wut im Bauch, wenn wir sehen, wie der Mensch im Westen agiert und mit anderen Ländern umgeht. Aber eine Multipolare Welt, wie sie sich jetzt langsam wieder zeigt gibt Hoffnung, dass im Wettbewerb nicht der westliche Kapitalismus mit seiner Kriegslogik siegen muss. Man muss also nicht so pessimistisch in die Welt schauen, wie es viele tun.

15:59 11.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rüdiger Heescher

Rüdiger Heescher ist Gründungsmitglied von attac und hat von 2006-2010 für die Bundestagsfraktion und Parteivorstand der Partei Die Linke gearbeitet.
Rüdiger Heescher

Kommentare 6