Ein Postzionistisches Verständnis

Israel Palästina Ein Postzionistisches Verständnis eines israelischen Verfassungsstaates ist heute mehr denn je notwendig, wenn man den Nahost Konflikt beilegen möchte.
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Israel steht vor einer Zäsur. Die Zäsur ist die Identität und richtige historische Beschreibung eines Staates, welcher nach dem 2. Weltkrieg als Zuflucht aller Juden in der Welt gegründet wurde. Es gab noch nie in der Geschichte einen Staat Israel und es gab auch noch nie in der Geschichte ein “jüdisches Volk”, welches einen Anspruch auf einen Staat als Nation verkörperte. Was es gab, war eine Religion. Eine Religionsgemeinschaft wurde von den Nazis im 3. Reich vernichtet. Hitler hat aus einer Religionsgemeinschaft eine eigene Rasse gemacht und sie damit ethnisiert. Doch zumindest heute wissen wir, dass es nie eine Ethnie oder sogar Rasse gab, die man als eine jüdisches Volk bezeichnen konnte. Im 19. Jahrhundert war ein Nationalismus ein Fortschritt zu Feudalstrukturen und Aristokratischen Herrschaftsansprüchen über Land und Menschen und schaffte eine republikanische Identität durch einen Nationalstaat mit Bürgern gleicher Rechte durch ihre Zugehörigkeit. Doch aus diesem Nationalismus wurde wiederum eine Gewaltherrschaft durch eine Blut und Boden Ideologie, die aus einem Verständnis von Nation und dem dazu gehörigen Volk bestand. Ein Volk gründete sich in Abgrenzung zu anderen Völkern und entsprechend hatten sie eine eigene ethnisch kulturelle Gesellschaftsordnung gebildet, die sich aus ihrer Abstammung heraus begründete.

Heute stellt Israels Regierung genau den gleichen Anspruch indem sie von einem “jüdischen Staat” spricht und glaubt ein jüdisches Volk zu stellen, welches begründet wird durch eine nationalistische Blut und Boden Ideologie, wie in Europa im 19. Jahrhundert alle Nationalstaaten ihre eigene Legitimation begründeten. Im 19. Jahrhundert als Fortschritt gedacht ist heute eine aus Erfahrung schlechte Entwicklung gewesen, welche im 1. und 2. Weltkrieg mündete.
Europäische Staaten haben sich nach dem 2. Weltkrieg zumeist als Verfassungsstaaten entwickelt und legten den ursprünglichen Nationalstaatsbegriff ab. In Teilen ist sicherlich immer noch ein altes Nationalstaatsgebilde der Vorzeit vorhanden, besonders wenn man sich Staaten mit repräsentativen Königshäusern anschaut, aber im Grunde haben sich die meisten Staaten dafür entschieden einem Verfassungskodex den Vorrang vor einer völkischen Idee zu geben. In Israel hat es sich genau anders herum entwickelt, denn aus der ursprünglich zionistischen Idee einen eigenen Staat als Zufluchtsstätte vor Religionsverfolgung zu begründen, ist nun ein Nationalismus erwachsen, der einer Religion und ihren Anhängern als völkische Identifikation dient. Begründet wird dieses biblisch, auch wenn es der wissenschaftlichen Betrachtung nicht standhalten kann, so erzeugte man sich den Mythos einer Stammeszugehörigkeit einer völkischen Begründung. Wie Shlomo Sand, israelischer Historiker, sehr schön darstellt, existiert aber nur eine Religionsgemeinschaft welche nicht begründet ist durch Blut sondern im wesentlichen durch Konvertiten. Denn wie auch im Christentum wurden damals auch religiöse Überzeugungen in Regionen weiter getragen durch Überzeugungen und Missionieren. Machtansprüche oder Handelswege haben es ermöglicht, dass sich Religionen verbreiten konnten und so war es auch mit dem Judentum noch zu Mohammeds Zeiten.

Wenn heute aus der ganzen Welt verstreut Menschen jüdischen Glaubens nach Israel kommen und dort ihre neue Heimat sehen, dann haben sie nicht dieses getan, weil sie gemeinsame Wurzeln aus einer ethnischen Herkunft sehen, sondern weil sie sich einer hebräischen Kultur aus dem jüdischen Glauben heraus nahe stehen. Es ist also das gleiche, als wenn Kopten, Orthodoxe und evangelische wie katholische Christen sich zusammen finden aufgrund eines Glaubens, der sie verbindet, weil sie Weihnachten und Ostern zusammen feiern können. Doch Kopten, Orthodoxe, Katholiken und Protestanten verbindet keine Ethnie, nicht mal die gleiche Musik oder Filme, oder auch das gleiche Essen, welches sie bevorzugen. Es ist letztlich nur ein Glaube an Jesus als Gott, der ihnen Erlösung durch seine Kreuzigung verspricht. Diesen Glauben kann man teilen oder nicht, doch ist diese Verbindung eine metaphysische und keine irdische, die irgend welche weltlichen Ansprüche geltend machen kann.
Das Judentum als jüdisches Volk – nach zionistischer Auffassung – wird begründet durch das Buch Exodus von Moses, welches auch in der Bibel überliefert wird und wie ein Geschichtsbuch aufgefasst wird. Doch wie man wissenschaftlich feststellen kann entstand im heutigen Israel und damaligen Palästina nicht eine jüdische Diaspora durch Vertreibung, sondern durch Konversion. Auch alle weiteren Gemeinden wie im Kaukasus bis hin in die abgelegensten Orte der Welt sind durch Konversion und nicht durch “Blut” entstanden. Es ist also ein Mythos, den sich heute Juden geben, dass sie alle von König David abstammen. Man kann heute davon sprechen, dass ein Staat Israel es geschafft hat eine gemeinsame hebräische Kultur zu entwickeln, welche eine Identität schafft als Staatsbürger Israels, aber in keinster Weise kann ein Staat Israel von einem jüdischen Volk sprechen, welche sich begründet auf einen Mythos von Stammesabstammung.

Israel hat also in kürzester Zeit geschafft eine Kultur zu entwickeln aufgrund des Judentums als Religion, welche Identität bildet für eine Gesellschaft, aber hat es verpasst sich als ein Verfassungsstaat zu begreifen in Abgrenzung zu einem Nationalstaat mit einer völkischen Identität, welche Zionisten erfunden haben.

Eine völkische Nationalitätsidentität führt aber zu einer Abgrenzung zu anderen Völkern, die sich in der Vergangenheit schon lange abgewendet hatten hin zu einer übernationalen Grundwerte Identität, gerade in der Nachbarschaft Israels, denn panarabische Bestrebungen waren eine Gegenbewegung zu nationalistischen Vorstellungen einer völkischen Gemeinschaft.

Alle Zukunft eines Staates Israel liegt also aus geschichtlicher Erfahrung darin sich von einer nationalistischen Identität des 19ten Jahrhunderts aus Europa kommend, sich zu einen Verfassungsstaat zu entwickeln, welche hebräische Kultur als Identität versteht, aber die völkische Identität ablehnt und somit ihrem eigenen Anspruch auf demokratisch neuzeitliche Legitimation eines staatlichen Gebildes durch Verfassung begründet und nicht völkisch begründet gerecht wird.

Erst dann wird es gelingen, auch im Streit mit seinen Nachbarn, eine Interkulturalität zu begründen, die nicht auf Hass und Ausgrenzung basiert, sondern sich behaupten kann durch den Anspruch eines Vielvölkerverfassungsstaates ein Einwanderungsland zu sein, welches mit hebräisches Kultur einen Zufluchtsort garantiert für alle Menschen mit jüdischem Glauben. Denn genau das war der UN Gedanke bei seiner Gründung.

Aufgabe wird es in den folgenden Jahren für Israel sein, schon alleine um einen Frieden in der Region zu ermöglichen, den Zionismus zu überwinden, welcher bisher mythisch völkisch begründet wurde. Nur ein postzionistisches Staatsgebilde Israel wird Zukunft haben um für eine Verständigung in der Region auch zwischen den Menschen sorgen zu können. Auch die BRD hat es nach dem 2. Weltkrieg geschafft sich von einem nationalistischen Staat hin zu einem Verfassungsstaat zu entwickeln, welcher in Frieden mit den Nachbarländern leben konnte. Hätte Deutschland nicht das Selbstverständnis eine Verfassungspatriotismus entwickelt, sondern weiterhin eine nationalistische Idee eines Blut und Boden Volkes verfolgt, wäre ein Frieden und sogar Freundschaft mit Frankreich nie möglich gewesen.

15:53 11.09.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rüdiger Heescher

Rüdiger Heescher ist Gründungsmitglied von attac und hat von 2006-2010 für die Bundestagsfraktion und Parteivorstand der Partei Die Linke gearbeitet.
Rüdiger Heescher

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