Glaube - Die Gefahr für das 21te Jahrhundert

Zukunft Überarbeiteter Text vom 11.4.2015, der heute aktueller ist denn je.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wie muss man sich Glaube vorstellen? Ein Kind entdeckt die Welt und ist fasziniert von den Wundern der Natur. Alles was ein Kind neu entdeckt ist nicht zu erklären. Es muss irgend jemanden geben, der all das erschaffen hat, was so faszinierend erkundet wird. Die Natur ist aber auch gefährlich und der Vater ist der Beschützer, welcher dem Kind die Gefahren vor der Welt erklärt. Es muss dann auch einen Beschützer geben, der die Welt beschützt.

Es gibt eine schöne Metapher, die es verdeutlicht.
Ein Kind ist wie ein Wasserglas, was Rand gefüllt ist mit Wasser. Das Wasser ist der Glaube. Das Glas ist das Gefäß, was wir sind. Als Kind ist das Glas noch klein. Später als Erwachsener ist das Glas viel grösser und haben nur noch am Boden eine kleine Wasserpfütze.

Ein Kind stellt Fragen und kann die Welt nicht verstehen. Ein Kind muss daher glauben. Später, wenn das Kind erwachsen ist, hat es gelernt, wie die Dinge in der Natur funktionieren. Es gibt Einsichten. Eigenes Denken ermöglicht sich Sachverhalte zu erklären, was aber letztlich schon antrainiertes Wissen ist. Das Kind, was erwachsen wurde, hat gelernt nicht einfach zu glauben, sondern auch selbst zu erschliessen. Damit gibt es kaum noch Raum für den Glauben und das Wasserglas ist leer. Doch immer mehr zeigt sich seit ein paar Jahren, dass dieser Wunsch wieder kindlich glauben zu wollen und das Glas wieder zu füllen, eine Sehnsucht ist. Vor allem sieht man es in der esoterischen Szene, aber auch in Religionen. Nur warum?

Gerade in der Esoterischen Szene kann man beobachten, dass wieder neue Welten erschaffen werden die neu zu erkunden sind. Wunderwelten, die keine nachvollziehbaren Begründungen haben, wie man es sich erklären kann. Viele Bücher werden geschrieben über Welten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat oder erdacht hat. Aber sie sollen da sein. Die Erforschung dieser Welten hat keine wissenschaftlichen Grundlagen, aber man hat die Hoffnung durch Glaube hinter das Geheimnis dieser Welten zu kommen. Dass diese Welten nur selbst erschaffen wurden von anderen Menschen, die sich das ausgedacht haben, spielt keine Rolle, denn es könnte ja so etwas geben. Schon immer gab es einen Mystizismus, der auch den Aberglauben beflügelt hat.
Religionen funktionierengenauso und haben sogar einen Vorteil: Sobald es eine interpretatorische Entsprechung gibt, die aus der erfahrenen Welt gesehen wird, kann eine Religion, insbesondere Buchreligion, darauf verweisen und sagen: Seht ihr, das haben wir schon vor 2000 Jahren so gewusst. Religion wird so wieder zu einer Autorität, der man Gehör schenkt, egal was in der Zwischenzeit alles im Namen einer Religion gemacht wurde.


Heute ist der Mensch vermeintlich in der Lage sich lebenslang weiter zu bilden. Doch in Wirklichkeit wird der Mensch nur getrieben sich funktionstauglich zu halten für die Anforderungen der heutigen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich technologisch so schnell weiter entwickelt hat, dass viele nicht mehr mitkommen, ist überfordert. Als das Telefon für jeden zur Verfügung stand kannte man dieses Phänomen vor allem bei alten Menschen, dass sie in das Telefon geschrien haben, weil sie dachten, dass derjenige am anderen Ende der Leitung weit entfernt ist. Ein Kennzeichen dafür, dass man zwar ein Telefon bedienen konnte und gelernt hat damit umzugehen, aber nicht verstanden hat, wie es funktioniert. Auch heute denkt man, dass ein bedienen können, sich auskennen mit neuen technischen Errungenschaften schon dazu geführt hat, dass man es auch verstanden hat. Doch genau das ist eben nicht der Fall. Kann sich jeder wirklich vorstellen, wie ein Computer funktioniert? Man kann Computerkurse belegen und bekommt vermittelt, wie man einen Computer bedient, genauso, wie man damals ein Telefon bedienen konnte, doch verstanden, wie ein Computer funktioniert bleibt den meisten dennoch verborgen. Unsicherheiten entwickeln sich vor neuen Technologien, die man nicht versteht. Man kommt nicht mehr mit und wird abgehängt.
Dieses Phänomen gab es auch schon früher in der Gesellschaft, aber es stellte sich meist erst in einem Alter ab 50-60 Jahre ein. Heute ist es schwieriger, weil die technologische Entwicklung auch noch viel schneller ist als damals. Vielfach entwickelt sich schon in den 30er Jahren ein Unbehagen und nicht verstehen. Eine Ausbildung ist abgeschlossen und die Weiterbildung erfolgt nur funktional, aber nicht inhaltlich. Nach 10-20 Jahren hat man noch den Anschluss an einer Entwicklung gerade so erreicht, aber danach wird es schwieriger zu folgen und die Welt wird unübersichtlich. Man vertraut immer mehr darauf Autoritäten zu glauben. Eine neue Kindliche Phase entwickelt sich und der Erwachsene lernt jetzt Autoritäten zu vertrauen und zu glauben, weil er es nicht mehr schafft, selbst zu folgen und sich intellektuell zu erarbeiten. Kindliches Staunen wird wieder normal oder man resigniert. In beiden Fällen führt es dazu, dass man völlig anderen einfachen jenseitigen Konzepten glaubt, wenn sie den Anschein geben im Mainstream des heutigen Wissensstandes verankert zu sein. Dieses wird vor allem in der Esoterik erzeugt, dadurch, dass man wissenschaftliche Begriffe verwendet, die den Anschein geben, es wären fundierte Schlussfolgerungen aus dem was man gemeinhin annimmt. Doch genau hier wird dann der Bogen so weit gefasst, dass neue Welten entstehen, die wieder glauben lassen. Man versteht es zwar nicht, aber es gibt Erklärungsmuster, die staunen und glauben lassen.

Jeder kennt von Weihnachten ab einem bestimmten Alter das Phänomen, dass er sich zurück erinnert an Weihnachten als er noch ein Kind war. Jeder wünscht sich dieses Gefühl zurück. Doch es bleiben nur die Erinnerungen an dieses Gefühl, welches nie wieder kommt. Und man bedauert es. Weihnachten wird nie wieder so sein. Das staunen und sich freuen über neue Dinge liegt in uns. Wenn es nicht am leben gehalten wird, dann wird der Mensch traurig oder resigniert.
Es gibt und gab auch schon immer so einen Effekt, der genutzt wurde, der aber zu einem Fortschritt führte und träumen liess und somit Motivation für weitere Anstrengungen erzeugte: Der Science Fiktion.

Star Trek hat viele Menschen beflügelt, die sich auch mit Naturwissenschaften beschäftigten. Es gab aber in jenen SciFi Filmen immer zumindest theoretische Hintergründe, die man wissenschaftlich abdecken kann. Nicht umsonst sind auch technologische Innovationen, wie das Handy oder den Tablett Computer entstanden. Dieses hat Star Trek schon als Innovation vorgeführt. Doch es gab in SciFi Filmen nie eine Andeutung an etwas glauben zu müssen. Es war ein Anreiz für das Denken. Sich selbst erdenken zu müssen. Das Glass war leer und voller Träume, aber es gab auch hier wieder den Vater, der das Glas Stück für Stück füllte - mit Zuversicht. Es war kein Glaube an Zauberei und Wundern. Es war nun Zuversicht für die Zukunft.


Vater Gene Roddenberry


Grosses Beispiel bei Star Trek ist die Einführung des "Heisenberg Kompensator" in "The next Generation", was Technikern zum ersten mal eine Erklärung gab, wie Beamen funktionieren könnte. Diese Frage war nämlich zu Scottys Zeiten in den original Serien unbeantwortet geblieben. Beamen ist also kein Wunder und auch nicht zu erstaunendes was mit Glauben zusammen hängt, sondern schlicht eine technisch zu erklärende neue Fortbewegungsmöglichkeit. Es gab darauf folgend gerade in "The next Generation" noch viele solche Erklärungen, die in der alten Serie unter dem Kommando von Captain Kirk nie erklärt wurden. Es war also getrieben von Träumen und Erklärungen, die wir sehen konnten und damit alle Erwachsenen wieder zu Kindern machten, die ihr Glas füllen wollten. Fragen und Antworten, die zum weiterdenken veranlassten und so auch wieder Antrieb gaben. Es war nicht der Glaube an Wunder und das Staunen. Es war Zuversicht, die nun das Glas füllte und somit Antrieb gab.
Diese Fragen und Antworten lassen aber Esoteriker immer offen. Auch die Religionen. Es gibt nur Wahrheiten. Ob diese nun die passende Antwort waren für eigene Fragen lässt sich nur suggestiv beantworten.

Wenn Esoteriker etwas über das "Channeln" sagen, dann könnte man als Laie erstmal denken, dass es so ähnlich funktionieren müsse wie Fernsehübertragung auf einem Kanal. Natürlich ist auch dieser Begriff daran angelehnt. Aber wie das funktionieren soll und was sich dahinter verbirgt, sind Esoteriker schuldig geblieben. Sie müssen es auch nicht erklären, denn ihre Anhänger wollen davon auch nichts wirklich wissen, weil sie ohnehin wissen, dass sie es nicht verstehen würden und sowieso schon seit Jahren überfordert sind mit solchen Erklärungen. (Man denke an alte Menschen wenn sie telefoniert haben in den 70er Jahren)
Das Internetzeitalter hat viele Chancen eröffnet gerade Glaube völlig neu zu entfalten. Man denkt immer, dass Wissen produziert würde, aber letztlich überwiegt doch das Unbehagen vor dem Wissen, dass man gar nicht dieses Wissen verarbeiten kann und so nur noch glauben muss. Dabei sind die meisten Informationen, die das Internet bietet nur Null Informationen, die keiner braucht um zu wissen. Dafür werden aber diese Null Informationen sehr geschickt genutzt um wieder Glaube zu erzeugen. Denn diese Überflutung erzeugt ein Gefühl nicht mitzukommen und abgehängt zu werden. Ein Gefühl welches sich wieder wünscht das Staunen eines Kindes zu spüren. Die Sehnsucht einfach nur glauben zu müssen und alles ist in Ordnung.
Insgesamt ist es eine sehr gefährliche Entwicklung, die sich gesellschaftlich schneller auswirken wird, als man denkt.


Anmerkung:
Da ich diesen Text schon am 11.4.2015 geschrieben habe, wusste ich noch nichts davon, dass Trump die Wahl gewinnen würde. Ich denke, es ist sogar noch schneller eingetreten, was ich damals schon befürchtet habe.

17:01 25.12.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rüdiger Heescher

Rüdiger Heescher ist Gründungsmitglied von attac und hat von 2006-2010 für die Bundestagsfraktion und Parteivorstand der Partei Die Linke gearbeitet.
Rüdiger Heescher

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