Higgs to be or not to be?

Physik Nachdem man im LHC von CERN keine MSSM SUSY im August gefunden hat, wird es jetzt ungemütlich in der Wissenschaftsgemeinde. Doch wieso?
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In eigener Sache

Ich habe mir eine schwere Aufgabe aufgebürdet. Ich beschreibe Dinge, die unglaublich kompliziert sind zu verstehen ohne Hintergrundwissen und ich vereinfache nicht, sondern gebe exakt wieder, wie es ist, auch wenn es total populär geschrieben ist, damit es der Laie verstehen kann. Doch um wirklich exakt zu bleiben und keine Polemik daraus zu machen, muss ich viel erklären. Ich habe meinen ersten Text schon verworfen und in die Tonne geschmissen. Er zwar zwar richtig ud gut, aber nicht zu verstehen für den Laien oder konnte sogar genau andersherum verstanden werden, als es meine Intention ist. Daran merkt man wie schwierig es ist über Vorgänge in der Wissenschaftswelt zu schreiben, die nicht rein nur faktenbasierter/ mathematischer Natur sind. Ich hoffe daher, dass ich diesen Text genauso für den Laien verständlich hinbekomme, der keine Ahnung von Physik hat, wie ich es schon mit dem Artikel "Realität oder Empirie" hinbekommen habe.

Warum muss ich diesen Text schreiben?

Ich sehe eine bewusst provozierte Entwicklung nach dem letzten Lauf im LHC von CERN (Auswertung der Daten im August 2016), die nicht mit Popper's Verifikation/Falsifikation Methode in Einklang zu bringen ist, gerade von den Leuten, die genau dieses Mantra immer hoch halten und sehe dabei auch eine Entwicklung die mit dem neuen kalten Krieg mit China und Russland zu tun hat. Es gibt mittlerweile eine Legendenbildung in unserer westlichen populärwissenschaftlichen Journalistengemeinde und Wissenschaftlern (Physikern), die nun dieses als Propaganda befeuern wollen, um es Mainstream zu machen. Falsifikation wird also gerade von denen ignoriert, die immer diejenigen sind/waren, die glauben mit logischem Empirismus nur alles erklären zu können und damit auch diejenigen sind, die ausschliesslich wissenschaftlich arbeiten (andere tun das nicht nach ihrer Auffassung - Stichwort deduktives Vorgehen). Es wird also auch in der Physik wieder ideologisch wie schon damals im kalten Krieg und zeigt wieder einmal bewusste Unlogik, die für den normalen Bürger nicht zu durchschauen ist (auch Bürgern, die Physik studiert haben, die aber in dem Bereich nicht wirklich fit sind und nur glauben können, aber nicht nachvollziehen können). Um das alles aufzudröseln, muss ich aber eine kurze wissenschaftshistorische Betrachtung der letzten 20-30 Jahre voran stellen, um zu verstehen, was überhaupt in der modernen Physik zur Zeit los ist.

Soviel Vorlauf zeigt, dass es jetzt schwierig wird. Aber jetzt lege ich mal los.

Mitte bis Ende der 80er Jahre hat die Superstringtheorie einen Run bei den Studenten, vor allem mathematischen Physikern ausgelöst und eine Beliebtheit erlangt, was rein durch die Ästhetik der Theorie zu erklären ist. Die Stringtheorie im Ursprung ist eigentlich eine gedankliche Erweiterung der Quantentheorie. Es hatte also eigentlich nichts mit der Allgemeinen Relativitätstheorie gemein, aber den grossen Vorteil, dass man von Anfang an Gravitation als automatisches Element in ihr vereinte. Die Stringtheorie ist also im Ursprung eine Quantentheorie, wenn man so will, halt nur erweitert. Es gab damals auch schon eine Gegenbewegung, die versuchte von der Allgemeinen Relativitätstheorie her eine Lösung zu finden, die man heute als Quantenschleifen Gravitation kennt. Dieses sind die beiden grossen Theorieblöcke. Es gibt neben diesen beiden jeweilige Varianten und auch Überschneidungen, auf die ich später noch etwas mehr eingehe. Beide Denkarten sind nicht zu verifizieren. Beide Denkarten sind nicht empirisch zu überprüfen. Das vorab.
Die Stringtheorie (26 Dimensionen), die nun zu einer Superstringtheorie (10 Dimensionen) wurde und damit wieder Erfolge feierte hatte aber Ende der 80er bis 1995 einen Durchhänger. Die Stringtheoretiker strauchelten sozusagen in ihrer Theorienbildung obwohl 1000 Physiker und Mathematiker sich daran gesetzt hatten. Aber es kam nicht weiter. Die Quantenschleifen Gravitation (QLG) Anhänger haben einige Erfolge aufzuweisen, dadurch, dass sie ihr Quantennetz als Raum aufspannen konnten. So wurde dann aus einer eher geometrischen Theorie, wie im Ursprung von der allgemeinen Relativitätstheorie hergeleiteter, dann eine eher Quantenmechanische Theorie. Viele quantenmechanisch orientierten Physiker sprangen auf diesen Zug auf und fanden es klasse. Dann kam aber Edward Witten 1995 auf einer String Konferenz auf die Bühne der Wissenschaftswelt. Er war schon damals sehr bekannt und galt als mathematisches Genie, dem sowieso kaum jemand von den Physikern folgen konnte. Auch Lenny Susskind (einer der ersten String Pioniere) musste damals zugeben, dass er erst gar nicht verstanden hatte, was Ed Witten zu erzählen hatte auf der Konferenz. Ed Witten hatte 1995 die M Theorie vorgestellt in der es jetzt nicht nur Strings sondern auch Branes gibt und dazu auch noch eine Dimension mehr als bei der Superstringtheorie. Er hatte es geschafft somit alle 5 verschiedenen Stringtheorien, die es damals gab, unter einen Hut zu bringen, was seit Ende der 80er alle Stringtheoretiker verzweifeln ließ. Jeder bastelte an seiner eigenen Stringtheorie herum und waren auch noch nicht glücklich mit der Superstringtheorie, auch wenn sie jetzt sehr schön Bosonen und Fermionen beschrieb, aber hatte andere Nachteile, die nur rein Bosonische Stringtheorien beschreiben konnten. Es war also alles noch nichts perfektes, was alles umfasste. Ed Witten hatte es also jetzt geschafft den grossen Wurf zu landen. Die meisten anderen Physiker haben sowieso nicht wirklich begriffen, was es bedeutet und welche Tragweite es hatte, denn was Ed Witten produzierte, war für die meisten Physiker unverständliches Kauderwelsch. (Gab es bei Einstein den gleichen Effekt zu seiner Zeit im übrigen).

Ich möchte jetzt etwas mathematischer werden, denn das wird später wichtig.

Wir haben mit der Superstringtheorie ein neues mathematisches Denken und dann erst recht mit der M Theorie eingeführt, was alle Physiker der modernen Physik erfassen wird. Wir haben Skalartensor Mathematik, die völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Dieses hat auch die orthodoxen Quantenmechaniker beflügelt, die mit Hilfe der QLG Gravitation mit ordinären quantenmechanischen Lösungen lösen wollten. Hört sich erstmal nicht schlecht an, aber es wird jetzt gruselig.

Leonard Susskind hat es geschafft 2003 3 Stringtheorien in eine S Matrix zu transformieren. Was heisst das? Die S Matrix ist das mathematische Grundgerüst in dem alle Quantenfeldtheoretischen Berechnungen zu beschreiben sind. Für Teilchenphysiker ist es das A und O und können nur in dieser S Matrix Berechnungen anstellen, die dann auch irgend welche empirische Resultate bringen. Es gab nun einen Hype, dass man sehr wohl auch Berechnungen aus der Stringtheorie in die Empirischen Untersuchungen einbeziehen konnte. Man hat aber nun nicht so sehr auf die Stringtheorien gesetzt, sondern formulierte nun ein Quantenfeldtheoretisches Gerüst, was auch noch durch Maldacenas AdS/CFT (Anti de Sitter/Conformal Field Theory) Korrelation ergänzt wurde. Man hatte nun also sowas wie einen Brückenschlag gefunden zwischen der Stringtheorie vom Denken her (mathematisch) und der orthodoxen Quantenmechanik um dann damit richtig schön Berechnungen anstellen zu können für das was wir empirisch finden können in Teilchenbeschleunigern. Was aber dabei weiter entwickelt wurde, war letztlich eine Quantenfeldtheorie, die per Definition dann nur reine Phänomenologie sein kann. (Andere Physiker sehen es als Realität an: Siehe Streit zwischen Psi Ontologen und Psi Phänomenologen). Die Grundlage des Teilchenphysikers ist also reine QFT (Quantenfeldtheorie), sonst nichts anderes. Diese Quantenfeldtheorie ist jetzt auch aufgepäppt worden mit einer Skalarfeldmathematik, die sich Anleihen aus der ursprünglichen Stringtheorie holte. Daraus ist dann die Idee mathematisch abzuleiten von Higgs Boson und Higgsfeldern geworden. Peter Higgs hatte im Ursprung in den original Arbeiten eigentlich etwas anderes im Sinn, aber sein Mechanismus als solches wurde dann wieder ausgegraben und konnte so nun mathematisch realisiert werden mit einer skalaren Quantenfeldtheorie.
Es entwickelten sich die tollsten mathematischen Konstrukte daraus, die alle etwas gemein hatten: Es waren skalar Spielereien, die mit dem ursprünglichen Skalartensor denken der Stringtheorie nichts mehr am Hut hatten. Um es platt auszudrücken: orthodoxe Quantenmechaniker haben ein neues Spielzeug entdeckt und probierten jetzt alles aus. Es gab zwischen den Stringtheoretikern und orthodoxen Quantenmechanikern, die nun moderne Quantenfeldtheoretiker wurden, Reibereien, aber man hatte ja inzwischen schon akzeptiert, dass es anscheinend doch gewisse Ähnlichkeiten gibt, vor allem es jetzt auch keine Sprachschwierigkeiten mehr gab (Kommensurabilität) denn man konnte sich seit 2003 spätestens dank Susskind sogar in einer S Matrix gemeinsam unterhalten. Auch konnte man sich darauf verständigen, dass es wohl für viele ungelöste Probleme eine Supersymmetrie SUSY geben muss. In der Superstringtheorie und auch M Theorie ist diese notwendig (Nicht in bosonische, dafür hat man Tachyonen, die man nicht gerne sieht in der Physik aus Gründen, auf die ich später auch noch eingehe und später auch noch wichtig werden)
Aus der QFT ging nun hervor, was sich aus einer mathematischen Konsequenz ergibt (Stichwort: Dirac und Grassmann Algebra), dass es SUSY geben muss. In einer Grassmann Geometrie gibt es keine Fermionen, sondern nur bosonische Berechnungen, aber wenn man dann wieder in Lagrange Gleichungen "downgraded" um wieder in der S Matrix "spielen" zu können, dann ergibt sich automatisch ein zusätzlicher kinetischer Term, der dann ein Superteilchen als Fermion abbildet. Wir haben also mathematisch nun ganz automatisch durch das runterrechnen aus einer Grassmann Mathematik in einer S Matrix kompatiblen Lagrange Darstellung neue Teilchen gewonnen, die somit die Supersymmetrischen Teilchen sind.

Soweit so gut.

Wir haben also jetzt mit Hilfe der Superstring Theorie (auch M Theorie) eine Vorhersage, dass es SUSY geben muss und wir haben auch mit der QFT eine Vorhersage, dass es SUSY geben muss. Es gibt aber dennoch noch Unterschiede in der Beschreibung und haben auch unterschiedliche Werte, die aufgrund von Gruppentheorien jetzt nicht weiter erläutert werden können. Was man festhalten kann ist, dass es viele verschiedene SUSY gibt. Es gibt aber nur 2 oder 3 im Höchstfall, die für die QFT übereinstimmt und die liegen im Niedrigenergiebereich. Niedrig Energiebereich heisst in der Teilchenphysik aber dennoch hohe Energie. Was das LHC aufzubieten hatte im letzten Lauf hätte aber in der Lage sein müssen einen Hinweis zu finden für eine solche Niedrigenergie SUSY.

Jetzt kommt noch etwas hinzu, was man wissen muss, wenn es um eine Niedrigenergie SUSY geht. Die favorisierte SUSY, die man finden wollte heisst MSSM, was die minimalste SUSY ist, die man annehmen kann und dazu in einem Energiebereich angesiedelt ist, die man im LHC erhoffte empirisch locker nachweisen zu können, was aber nicht gelungen ist, wie man mittlerweile aus den vielen Meldungen jetzt schon gehört hat.

Warum war es wichtig, dass man MSSM findet und jetzt so enttäuscht, dass man sie nicht gefunden hat?

Dafür muss ich jetzt auch nochmals ausholen und bei der vermeintlichen Entdeckung von Higgs 2012 anfangen. Vorab, es gab unter Stringtheoretikern nie die Vermutung oder zwingende Annahme, dass es Higgs überhaupt gibt. Das hat sich erst mit den ganzen Skalarquantenfeldtheorien entwickelt, die nun zu einer Higgs-Feld-Skalar- Äthertheorie entwickelt hat und auch für vieles herhalten muss bis hin zur dunklen Energie. Also alles das was wir heute in der Kosmologie als Standardtheorie verstehen und auch in der Teilchentheorie als erweiterte Standardtheorie verstehen. Ich denke, es wird langsam klingeln, dass es also äusserst wichtig ist, dass Higgs und die Berechnungen mit Hilfe der QFT richtig sind. Sonst fällt das ganze Kartenhaus zusammen.

Was hat man 2012 gefunden unter welcher Annahme und welchen Berechnungen?

Jetzt wird es etwas komplizierter und auch schizophren am Ende.

Was wir gefunden haben nach Daten im LHC ist ein Boson mit einer Masse von 125 GeV, welches sich aus Leptonen und W und Z Besonnen ableiten ließ. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich wirklich um ein Boson handelt lag gerade bei der Wahrscheinlichkeitshöhe um es nach allgemeiner Auffassung unter Physikern veröffentlichen zu dürfen um sagen zu können: Wir haben was gefunden. Diese Wahrscheinlichkeit lag bei Sigma 5. Hierzu sollte man sich vielleicht noch einen anderen Artikel durchlesen, was das wirklich bedeutet.


http://blogs.scientificamerican.com/observations/five-sigmawhats-that/


Wir haben aber keine Quarks gefunden, von dessen wir seine Existenz ableiten können, was aber die allergrösste Wahrscheinlichkeit nach Berechnungen der QFT sein müsste. Haben wir aber nicht und auch heute nach den neusten Daten nicht. Nach Wahrscheinlichkeit in der QFT hätten wir also als allererstes Quarks finden müssen, die auf das Boson hindeuten. Damit könnten wir auch präzise die Spinberechnungen erhalten, die wir als Eigenschaft so sehr benötigen um dann dieses Boson auch eindeutig als ein Skalarboson identifizieren zu können, was Higgs sein soll. Wir haben aber keine Spineigenschaft identifizieren können, die bei Higgs 0 sein muss, wenn es ein Skalarboson ist. Ich gehe jetzt nicht darauf ein, was Spin 0 bedeutet und was ein Skalarboson ist, was aber mit dieser neuen Äthertheorie zu tun hat, wo sich ein Feld überall hin ausbreitet. Wichtig in diesem Zusammenhang ist nur, dass wir keine Eigenschaft dieses Bosons bestimmt haben. Bis heute nicht. Trotzdem wurde es schon gefeiert. Warum wurde es gefeiert und sogar schon ein Nobelpreis verliehen?

Jetzt wird es ganz interessant.

Nach reiner QFT hatte man Jahre zuvor Berechnungen angestellt, die ein Higgs Boson irgendwo im Bereich bei 160-180 oder sogar über 200 GeV ansiedelten. Je nachdem wie man es berechnet bekommt man unterschiedliche Werte, was normal ist. Später wird in der Quantentheorie renormalisiert und geeicht und so dachte man es sich auch bei der QFT. Es wird also angepasst an das, was man als empirischen Befund erhält. Darüber kann man ansich schon alleine ein Buch schreiben. Aber das ist erst einmal hier in diesem Zusammenhang nicht wichtig. Wichtig ist, dass man nach reiner QFT also einen Wert für das Boson irgendwo im 160-180 GeV oder sogar darüber erhält.

Jetzt kam aber ein Gordon Kane 2011, der etwas andere Berechnungen gemacht hat. Es waren nicht richtige Stringtheorie Berechnungen, aber "stringy" und das mit einer MSSM als Voraussetzung für diese Berechnungen. Es war eine stringy QFT Berechnung mit der Annahme, dass MSSM existiert. Gordon Kane war damals schon bekannt für seine ganzen Higgs, Dunkle Energie, dunkle Materie und auch String Phänomenologie Forschung. String Phänomenologie heisst in dem Zusammenhang, dass er vor allem versuchte alles in dieser S Matrix beschreiben zu können, was für die Teilchenphysiker das Handwerkszeug ist um Bewegungen von Quantenzuständen berechnen zu können, einfach ausgedrückt. Gordon Kane arbeitet auch bei CERN und hatte dann natürlich auch gleich eine entsprechende Reputation. Er errechnete also nun mit seiner Methode, die auf der minimal SUSY MSSM basiert ungefähr tatsächlich den Wert, der dann gefunden wurde bei 125 GeV (eine Vorhersage lag zwischen 105 und 129 GeV und die andere bei 122-129 GeV), was schon viel präziser war und auch dann mit dem sigma 5 Wahrscheinlichkeitsbefund sofort gefeiert wurde. Hierzu das original Papier für den Interessierten:

https://arxiv.org/abs/1112.1059

Man glaubte nun also endlich einen gemeinsamen Nenner gefunden zu haben. Ein Physiker, der Stringtheorie Phänomenologie betreibt hat das Higgs Boson richtig berechnet, und die ganze schöne Standardtheorie aus der Quantenfeldtheorie ist damit gerettet. Auch Stringtheoretiker, die vorher skeptisch waren, haben gedacht, dass man nun mit stringy Methode sozusagen auch eine neue Berechtigung hat, wenn man Higgs anerkennt. Denn Stringtheoretiker leiden darunter ständig angegriffen zu werden, weil sie ja angeblich keine richtige Wissenschaft betreiben und nie irgend welche Vorhersagen machen wollen/können, die man empirisch beweisen kann.

Wie gesagt, wie ich oben schon aufgelistet hatte gab es damals nur eine Sigma 5 Wahrscheinlichkeit, was soviel heisst, dass man nur sagen kann, man hat was gefunden, dann wurden keine Quarks gemessen, die zum grössten Teil eigentlich hätten erscheinen müssen nach Theorie und man hat keine Spin Eigenschaft gemessen, die einem darüber Auskunft gibt, ob es sich um ein Skalarboson handelt, was ein Higgs Boson sein muss. Man hat also felsenfest geglaubt, dass die Berechnung von Gordon Kane der Schlüssel wäre und damit bestätigt. Die Berechnung nach Gordon Kane setzt aber voraus, dass es auch eine SUSY im minimal Format geben muss im niedrig Energie Bereich (MSSM).

Man hat nun aber im letzten Lauf feststellen müssen, dass es keine SUSY im Niedrigenergiebereich gibt. Man hat auch noch etwas andere höhere Werte für das vermeintliche Higgsboson gemessen, was im GeV Bereich zeigt, was viel Energie ist, dass die Messdaten auch nicht so wirklich genau sind. Es ist schon ein grosser Unterschied ob man 125 GeV im Durchschnitt misst oder 126 GeV. Aber das ist noch ein anderer Punkt, der hierfür jetzt auch keine wirkliche Rolle spielt.

Es bleibt also nichts weiter übrig, als dass wir mit einer sigma 5 Wahrscheinlichkeit ein Boson gefunden haben bei 125 GeV, kennen aber keine Eigenschaften und wir haben nicht mal eine Theorie dafür, die dieses hätte berechnen können. Denn die Berechnung von Gordon Kane basierte auf der Annahme von MSSM SUSY. Da wir aber keine MSSM SUSY finden konnten, kann die Berechnung also nicht richtig sein. Berechnungen von der reinen QFT liegen ohnehin weit ab von Gut und Böse.
Man müsste jetzt also sagen:

"Es gibt kein Higgs Boson. Wir haben ein Boson höchstwahrscheinlich gefunden, aber wir wissen nicht, was wir damit anfangen sollen."

Das wäre jetzt die eigentliche Antwort und Message, die Teilchenphysiker uns hätten mitteilen müssen. Peter Higgs wäre dann natürlich auch wieder seinen Nobelpreis los und diese schöne moderne Äthertheorie mit Higgsfeld und negativer Energie (was negative Energie sein soll, kann ohnehin keiner erklären, aber dazu kommen wir später) wäre dann auch obsolet. Natürlich geht es auch um den Erhalt des Standard Modells, was das einzige ist, was wir zur Verfügung haben. Und es sieht doch so schön aus wie ein Periodensystem im Chemieunterricht leicht und einfach Schülern zu zeigen.

Was passiert nun?

Higgs darf nicht vom Sockel fallen. Es wäre eine Blamage der Wissenschaft sondergleichen ähnlich der von Kelvin und seiner Äthertheorie, die er wie selbstverständlich verkaufte mitsamt seiner ganzen wissenschaftlichen Autorität. Wer konnte endgültig mit der Äthertheorie damals aufräumen? Es war Einstein.

Wir haben nun also ein Dilemma. Wir können nicht zugeben, dass es kein Higgs Boson gibt und wir auch nicht gefunden haben nach irgend einer Theorie und Berechnung, die uns zur Verfügung stehen auch nur annäherungsweise. Wir haben jetzt als QFT Anhänger noch ein anderes Problem. Es gibt keine SUSY im niedrigen Energiebereich, was die einzige Möglichkeit wäre nach der QFT so viele schöne Sachen wie dunkle Materie zu beschreiben. Es hätte zumindest Kandidaten dafür gegeben, die man als dunkle Materie hätte bestimmen können. Dadurch, dass es aber keine MSSM gibt, fällt das jetzt auch weg.
Man muss jetzt also ganz neu schauen als QFT Anhänger und kleine Brötchen backen. Aber die Stringtheoretiker dagegen dürfen noch hoffen. Für die Stringtheorie war die MSSM ohnehin nicht die wirkliche SUSY. Es wäre nett, wenn es Überschneidungen gegeben hätte, aber für Stringtheoretiker sind vor allem für Superstringanhänger andere SUSY Vorstellungen besser und die liegen im Hochenergiebereich. Aber das liegt soweit weg, dass selbst ein Neuaufbau des LHC das nicht messen könnte. Es wäre also selbst mit dem neuen Ring, der geplant ist und mindestens 50 Mrd Euro kosten soll nicht möglich SUSY aufzuspüren, die den Stringtheoretikern am liebsten wäre.
Es gibt aber einen Neubau eines Teilchenbeschleunigers in China. Zu dessen Bau wurden auch schon Ed Witten und andere Stringtheoretiker befragt, wie gross man ihn bauen müsse, damit man SUSY nachweisen könne. Ab 2020 soll es schon losgehen und 2024 soll es dann in Betrieb gehen. Man erwartet ab 2030 ungefähr dann zu der Leistung zu kommen, die dann nötig wäre um SUSY im Hochenergiebereich aufzuspüren.

Es gab gerade jetzt erst Anfang August eine grosse String Konferenz in Peking mit Größen wie Edward Witten, Juan Maldacena und David Gross. Hierzu die Rednerliste und das Programm:

http://ymsc.tsinghua.edu.cn:8090/strings/?page_id=22

Hierzulande und auch im Westen generell versucht man aber etwas anderes, weil man weiss, dass man kein Geld bekommen wird für CERN und das ganze wahrscheinlich nochmals völlig neu auf die Füsse gestellt werden muss. Man sagt jetzt einfach, dass es generell keine SUSY gibt.
Gibt es für die QFT keine SUSY, dann darf es auch für die Stringtheoretiker keine SUSY geben. Hört sich trotzig an, aber dahinter steckt eine Angst, die nicht unbegründet ist, zumindest in den USA.
Schon länger werden Post Doc Stellen nur vergeben an Leute, die auch fit in String Theorie sind. Wer nicht mindestens etwas mit AdS/CFT anfangen kann, der kann als theoretischer Physiker und Teilchenphysiker einpacken.
Hört sich banal an, aber für orthodox denkende Quantenmechaniker, die nun moderne Quantenfeldtheoretiker wurden, aber letztlich Ingenieure sind, ist das schwer zu ertragen. Schliesslich ist das doch nur Hirnwichserei und keine richtige Wissenschaft, wo man empirisch Daten sammelt und dann seine Quantentheorie renormalisiert und eicht. ;-) Ok, ich gebe zu, ich werde jetzt wieder polemisch lol

Aber es ist tatsächlich so banal. Man mag es einfach nicht und es widerstrebt einem ingenieursmässig denkenden Teilchenphysiker sich darauf einzulassen. Deduktion hat in der Wissenschaftsvorstellung des Teilchenphysikers nichts zu suchen, auch wenn wir unsere ganze heutige Physik einem Deduktionisten zu verdanken haben. Wer weiss, wer es war? Genau, Albert Einstein!

Es hängen also davon Arbeitsplätze ab. Zum anderen verteidigt man die Standardtheorie bis aufs Blut, denn schliesslich hat man ja nix anderes, was man so schön vorzeigen kann wie ein Periodensystem im Chemie Unterricht.
Was noch hinzu kommt ist, wenn man sich die Namen auf der Rednerliste anschaut, dass nicht nur Grössen wie Maldacena, Gross und Witten dort sind, sondern auch noch andere Stringtheoretiker (chinesische), die schon Furore gemacht haben durch eigene Neuerungen in der Stringtheorie, wie z.B. auch die F Theorie, um nur eine zu nennen. Die Jugend an den Universitäten orientiert sich immer mehr in diese Richtung wie auch schon damals in den 80ern als der Superstring Hype war. Und Ed Witten bastelt unbeirrt immer weiter an Supraleitermodellen, die Stringbasiert sind. Da sehen mittlerweile die orthodoxen QT/QFT Anhänger ziemlich blass gegen aus. Es passt ja auch nix zusammen. Was macht man also, wenn man keine Schnitte hat? Man macht des anderen Theorien madig und sucht sich dessen Schwächen, die hoffentlich nicht die eigenen Schwächen offenbaren.
Ich möchte jetzt nicht die ganzen Argumente hier aufführen, die so im Raume schwingen, aber ein paar sind schon witzig.

"String Theorie ist fest verbunden mit SUSY und SUSY gibt es nicht. Selbst wenn keine SUSY notwendig ist bei der String Theorie als rein bosonische Theorie, dann hat sie immer noch das Tachyon Problem. Ein Tachyon hat eine negative Masse und ist damit schneller als Lichtgeschwindigkeit, was aber nach Spezieller Relativitätstheorie und sowieso überhaupt nicht sein kann…"
Interessant ist dabei, dass die QFT Anhänger meist selbst nicht wissen, dass ihr Higgs Boson mathematisch originär selbst ein Tachyon ist und nur durch den Symmetriebruch "gebändigt" wurde. Eine Folge dessen, dass es damit auch ein negatives Energiefeld produziert, was aber keiner weiss, was das sein soll. Das wird dann verschwiegen, oder sie wissen es nicht mal, weil sie auch nur das nachplappern, was sie sonst so hören. (Wissenschaftsjournalisten, die Physik studiert haben! Wenn man sich in Teilchenphysik auskennt heisst es noch lange nicht, dass man auch Mathematik drauf hat. Die meisten weniger. Teilchenphysiker sind darauf getrimmt wie Ingenieure in ihrer S Matrix zu rechnen. Sie können jeden Spin berechnen und Akrobatik darin betreiben. Das ist aber eine andere Mathematik als die Berechnung von Skalarfeldern.)

Es gibt zudem auch eine gewisse Affinität in Ideologien. Wer ingenieursmässig Physik denkt, der ist absoluter Popper Anhänger. Auch wenn er nicht unbedingt soviel weiss über Philosophie, so kennt er auf jeden Fall "Offene Gesellschaft". Popper war das Propaganda Gesicht des Westens im kalten Krieg für Marktwirtschaft = Demokratie = offene Gesellschaft. Es gibt nur wenige Physiker, die open minded sind, und die die es sind, die befinden sich nicht unter den QFTlern, sondern bei den String Theoretikern, die alles offen lassen, aber halt nicht als Ideologie der "offenen Gesellschaft" von Popper. Interessante Dialektik oder?

Deshalb sind Leute wie Gross, Witten und Maldacena in Peking gewesen und andere nicht.
Sie werden die nächste Teilchenbeschleuniger Revolution anführen, aber dann in China. Dann wird CERN nur noch aussehen wie der kleine Bruder vom Fermi Lab. Die Vormachtstellung bei Teilchenbeschleunigern ist dann jedenfalls nicht mehr im Westen.

Die Frage ist, wie es sich mit der politischen Situation auf Dauer noch entwickeln wird und die Grenzen für Wissenschaft noch offen bleiben werden. Damals im kalten Krieg gab es wirklich einen eisernen Vorhang, wo selbst wissenschaftliche Erkenntnisse nicht aus Russland in den Westen gelangten. Bestes Beispiel Saccharow und seine kosmologischen Vorstellungen, die erst Jahrzehnte später im Westen übernommen wurden als eigene Idee. China baut die grössten Teleskope, hat die grössten Ressourcen reingesteckt in Energiegewinnung und hat damit auch die grössten Kapazitäten. Den grössten Teilchenbeschleuniger bauen sie jetzt ohnehin.

Ich will euch jetzt nicht weiter mit Mathematik und den Feinheiten in der theoretischen Physik quälen. Ich hoffe ich konnte es wenigstens für den einigermassen verständlich machen, der vielleicht schon vorher zumindest interessiert war. Der physikalisch mathematische Teil ist hiermit abgeschlossen und hoffe es wurde die Unlogik und das Hickhack verstanden.

Epilog

Der Aspekt des Denkens von Popperianern wäre sicherlich diskusionswert. Ich habe an eine Folge von Stargate denken müssen, bei all diesen Überlegungen, die ich jetzt hier beschrieben habe. Es gab in Staffel 9, Folge 17 eine Szene in der Daniel Jackson von der chinesischen Delegierten des IOE befragt wurde, ob er auch für die Chinesen gearbeitet hätte, wenn sie das Stargate in Betrieb genommen hätten und nicht die Amerikaner.

Hier der original Dialog nach Drehbuch

In the cave, Daniel takes two power bars and moves to sit down on a rock near Shen, who sits separate from the others.

SHEN: On the bright side, I was worried that my report would make for a boring read.

He passes her a bar.

DANIEL: So I'm guessing we're going to lose points for this little incident?

SHEN: To be honest with you, my report is a mere formality. Ultimately, it will have no bearing on my government's plan of action in regard to the Stargate programme.

DANIEL: What exactly should we be expecting down the line?

SHEN: Doctor Jackson ...

DANIEL: Daniel.

She smiles.

SHEN: Daniel. Maybe now is not the right time to be having this conversation.

DANIEL: When would be a good time?

SHEN: Perhaps when we're all back on Earth and not having to worry about being eaten alive by alien insects.

DANIEL: Look, I understand your government has issues with Stargate Command but you cannot deny the accomplishments, or the significant ...

SHEN: That has nothing to do with it.

Daniel looks at her, sharply.

SHEN: Daniel, let me ask you something. If, nine years ago, it had been my country and not the United States military that had given you the opportunity to travel to the stars, would it have made a difference to you? Would you have turned us down?

DANIEL: No, of course not. So long as the priority remained off-world exploration that could benefit Earth, I would have gladly accepted the offer.

SHEN: I may hold you that someday.

Daniel slowly blinks, confused.

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Wie würden heute westliche Wissenschaftler antworten?

21:22 10.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rüdiger Heescher

Rüdiger Heescher ist Gründungsmitglied von attac und hat von 2006-2010 für die Bundestagsfraktion und Parteivorstand der Partei Die Linke gearbeitet.
Rüdiger Heescher

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