Zum Teufel mit Identitätspolitik der Linken

Linke/r2g Etwas Grundsätzliches, warum die Linke eine echte Klassenkampfpartei werden muss, um selbst Mehrheiten zu erringen und um nicht am Katzentisch zu landen.
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(Eigentlich wollte ich heute über schöne Dinge schreiben wie Philosophie, Metaphysik und theoretische Physik, aber die Diskussionen reissen nicht ab über r2g)


Was war der fatale Fehler in der Linken und konnte durch den Neoliberalismus, der sich gesellschaftlich liberal phänomenologisch zeigt, eingefangen werden?

Eine Minderheitenpolitik wurde zu einer Identitätspolitik in der Linken, was genau den Kapitalisten in die Arme spielt, denn es ist eine Selbstbeschäftigung und erzeugt automatisch auch eine Klassifizierung in unterschiedliche Gruppen, Ethnien usw. Ich will es mal an einem Beispiel deutlich machen, was es sofort verdeutlicht und jedem wie Schuppen von den Augen fallen muss: "Juden sind eine Rasse, aber wir kämpfen für die gleichen Rechte für Juden." Genau das kann man runter deklinieren bis hin zu Frauenrechten, die heute ja immer noch unter Minderheitenrechte geführt werden. Es verschwand somit der Klassenstandpunkt. Denn nur wer systemisch denkt, der wird auch nur den Klassenstandpunkt vertreten können. Alles andere sind Nebenwidersprüche.


Wer ist die Arbeiterklasse?


Alle Lohnabhängigen, die ihre Arbeitskraft (heute auch schon Lebenszeit, worauf ich jetzt aber nicht weiter eingehen will und auch keine Poststrukturalismus Debatte führen will) verkaufen müssen. Also jeder der ein Angestellter ist und lohnabhängig ist, ist die Arbeiterklasse nicht nur im klassischen Sinne sondern systemisch im Kapitalismus. Hört sich uncool an, da nicht jeder mit einem Blaumannarbeiter verglichen werden möchte und man heute ja sooooo viel Bildung bekommen hat, was einen ja unterscheidet. Systemisch ist es aber so.


Was haben SPD und Grüne als sogenannte "Linke" aus Marx gemacht?

Oder: Was hat die sogenannte Gefühlslinke in Deutschland mittlerweile für eine systemische Ansicht bekommen und beschreiben sich heute als sogenannte neoliberale Linke, was ein Widerspruch in sich ist?

Nico Beiere hat es schön auf den Punkt gebracht. "Ach, hat doch Marx schon gesagt! Wir müssen den Kapitalisten freie Hand lassen, dann wird es den Arbeitern automatisch besser gehen!" Das ist sozusagen das Credo, was tatsächlich mittlerweile vorherrscht bei den sogenannten Gefühlslinken, die immer noch glauben für Gerechtigkeit zu sein, aber das System nicht verstehen, oder verstehen wollen. Wenn wir von Globalisierung sprechen, dann sprechen wir automatisch immer von der neoliberalen, kapitalistischen Globalisierung und nicht von einem Internationalismus, wie ihn Linke sehen. Wer glaubt, schon mit einer kapitalistischen Globalisierung automatisch mit ein paar Stellschrauben auch den Anspruch von Gerechtigkeit in einer internationalistischen Form erreichen zu können, dem fehlt schlicht und einfach das Hintergrundwissen über das System Kapitalismus und wurde verführt vom Neoliberalismus mit einem liberalen, christlich, denkendem Ansatz, was nur rekuriert auf ethischen Kategorien von gut und böse. Das mag für christlich denkende Menschen, die auch liberal denken eine feine Sache sein, aber sie haben schlicht und einfach nicht verstanden, was Kapitalismus ist und werden nie dahinter kommen, wieso diese hehren Ansprüche nie erfüllt werden in der Realität. Für Gefühlslinke, die nicht theoriefest sind, tut man so als wenn schon der Sozialismus erreicht worden wäre und damit auch automatisch sich die Nebenwidersprüche und Ziele für eine tolerante Gesellschaft mit Stellschrauben im Kapitalismus und warmen Worten lösen lassen. Sie haben vergessen, dass erst der Hauptwiderspruch von Kapital und Arbeit gelöst werden muss, bevor es dann eine Gesellschaft ohne Neid, Gier und (Existenz-) Angst geben kann.
Gefühlslinke sind Transatlantiker, die reine Identitätspolitik betreiben und das Wort Klassenkampf nicht mehr kennen. Letztlich das, was sie dann zu sogenannten "linken Neoliberalen" gemacht hat, was aber ein Oxymoron ist. Es gibt keinen linken Neoliberalismus. Das ist ein Widerspruch in sich. Leider hat dieses Virus auch schon die Linkspartei in Teilen ergriffen. Das Problem ist, wenn Linke nicht theoriefest sind und nur noch dem "Gefühl" für Gerechtigkeit hinterherlaufen.
Hierzu will ich noch etwas ergänzen. Was verstehen SPD und Grüne unter sozialer Gerechtigkeit? Es ist ausschliesslich nur noch "Chancengleichheit" Also das Credo der Liberalen. Wir haben noch nie so viele Abiturienten gehabt und Leute die studieren. Aber alle können nicht studieren und auch nicht Abitur machen. Die haben dann also völlig verkackt. Dann kommt das Märchen vom Facharbeiter. Hast du ein Handwerk gelernt, dann hast du auch was handfestes gelernt, was dir immer ein Auskommen bietet. Das hat schon in den 80ern mit dem Anfang der Rationalisierungen nicht mehr gegolten. Auch das ist falsch, denn heute gibt es schon lange nicht mehr Berufe wie Dreher oder Schuhmacher. Bäcker und Konditor ist ohnehin nur noch eine Nische. Warum? Weil alles industriell hergestellt wird am Fliessband.
Auch Akademiker die studiert haben, haben mittlerweile einen Höhepunkt als Hartz 4 Aufstocker erreicht. Das Credo von Chancengleichheit durch Bildung ist also völliger Blödsinn und führt nicht zu einer Gerechtigkeit. Gefühlslinke glauben aber daran nach wie vor. Natürlich sollte man nicht dumm sterben, aber was uns ständig vermittelt wird mit "Bildung, Bildung, Bildung…" zur funktionalen, wirtschaftlichen Verwertung, schafft nicht soziale Gerechtigkeit, sondern schafft einen höheren Wettbewerb unter denjenigen, die danach streben und damit auch gleichzeitig ein Lohndumping. Eine Abwärtsspirale also und nicht einen Wohlstandszugewinn.
Heute kann mehr denn je nur der Wohlstand mehren dessen Eltern schon Kapital angehäuft haben. Sonst nichts. Bildung ist heute schon in diesem System systemisch missbraucht zum sozialen Dumping, weil es nur der funktionalen, wirtschaftlichen Verwertung dient. Gefühlslinke durchschauen es nicht und glauben, wenn sie SPD und Grüne wählen, dass sie damit etwas Richtiges denken, weil man es ja so gelernt hat. Wer theoriefest ist und noch das Wort Klassenbewusstsein und Klassenkampf kennt, der sieht es anders und kann es auch begründen. Gefühlslinke haben nur das Gefühl das Richtige zu tun, können aber nicht durchschauen, was das System mit ihrem Gefühl gemacht hat. Es hat sie verführt.

Ich bin weiss Gott nicht gegen Bildung. Im Gegenteil, aber die damit einhergehenden Heilsversprechen sind teuflisch, verführen und werden durch das kapitalistische System missbraucht. Dagegen muss man sich wenden und endlich aufhören von Chancengleichheit zu sprechen. Eine Gerechtigkeit kann es nie durch Chancengleichheit geben. Es hört sich mit dem Wort Gleichheit irgend wie links an, aber das Wort Chance zeigt schon, dass es wie im Lotto funktioniert. Es sind die allerwenigsten, die 6 im Lotto haben werden.
Wer also hofft zu den Gewinnern zu gehören, der ist schon völlig assimiliert im Neoliberalismus.

Wenn eine Linke als Partei genau diesem Credo folgt und auch nur mitmacht und toleriert, dann wird sie automatisch auch eingehegt in dieses System.

Um wirklich irgend wann einmal regieren zu können um einen Politikwechsel zu vollziehen, muss erst mit dieser Identitätspolitik auf allen ebenen aufhören. Für den intellektuellen Diskurs können wir gerne über den Poststrukturalismus sowie auch den Dekonstruktivismus sprechen, der das grosse Problem der Linken ist. Aber ich möchte mit meinen Texten alle Menschen erreichen, vor allem den Gefühlslinken.

19:22 23.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rüdiger Heescher

Rüdiger Heescher ist Gründungsmitglied von attac und hat von 2006-2010 für die Bundestagsfraktion und Parteivorstand der Partei Die Linke gearbeitet.
Rüdiger Heescher

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