Brauchen wir Zwangstoupets?

KOMMENTAR Bergmanns Dress-Code an den Schulen

Neues vom Kampf gegen Rechts: Fußballgott Carsten Jancker, glatzköpfiger Nationalstürmer in Diensten des FC Bayern, hat sich im ZDF-Sportstudio eindeutig von der rechten Gewalt distanziert - die Skinhead-Szene hat ein Idol weniger. Der ehemalige Chefjugendliche der deutschen Popmusik, Campino, hielt die Laudatio auf "Schulen ohne Rassismus", die für ihr Engagement mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt wurden. Bundesfamilienministerin Christine Bergmann möchte noch eins draufsetzen, um die Dominanz der Rechten im öffentlichen Raum zu verhindern: Bomberjacken und Springerstiefel sollen in Schulen verboten werden, im brandenburgischen Schwedt und im westfälischen Wesel haben zwei Schulen die "martialischen Kleidungsstücke" bereits untersagt.

Bergmanns Vorschlag erinnert an die Forderungen, Schuluniformen einzuführen, um dem Markenfetischismus die Stirn zu bieten. Der Vorschlag hat - in Zeiten kritiklos hingenommener Konsumfreude - Charme. In England allerdings, wo Schuluniformen die Klassenunterschiede verdecken sollen, haben sich längst andere Erkennungsmerkmale etabliert: Zeige mir deine Schuhe, und ich sage dir, wie viel dein Daddy verdient. So würden auch die Fascho-Gruppen schnell neue Markenzeichen haben. Und Zwangstoupets will Frau Bergmann vermutlich niemanden aufsetzen.

Nicht nur daran krankt die Idee. Der Denkfehler ist der, dass hier das Outfit für eine Gesinnung verantwortlich gemacht wird, und nicht umgekehrt. Der Rechtsradikalismus geht unter die Haut; bleibt nicht, wie man zu sagen pflegt, in den Klamotten hängen. Auf die Köpfe kommt es an, und zwar nicht auf deren Oberfläche, sondern ihren Inhalt. Die notwendige Aufklärung wird mit Verboten nicht funktionieren.

Auch rechtlich gesehen haben junge Leute einen Anspruch darauf, ihre Gesinnung zur Schau tragen zu dürfen. Sei es nun die berüchtigte "Stoppt-Strauß!"-Plakette oder sei es der Pulli von Lonsdale, den Neonazis wegen der Buchstaben "nsda" gern tragen - den Staat hat das nicht zu interessieren. Das sahen auch die Gerichte so, zumindest im Fall der mutigen Strauß-Gegnerin, die 1980 in Regensburg von der Schule flog. Abgesehen davon würden Glatze und Stiefel womöglich erst recht zu neuen Insignien jugendlichen Protests geadelt: So wie man sich einst lange Haare wachsen ließ, weil diese nicht vom Establishment goutiert waren, könnten rebellierende Teenager heute zum Rasierapparat greifen.

Jugendliche auf der Suche nach sich selbst legen Wert auf individuelle Klamotten. Diesen Freiraum sollte man ihnen lassen und lieber aufpassen, dass sie sich bei der Identitätssuche nicht völlig verirren. Bleibt zu hoffen, dass die Ministerin Bergmann bald wieder öfter trifft. Carsten Jancker täte das übrigens auch nicht schlecht.

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