Armenien-Aserbaidschan - keine Stellvertreter

Bergkarabach Schwere Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan können zu einem neuen Krieg führen. Der Hintergrund ist jedoch nicht Konflikt zwischen der Türkei und Russland.

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Armenien-Aserbaidschan - keine Stellvertreter

Foto: Brendan Hofmann/Getty Images

Der Konflikt zwischen Armeniern und Aserbaidschanern um die Region Berg-Karabach ist älter als die Sowjetunion - schon in der Zeit der Oktoberrevolution erhoben beide Völker Anspruch auf das Gebiet. Bewohnt war das Gebiet seit langer Zeit zu etwa drei Vierteln von Armeniern, zu einem Viertel von Aserbaidschanern, völkerrechtlich gehört es zu Aserbaidschan.

Als das Ende der gemeinsamen Zeit in der UdSSR in den 80er Jahren in Sicht kam, brach dieser Konflikt wieder auf. Bergkarabach wollte zur armenischen Sowjetrepublik gehören, Kämpfe brachen aus und von 1992 bis 1994 herrschte gleich zu Beginn der nachsowjetischen Zeit ein offener Krieg. Er endete mit einem Waffenstillstand und der eingefrorenen Situation, dass in Bergkarabach ohne internationale Anerkennung ein armenisches de-facto Regime herrschte, immer wieder auch militärisch attackiert von aserbaidschanischem Militär.

Der aktuelle Waffengang ist dabei sehr schwer und der österreichische Ostexperte Gerhard Mangott äußerte bei Twitter die Befürchtung, dass er sich zu einem offenen Krieg auswachsen könnte. Es gibt Tote und Verwundete, auch unter der Zivilbevölkerung. Panzer, Hubschrauber und Flugabwehrsysteme wurden zerstört. Das Kriegsrecht und eine Mobilmachung wurden in Bergkarabach ausgerufen.

In der deutschsprachigen Berichterstattung werden die Hintergründe des Konflikts häufig verkürzt so dargestellt, dass hinter Aserbaidschan die Türkei, hinter Armenien Russland als Schutzmacht stehen, so dass man auf die Idee eines Stellvertreterkonflikts kommen könnte, den die Kontrahenten austragen. So einfach ist die Realität hier nicht.

"Die Darstellung, Russland beliefere Armenien und die Türkei Aserbaidschan mit Waffen, ist falsch."

Russland ist an einer Eskalation nicht gelegen und die erste Reaktion des Russischen Außenministeriums war nicht etwa eine Schuldzuweisung nach Aserbaidschan, sondern ein Aufruf an beide Seiten, die Kampfhandlungen einzustellen. Die russische Presse berichtet derweil weitgehend neutral. Bei einem früheren Aufflammen kleinerer Kämpfe im Sommer lud sogar Russlands Außenminister Lawrow die Botschafter der beiden Kontrahenten zum gemeinsamen Frühstück ein. Russland versucht hier also viel, um zu vermitteln.

Auch ist die Darstellung falsch, Russland beliefere Armenien und die Türkei Aserbaidschan mit Waffen. Denn umfangreiche Waffenverkäufe aus Russland gab es in den letzten Jahren an beide Seiten ganz regulär im Zuge des internationalen Geschäfts, das Russland ebenso wie die USA oder auch Deutschland betreibt.

Tatsächlich gibt es in der Region ein Ringen um Einfluss zwischen der Türkei und Russland. Die Türkei setzt hierbei vor allem auf engere Beziehungen zu den Staaten der den Türken verwandten Turkvölkern, zu denen etwa Aserbaidschan und Turkmenistan gehören. Hier bleiben Konflikte mit Moskau nicht aus. Etwa wegen dem Zurückdrängen der dort weit verbreiteten russischen Sprache in Turkmenistan zugunsten des Türkischen, wo es durch staatliche Eingriffe inzwischen viel weniger Russisch-Lernplätze als Lernwillige gibt.

Doch an einer Eskalation solcher Konflikte bis hin zu einem Krieg ist weder Russland noch die Türkei interessiert und die Schärfe der Auseinandersetzung zwischen Armeniern und Aserbaidschanern weitgehend hausgemacht und historisch bedingt. In der Vergangenheit gab es immer wieder erfolglosen Druck von außen auf die Streitparteien, etwa über die OSZE, ihren Konflikt im Verhandlungsweg beizulegen. Dennoch wuchsen die Spannungen - und auch die Militärausgaben in der Region. Beide Seiten seien Bereit, ihre Position mit militärischer Gewalt zu verteidigen, meint dazu der außenpolitische Analyst Andrej Kortunow.

Weder die Türkei noch Russland wollen einen offenen Krieg, in dem sie unfreiwillig eine Rolle im benachbarten internationalen Umfeld und aufgrund ihrer Beziehungen zu beiden Gegnern spielen würden. Ob ein Krieg deswegen verhindert werden kann, ist trotzdem unsicher. Denn die Dynamik vor Ort ist oft wesentlich unberechenbarer als mögliche internationale Drahtzieher, die die Situation nicht immer so gut unter Kontrolle haben, wie sie wünschen oder man ihnen nachsagt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Roland Bathon

Journalist und Politblogger über Russland und Osteuropa /// www.journalismus.ru
Roland Bathon

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