Nawalnys FSB-Anruf - Echo in Russland

Nowitschok Alexej Nawalny hat nach eigenen Angaben das Geständnis des Mordanschlags an ihm durch russische Agenten auf Band. In Russland erscheint das vielen mysteriös.
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Alexej Nawalny ist dem Heldenstatus im Westen und unter seinen Anhängern nochmals ein Stück näher gekommen. Tatsächlich wäre es eine Sensation, wenn er es - wie er sagt - geschafft hat, einem der acht FSB-Agenten, die ihn längerfristig beschatteten, ein Geständnis des Mordanschlags auf ihn selbst zu entlocken. Immerhin hatte Putin bei seiner jüngsten Pressekonferenz die Beschattung Nawalnys an sich durch den FSB zugegeben und mit Zusammenarbeit des Oppositionellen mit westlichen Geheimdiensten begründet.

Im Westen ein Fakt - in Russland umstritten

Während Nawalnys Geschichte unter großen deutschen Medien sofort den Status der Wahrheit erhielt - immerhin war der Spiegel an einer Recherche, die die Geheimdienstvergiftung bewiesen haben will, beteiligt - ist sie in Russland selbst umstrittener. Aber es gibt nun auch mehr Rufe nach offiziellen Morduntersuchungen, an denen es bis heute fehlt.

Dass es von offizieller Seite Dementis gibt, braucht dabei kaum berichtet zu werden. Der FSB selbst nennt die Aufzeichnung des Geständnisses eine Fälschung westlicher Geheimdienste, Kremlsprecher Peskow bezeichnete Nawalny sogar als größenwahnsinnig - wobei er wie sein Chef darauf achtete, den Betroffenen nie beim Namen zu nennen. Eine Reihe von westlichen Botschaftern, darunter der deutsche, wurden ins Russische Außenministerium einbestellt und der Sanktionskrieg fortgesetzt.

Nawalnys Anhänger solidarisieren sich

Aber wie reagiert der Rest von Russland? Einige oppositionelle Anhänger von Nawalny zeigten Solidarität mit ihm und es kam zu Ein-Mann-Demos vor den FSB-Büros in vier russischen Städten. Die mitgeführten Plakate waren dabei provokant genug, dass auch die unabhängige Nesawisimaja Gaseta davon sprach, dass die Oppositionellen mehr oder weniger auf die Straße gegangen seien, um sich verhaften zu lassen.

Ein Demonstrant in Moskau hielt sogar gleich eine Unterhose in die Kameras (Foto) - in der Unterhose Nawalnys war laut Spiegel und Co das Gift deponiert worden. Die örtliche Polizei tat allen Demonstranten den Gefallen und reagierte damit wunschgemäß auf diesen neuen Informationsangriff auf die russische Regierung und Putin persönlich, wie ihn die Nesawisimaja Gaseta bezeichnete. Hinter diesem Angriff stehen jedoch inhaltlich viele russische Oppositionelle aus tiefem Misstrauen gegenüber Staat und Geheimdienst. Die Redaktion der liberalen Onlinezeitung Meduza forderte selbst die Einleitung einer offiziellen Mordermittlung in einer Resolution.

Putins Behörden agieren ungeschickter als ihr Chef

Allgemein wirken die Behörden nach Meinung mehrerer Zeitungen aktuell verwirrt von dem neuen Angriff Nawalnys. Sie könnten ihm effektiver begegnen, wenn sie den Erklärungen von Nawalnys Zustand aus seinem Umfeld nicht oft spiegelbildlich noch zweifelhaftere Gegentheorien wie Diabetes, Drogen, westliche Geheimdienste oder Selbstvergiftung entgegensetzen würden. Vor allem angebliche westliche Geheimdienste in Aktion muten merkwürdig an, angesichts der Tatsache, dass ja niemand bestreitet, dass Nawalny längere Zeit von einer Gruppe FSB-Agenten umgeben war. An eine Beteiligung aller Geheimdienste - sowohl der russischen als auch ausländischer - im Fall glaubt aber immerhin der ehemalige KGB-Auslandsagent und Schriftsteller Michail Ljubimow gegenüber der Zeitung Kommersant.

Dabei hatte sich Putin selbst bei seiner kürzlichen Pressekonferenz bei einer Frage nach dem Fall noch geschickt aus der Affäre gezogen. Er meinte mit seiner ihm eigenen Gelassenheit, wenn der FSB Nawalny hätte töten wollen, wäre es jetzt nicht mehr am Leben und bot eine Untersuchung an, wenn der Westen seine Beweise zur Verfügung stelle. Doch von eine Aufklärung in Zusammenarbeit sind die offiziellen Stellen in Russland und dem Westen weiter entfernt denn je und so war Putins Angebot wohl eher ein rhetorisches Mittel.

Warum Nawalnys Geschichte nicht überall als Fakt akzeptiert wird

Er griff damit aber gekonnt einen Schwachpunkt in der Plausibilität der Recherche auf, die die Schuld des russischen Inlandsgeheimdienstes bewiesen haben will. Denn ihre Geschichte besagt, eine ganze Abteilung FSB-Agenten haben Nawalny langzeitbeschattet und dann von einem Tag auf den anderen äußerst dilettantisch versucht umzubringen. Mit einem Giftstoff, wo der Verdacht der Regierungsbeteiligung sofort aufdrängte und dann noch völlig erfolglos. Nur ein echtes Geständnis eines FSB-Manns würde wohl selbst den Herrscher der Kreml bei diesem Ablauf aus dem Konzept bringen und so entzündet sich an ihm ein neuer, heftiger Streit, der noch nicht ausgestanden ist.

Alles in allem kommt den meisten russischen Beobachtern die gesamte Geschichte rund um Nawalny merkwürdig vor. Von der russischen Zeitung Wedomosti wurde der Vorfall sogar bereits zum Mysterium des Jahres gekürt. Ein tiefes Misstrauen gegenüber den eigenen Offiziellen trifft gerade bei diesem Thema auf ein praktisch ebenso großes gegenüber der westlichen Presse und auch Nawalny selbst. Dieser hatte schon vor der Vergiftung vor allem den Ruf, sich gerne in Szene zu setzen und bei einer kürzlichen Umfrage des oppositionsnahen Lewadazentrums nach dem eigenen Lieblingspräsident kam Nawalny gerade einmal auf zwei Prozent.

Der Auftritt im Scheinwerferlicht gelingt ihm dagegen auf internationalem Parkett perfekt. Trotz seiner zeitweisen Lebensgefahr wirkt er nach seiner Genesung aufgeblüht und angriffslustig wie immer. Nur in seiner Heimat ist die Stimmung anders und die Zeitung Wedomosti sieht zurecht ein Rätsel darin, wie er angesichts seines Informationskriegs ins eigene Land zurückkehren will. Das war ja sein Plan - es bleibt spannend.

17:54 22.12.2020
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Geschrieben von

Roland Bathon

Journalist und Politblogger über Russland und Osteuropa /// Twitter: @nachrussland
Roland Bathon

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