Ein Rebell ist er nicht

Russland Wladimir Putin gilt als Bewahrer des Status Quo. Die jüngere Generation ermüdet dieser Zustand. Mangels Alternativen wird sie zusehends unpolitisch
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Ein Rebell ist er nicht
Putin stützt seine Macht vor allem auf den älteren Teil der Bevölkerung

Foto: Vasily Maximov/AFP via Getty Images

Russlands Präsident Putin ebenso wie die von seiner Partei dominierte Staatsduma haben gerade über die diesjährige Verfassungsreform versucht, sich den Anstrich einer reformerischen Kraft zu geben, die Russland verändert, quasi nach vorne bringt. Überall versucht man sich zudem als Förderer der technologischen Zukunft ein modernes Image zu geben. Doch egal, ob es um den Chef im Kreml geht, sein Umfeld oder seine Machtpartei – bei allen einschlägigen Meinungsumfragen im Land stehen sie für Stabilität (wenn man es positiv sehen will) oder Stagnation (wie es die Gegner sehen). Wirkliche Veränderungen erwarten auch Anhänger der Regierung unter den Russen nicht.

Rolle als Bewahrer

Auch bei einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des staatlich-russischen Instituts WZIOM über die Wahrnehmung der Regierungspartei sahen mehr als zwei Drittel der Befragten die Rolle der Regierungspartei als Bewahrer des Status Quo. Dagegen betrachtete sie gerade einmal jeder zehnte als Kraft der Veränderung. Das ist nicht weiter verwunderlich, hat sich die Partei nach zwanzig Jahren Macht im Schatten ihrer Lichtgestalt im Kreml doch auf fast allen einträglichen Posten im Land eingerichtet – selbst eine negative Stagnation bedeutet für die Oberen der Machtpartei immerhin einen weiteren, ganz persönlichen Machterhalt.

Dementsprechend ist die Basis des Systems Putin im Wahlvolk vor allem die ältere Generation. Zahlreiche soziologische Studien kommen immer wieder zu diesem Ergebnis, bei Umfragen schneiden Präsident und Regierungspartei in Russland in dieser Altersgruppe am besten ab – und sie geht für ihn und seine Gefolgsleute zur Wahl. Auch wenn die wirtschaftliche Situation im Land nach mehreren Jahren Verlust von Reallöhnen nicht besonders gut ist – die älteren können sie mit den noch viel desolateren 90er Jahren vergleichen, die Jüngeren nicht.

Desinteresse und Politikverdrossenheit

Dass man dem Langzeitpräsidenten größere Sprünge nach vorne kaum mehr zutraut, bedingt zwei weitere Phänomene. Zum einen steigt das Desinteresse vieler Russen an der immer gleichen Politik. Bei zwei Untersuchungen des Levadazentrums 2018 und 2020 hat sich der Anteil der Nichtwähler verdoppelt auf jetzt etwa ein Viertel der Befragten – quer über alle Altersgruppen. Zwar reißt der Mann an der Spitze nicht mehr zu Begeisterungsstürmen hin – eine Alternative besteht aber ebenfalls nicht und so wendet man sich ab.

Zum anderen halbierte sich in der Gruppe der russischen Jungwähler von 18 bis 24 im letzten Jahr die Anzahl derjenigen, die für ihren amtierenden Präsidenten stimmen würden – auf mittlerweile 20 Prozent. Die Verschlechterung des Ansehens von Putin bei den jungen Russen ist ein Trend, den Soziologen vor allem in den letzten zwei Jahren beobachten, der sich jedoch in den letzten Monaten beschleunigt hat, meint dazu Denis Wolkow, stellvertretender Direktor des Levadazentrums. Putin sei für sie kein Rebell, sondern nur der oberste Bürokrat des Landes. Er sieht die Ursache dafür darin, dass sich die Jungen vermehrt über alternative Medien informieren, während sie kaum Nachrichten in klassischen Medien konsumieren, die von einer regierungsfreundlichen Berichterstattung beherrscht werden.

Dass diese an sich für eine Regierung bedenkliche Entwicklung Putins Machtbasis kaum schadet, liegt übrigens laut Levada-Umfrage wieder an den älteren Russen, die Putin auch dort zu einer mehrheitlichen Zustimmung verhelfen. Nicht umsonst war die schwerste Erschütterung von Putins Ansehen, die er bis heute nicht wieder ganz wett gemacht macht, die Rentenreform vor wenigen Jahren. Diese verdonnerte viele ältere Russen zu längerer Lebensarbeit und vergraulte eine gewisse Anzahl von älteren Leuten aus seiner Anhängerschaft – die Mehrheit hielt ihm aber die Stange. Auch wenn man in Mitteleuropa den Kreml und seine Partei wegen der bestehenden Kontakte gerne in die Nähe der AfD rückt – von ihrer soziologischen Struktur und Anhängerschaft gleicht das erzkonservative "Einige Russland" in Deutschland eher einer CDU-CSU nach einer langjährigen und irgendwann ermüdenden Regierungszeit.

Die Jungen sind die Mittelalten von morgen

Hier stellt sich die Frage, ob das aktuelle Regierungssystem auf diese Weise immer weitermachen kann, sollte sich nach den Wahlen 2021 und 2024 die Dominanz der aktuellen Machtträger fortsetzen. Die Chancen stehen nicht allzu gut, denn solch eindeutige Trends in der Jugend wachsen, so sie nicht gebrochen werden, im Lauf der Jahre rein biologisch in immer ältere Bevölkerungsschichten hinein. Noch dazu könnte sich doch irgendwann eine Alternative zum immer älteren Präsidenten auftun, die in einem Zeitalter von Ermüdungserscheinungen im Machtzentrum sehr schnell auf eine sehr breite Unterstützung hoch schaukeln könnte. Aktuell fehlt eine solche und es sieht nicht danach aus, dass der immer gleiche, müde Trott in der russischen Politik in naher Zukunft durchbrochen wird.

10:25 14.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Roland Bathon

Journalist und Politblogger über Russland und Osteuropa /// Twitter: @nachrussland
Roland Bathon

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