Russlands Optimismus mit Einschränkungen

Erwartungen 2021 Die Russen glauben an ein besseres neues Jahr als das zu Ende gegangene 2020. Einschneidende Veränderungen erwarten sie nicht oder sehen sie als Aufgabe ihrer Politik.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Jahresumfrage aller großen Institute

Alle drei führenden Meinungsforschungsinstitute Russlands haben zum Jahreswechsel die Bevölkerung repräsentativ befragt, wie die eigenen Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen für 2021 sind. Da die Ergebnisse in weiten Teilen übereinstimmen – etwa zwischen dem eher oppositionsnahen Levadazentrum und dem staatlichen Institut WZIOM – kann man von einem generellen Trend ausgehen.

So waren sich beim Institut FOM sogar 50 % der Russen sicher, dass das kommende Jahr für sie persönlich besser wird als 2020 – das ist ein Rekordwert, seit diese Umfrage jährlich durchgeführt wird. Das liegt natürlich unter anderem daran, dass hinter den Russen schwere Zeiten liegen. 2020 war nicht nur von der immer noch laufenden Covid-19-Pandemie geprägt. Auch die aus ihr folgende Wirtschaftskrise hatte schwere Auswirkungen auf die Bevölkerung. So sanken erstmals in der postsowjetischen Geschichte die Haushaltseinkommen nicht nur inflationsbereinigt, sondern laut offizieller Statistikbehörde Rosstat sogar nominell. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit an, der Rubel war schwach. So kostete ein Euro Anfang des Jahres noch 70 Rubel, zum Jahresende hingegen 90 Rubel.

Die Talsohle ist erreicht

Nun hoffen auch bei den Umfragen von Levada 60 % der Russen, dass die Talsohle erreicht ist und es wieder aufwärts geht. Das ist ebenfalls der höchste Wert, seit die Forscher das Volk jährlich befragen. Laut Levada sieht eine große Mehrheit der Russen große Aufgaben auf ihre politischen Entscheidungsträger zukommen. Die Frage, ob die Politik Russland wirklich wieder in Schwung bringt, wird wohl maßgeblich beeinflussen, ob der aktuelle Optimismus in Enttäuschung umschlägt oder wieder zu einer größeren Zufriedenheit führt.

Mit einem wirklichen Ende der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Russischen Föderation rechnet die Bevölkerung laut den Meinungsforschern in diesem Jahr noch nicht – besser als 2020 ist auch nach Meinung der Russen noch lange nicht gut. Bei allen Instituten glauben hier viele mit einer leichten Entspannung der aktuellen Krise, aber ohne wirklich einschneidende Veränderung zum Guten. Zweckoptimismus verbreitet hier natürlich die russische Regierung – durchgeschlagen auf die Bevölkerung hat er im Bezug auf die gesamtwirtschaftliche Lage nicht.

Kein Glaube an Veränderung bei Korruption oder Kriminalität

Das Institut FOM fragt nach dem Glauben an Veränderungen in einzelnen Bereichen, die man als Problemzonen der eigenen Gesellschaft kennt. Aber weder bei der Kriminalität, noch bei der Korruption oder der oft kritisierten ungleichen Verteilung der Einkommen denken die Russen, dass es größere Veränderungen geben wird.

WZIOM wertet seine Umfragen zur Stimmung der Bevölkerung nach Altersgruppen und Geschlechtern getrennt aus. Während die Russinnen etwa optimistischer sind als die Männer, herrscht unter den Älteren ab 60 Jahren mehr positive Stimmung als unter Jüngeren. An positiven Erwartungen haben die Russen bei mehreren Instituten vor allem eine Bewältigung der Coronavirus-Pandemie – in Russland hat ein Impfprogramm bereits früher begonnen als in Mitteleuropa.

Die am häufigsten genannten Ängste der Bevölkerung im Bezug auf 2021 waren (ebenfalls bei mehreren Umfragen) Befürchtungen über Inflation – in Russland häufig in dieser Rangliste ganz oben zu finden – und vor einer weiteren Senkung des Lebensstandards. Hier hat das Krisenjahr 2020 ebenfalls Spuren hinterlassen. Im Bezug auf die Außenpolitik – etwa einer Veränderung des angespannten Verhältnisses zum Westen – haben nur wenige Russen laut den Umfragen positive oder negative Erwartungen. Der Glaube, dass alles genau so schlecht bleibt, wie es ist, ist in Russland weit verbreitet, nicht nur unter Politikern.

11:58 03.01.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Roland Bathon

Journalist und Politblogger über Russland und Osteuropa /// Twitter: @nachrussland
Roland Bathon

Kommentare