Boeringer, Musk, L’Rell & andere Penetratoren

Imperiale F*ckgeschichten Ganz unterschiedlich scheinende aktuelle Vorkommnisse dieser Tage seien hier auf ein tragendes Moment zugespitzt: den Akt der Penetration.
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I.

Kürzlich wurde aufgedeckt, dass der AfD-Bundestagsabgeordnete Peter Boeringer die Bundeskanzlerin als „Merkelnutte“ bezeichnete und in diesem Zusammenhang in einer E-Mail ausführte: „Die Merkelnutte lässt jeden rein, sie schafft das.“ Und: „Dumm nur, dass es UNSER Volkskörper ist, der hier gewaltsam penetriert wird.“ [1]

Die Narration des Volkskörpers, der penetriert und/oder infiziert wird, war bekanntlich im Antisemitismus des 19. Jahrhunderts verbreitet und erlebte in der NS-Zeit ihre stärkste Ausprägung.
Weniger präsent ist wahrscheinlich, dass diese Narration schon in den Anfängen des neuzeitlichen/kapitalistischen Imperialismus' steht: Isabella von Kastillien (
1451-1504), die nicht nur Columbus’ Entdeckungsreise gen 'Westindien' unterstützte und damit die Grundlagen für das spätere spanische Kolonialreich schuf, installierte zudem die spanische Inquisition, die zwar hauptsächlich religiös motiviert war, aber bei der Vertreibung von Juden und Muslimen von der Iberischen Halbinsel auch den Gedanken einer 'Blutreinheit' einführte, die fünf Generationen umfassen musste, damit der spanische Körper nicht verunreinigt werde. [2]

Schon hier wird deutlich: Tatsächlich ist es das imperiale Spanien, welches die gewaltsame Penetration ausführt (mit Unterwerfung der beiden Amerika), gleichzeitig wird eine Angst vor einer imaginären Penetration geschürt, die den spanischen Organismus bis in den mikroskopischen Bereich der Blut-Zusammensetzung infiziere.

Analog gedeiht der Antisemitismus und die Angst vor 'fremden' und/oder 'jüdischen' Penetrationen/Infizierungen des Zweiten und Dritten Reiches in einer imperialen Grundstimmung, die Afrika kolonisiert resp. Europa unterwerfen will.

Die pathologische Rollen-Umkehrung des aggressiven Penetrators wird beispielsweise überdeutlich sichtbar in Hans Reinhards 'Teufel in Gottes Land: Abenteuerroman aus dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika' (1940), in dem die Deutschen als die wahren 'Afrikaner' gelesen werden, die aus 'Deutsch-Ostafrika' zu Unrecht im Zuge des Ersten Weltkriegs vertrieben worden seien und die nunmehr ˗ so der antisemitische Plot des Romans ˗ zudem von Juden in Ostafrika denunziert werden, welche im Zuge des Handlungeschehens eine Seuche in den Ländern Afrikas verbreiten. Reinhards brave Deutschen im Roman wissen freilich diese pentetrative/infizierende Verschwörung aufzudecken.

Ohne Peter Boeringer persönlich eines Gewaltdelikts zu beschuldigen: Wir wissen sehr genau, dass es seine AfD-Spießgesellen sind, die nicht nur gerne gewaltsame Pentrationen fantasieren und fabulieren (meist mit der 'exotischen' Zutat 'des Arabers' versus der deutschen Einheimischen), sondern ebenso selbst in den sozialen Medien zu Vergewaltigungen von Frauen aufrufen, die nicht in das schlichte Deutschbild passen. Jüngst forderte beispielsweise die 'Junge Alternative Dresden' die Vergewaltigung von drei Studentinnen, die sich erfolgreich gegen die AfD positionierten. [3]


II.

Phallusartig startete die Weltraumrakete 'Falcon Heavy' des US-Milliardärs und Unternehmers Elon Musk Richtung Mars, penetrierte die Erdatmosphäre und nunmehr das Weltall. Einerseits eine dekadente PR-Aktion, andererseits ein Schritt zu Musks Fernziel: das Eindringen der Menschheit auf dem Mars und damit dessen Kolonisierung. [4]

Bereits 1973 hat der US-amerikanische Autor Thomas Pynchon auf 1200 Seiten die Bezüge zwischen phallischer Rakete (der berüchtigten NS-deutschen V2), Kolonialismus (der deutsche Genozid in Südwestafrika) und sexueller Unterwerfung in seinem Roman Rainbow’s Gravity sinnig miteinander verwoben.

Eindringlich (!) werden diese Bezüge auch in verschiedenen Liedreimen zugespitzt: „„Es gab mal ‘nen Mann bei dem klickte / Es nur, wenn er Sprengköpfe fickte.“ Oder: „Es gab auch mal einen Herrn Schroeder, / Der sodomierte so gerne Voltmeter [...].“ [5]

Freilichwerden die Bedeutungszusammenhänge von imperialen Begehren, sexuellen Begehren, Phallus & Rakete letztlich postmodern bis ins Groteske überzeichnet, dennoch markiert der Roman wichtige Einsichten für die Postcolonial Studies; so jene Passage, die die Kolonien für den Europäer im psychoanalytischen Sinn als Externalisierung des Analen und Sexuellen entlarvt:

„Kolonien sind die Scheißhäuser der europäischen Seele, wo ein richtiger Kerl die Hosen runterlassen und relaxen kann, um den Geruch seiner eigenen Scheiße zu genießen. Wo er über seine schlanke Beute herfallen kann und so laut brüllen, wie er gerade Lust hat, und ihr Blut schlürfen voller unverstellter Freude. Oder etwa nicht? Wo er sich suhlen und brunften und sich gehenlassen kann in eine Sanftheit, eine aufnahmebereite Dunkelheit von Gliedern, von Haaren, wollig wie das Haar seiner eigenen verbotenen Genitalien. Wo Schlafmohn, Cannabis und Coca wachsen [...]. [...] Draußen, im Süden, in den Kolonien kann man sich ausleben, kann sich dem Lebendigen hingeben, der Sinnlichkeit in allen ihren Formen, ohne der Metropolis einen Schaden zuzufügen, ohne die Kathedralen, die weißen Marmorstatuen, die edlen Gedanken zu besudeln ... Kein Wort dringt je nach Europa zurück. Die Strecken des Schweigens sind groß genug hier unten, um jedes denkbare Verhalten aufzusaugen, wie dreckig und wie tierisch es auch sei... “ [6]

Nach der kolonialen Unterwerfung des globalen Südens, der nunmehr Neo-Kolonisierung via Neo-Liberalismus, steht jetzt also für den Mensch/Mann die Unterwerfung des Planeten Mars auf der Agenda. Zu den Plänen Musks kommentiert der Publizist Heinz Michael Vilsmeier:


„Kapitalismus ohne exponentielles Wachstum von Produktion und Konsumtion ist nicht möglich. Wenn wir aber den Planeten Erde als Lebensraum erhalten wollen, ist daher eine Abkehr vom Kapitalismus notwendig. / Es gibt Menschen, die diese Erkenntnis leugnen. Statt den Kapitalismus beenden zu wollen, setzen sie auf die Erforschung und Erschließung anderer Planeten. Sie glauben, wenn die Erde in naher Zukunft ihrer Ressourcen beraubt, vergiftet und atomar verseucht sein wird, werden sie dem Planeten den Rücken kehren und die große Masse der Menschen dem Verderben überlassen. Nach heutigen Preisen kostet ein Ticket zum Mars zwischen 90 und 450 Mio. $. Die Vision einer verschwindend kleinen Gruppe von Superreichen und Mächtigen, die Nutznießer des Kapitalismus sind, missachtet die Zukunft der Menschheit und des Lebens auf der Erde. / Es bleibt nur noch wenig Zeit, den Kapitalismus durch eine nachhaltige Wirtschaftsweise zu ersetzen und so das Leben auf der Erde zu retten.“ [7]

So sehr ich Vilsmeiers Kapitalismus-Kritik teile, ebenso wie seine Kritik an einer imperial motivierten Raumfahrt resp. zukünftig vielleicht Kolonisierung des Weltalls allein zur Bereicherung einer kleinen Elite, so möchte ich hier doch ein Veto erheben:

Das menschliche Begehren nach Ausbreitung lässt sich ebenso wenig langfristig unterdrücken, wie sich die technologische Evolution unterdrücken lässt. Abgesehen davon ist die Ausbeutung der Erde möglicherweise schon so weit fortgeschritten, dass der „bekannteste Forscher der Welt“, Stephen Hawking, Recht mit seiner Prophezeiung hat, dass der Mensch binnen von 100 Jahren die Erde verlassen haben müsse, da angesichts von „Klimawandel, Asteroideneinschläge, Epidemien und Bevölkerungswachstum die Erde bis dahin drohe unbewohnbar zu werden. [8]

Postkapitalismus darf m.E. nicht mit einem Ende von Forschung (die vor allem ja Lösungen von Problemstellungen bringt!), der Einebnung des menschlichen Genius’ und der menschlichen Neugier nach Überschreitung von Grenzen einhergehen. Die Frage ist freilich, wie Forschung oder explizit das begehrende Eindringen in das Weltall vonstatten gehen soll. Minimalforderung ist es, dabei einem turbo-neoliberalen Unternehmer und Milliardär ein Präservativ überzuziehen.



III.

Der Zeitgeist hat uns dieser Tage auch mit ganz anderen Bildern für die Narration der Penetration sensibilisiert und zwar mit äußerst martialischen Bildern.

Ich spreche von unserem Schaudern, hautnah dem sexuellen Herfallen der Klingonin L’Rell über Lieutenant Ash Tyler beizuwohnen, den damit einhergehenden Praktiken, die uns zunächst als Folterungen und blutige SM/Snuff-Praktiken daherkommen, die sich letztlich aber zudem als eine Penetration der biologischen Konstitution herausstellen:

Die Klingonin L’Rell koitiert nicht nur mit Tyler, sie koitiert eigentlich mit ihrem klingonischen Geliebten Voq, den sie zudem mit dem penetrativen Aufbrechen der Leiblichkeit Tylers in dessen Körper medizinisch hinein operiert.

Dieser blutige und unerhörte Gipfelpunkt des kolonisierenden Penetrierens verstört uns, letztlich wissen wir (wie Tyler selbst) nicht mehr: Steht als Produkt nun Tyler vor uns, oder Voq, oder eines jener Hybrid-Geschöpfe, wie sie der Kolonialismus stets zeugte: Der Herkunftskultur entwurzelt, aber auch nicht in der neuen Ontologie des Imperium angekommen, sondern irgendwo dazwischen, an der Grenze zwischen Ureinwohner und kolonialem Objekt, zwischen Lieutanant Tyler und Klingone Voq.

So brachialisch, kolonisierend und verstörend müssten Begegnungen fremder Kulturen freilich nicht verlaufen. Gerade die Star Trek-Serien und -Filme sind ja grundsätzlich Künder eines ganz anderen Aufeinanderzugehens fremder Kulturen, welches von einem Satz der vulkanischen Philosophie der reinen Logik inspiriert ist: „Infinite Diversity in Infinite Combinations“ (Unendliche Mannigfaltigkeit in Unendlicher Kombination) heißt es gemäß dem großen Denker Surak.
Koexistenz, Kooperation und Diversität prägen die Kulturen, Spezies und Völker der postkapitalistischen Föderation (die sich freilich in mancherlei Hinsicht, z.B. wegen ihres nach wie vor militärisch-hierarschischen Offizierssystems oder zuweilen allzu stereotyp durchbrechenden Dualismen von Eigen/Fremd resp. Wir/die Anderen , noch weiter dekonstruieren ließe), die sich im steten Werden und neuen Aushandeln befindet.

Wir indes leben heute weiterhin mehr in ˗ auch das führt uns Star Trek Discovery erneut sehr schön vor Augen ˗ dem düsteren Paralleluniversum, gestaltet gemäß des Jung'schen Schatten unseres Selbst', wo penetrativ und unterwerfend Imperator(in) Philippa Georgieu gnadenlos herrscht und jeder fremden Kultur feindlich gegenübersteht.

Wollen wir im föderativen Raum der verschiedensten Planeten oder im totalitären Imperium der aggressiven Penetrationen leben? Wie wollen wir begehren, penetrieren und koitieren: Vergewaltigend oder im beid-(resp. mehr-)seitigem Einverständnis? Wie wollen wir unserer technologischen Neugier und unserem Drang nach Grenzüberschreitungen nachgehen (metaphorisch und innerhalb unseres Sonnensystems)?
Und welche Metaphern wollen wir für Körper, Organismus, Physiologie, Immunologie verwenden? Schon die dem Antisemitismus zugrunde liegende Metapher vom Körper, der eine Penetration oder Infektion erleidet, ist eine bloße Narration:

Die Feministin und promovierte Biologin Donna Haraway hat anhand der Arbeiten des Immunologen und Nobelpreisträgers Niels Jerne ausführlich darauf hingewiesen, dass anstatt der Bilder von kriegerischen Viren und Bakterien, anstelle des Bildes von einer Invasion der Krankheitserreger, sich das Immunsystem auch als selbstregulatives Netzwerk verstehen lässt: „In gewisser Hinsicht [gibt] es gar keine äußere Antigenstrukturen und keinen ‘Eindringling’, den das Immunsystem nicht bereits ‘gesehen’ und intern gespiegelt hätte. Das ‘Selbst’ und das ‘Andere’ verlieren die Qualität eines rationalistischen Gegensatzes und werden zu einem subtilen Spiel von partiell gespiegelten Leseweisen und Antworten.“ [9]

Durch Zeit, Raum und Fiktionen ˗ vom antiken vulkanischen Denker Surak, über die frühneuzeitliche Imperialistin Isabella von Kastillien, über leidvolle eurozentrische Kolonialgeschichte, bis zu der Zukunft der Föderation der Planeten; vom mikroskopischen Bereich der Immunzellen bis zum makroskopischen Bereich des vierten Planeten unseres Sonnensystems ˗ ist es so eine Frage der Ausrichtung unseres Verstehens, Visualisierens und Visionierens : Aggression oder Kooperation?
Unsere Vision entscheiet zudem darob, welches Bild die Frau von sich formt ˗ ich wette darum, dass es nicht auschließlich jenes der Femme fatale
(ob in Gestalt einer ruchlosen 'Merkelnutte', einer fanatischen Isabella, einer sadistischen Klingonin oder einer eiskalten Parallelwelt- Imperatorin) sein wird.

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[1] Vgl. https://taz.de/!5481298/.

[2]Vgl. weiterführend: Roland Wagner, ‘„Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten“. Ästhetiken, Ideologien und Lesarten von Konzeptionen des Übermenschlichen: Friedrich Nietzsche, Karl May und Sascha Schneider – das deutsche Fin de siècle & darüber hinaus’ , Norderstedt 2015, S. 283ff.

[3] Vgl. http://www.belltower.news/artikel/junge-alternative-bedroht-15-j%C3%A4hrige-sch%C3%BClerinnen-13325.

[4] Vgl. http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/spacex-elon-musk-startet-falcon-heavy-mit-tesla-erfolgreich-a-1192150.html.

[5] Zit. nach: Thomas Pynchon, ‘Die Enden der Parabel. Gravity’s Rainbow’, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 523f.

[6] Zit. nach: ebd., S. 496f.

[7] Zit. nach: https://www.facebook.com/heinzmichael.vilsmeier/posts/1587000894715329.

[8] http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/stephen-hawking-gibt-menschheit-noch-100-jahre-auf-der-erde-a-1146451.html.

[9] Zit. nach: Donna Haraway, ‘Die Biopolitik postmoderner Körper. Konstitution des Selbst im Diskurs des Immunsystems’, S. 160-199; in:dieselb., ‘Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen’, Frankfurt am Main/New York 1995, S. 183.

20:42 13.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dr. Roland Wagner

... studierte Kunstgeschichte und Germanistik & promovierte mit einer interdisziplinären Schrift zum "Übermensch"-Phänomen um 1900.
Dr. Roland Wagner

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