Es geht nicht um Martin Schulz

Heldendämmerung Das Schauspiel, welches uns Martin Schulz dargeboten hat, ist ein lächerliches Stück. Dabei ist der lächerliche „Held“ nur ein Symptom
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Es geht nicht um Martin Schulz
Wo lachen sie denn?

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Das Schauspiel, welches uns Martin Schulz in den letzten Tagen, Wochen, Monaten dargeboten hat, ist nun schon lange kein tragisches Stück mehr, auch kein tragikomisches, sondern schlicht ein lächerliches Stück.

Konnte die Zuschauerin sich vielleicht anfangs noch mit dem „Held“ des Stückes anfreunden, weil er sich als realistisch-gebrochener Held inszenierte (überwundener Fehltritt in der Jugend, „selbst hochgearbeitet“, vermeintlich auf Augenhöhe mit der Bürgerin), so scheiterte er schon bald, und zwar in Serie: trotz „Held“ mehrere verlorene Landtagswahlen für die SPD, eminentes Sinken der Umfragewerte, historisch versiebtes Wahlergebnis bei der Bundestagswahl, das erste gebrochene Versprechen (keine GroKo), der müde Auftritt beim Bundesparteitag, die fehlende Überzeugungskraft gegenüber der Mitglieder, das zweite gebrochene Versprechen (kein eigenes Ministeramt), das verzweifelte Festhalten an der Macht, das letzte Widerrufen von gerade erst gefassten neuen Pläne. Nicht einmal als Posse wäre diese nimmer endende Sinnfreiheit eines Scharlatans auf Bühnenbrettern zu ertragen. Freilich: Immer wieder blitzen dabei auch tragische Aspekte auf, die den Helden an seiner selbstgewählten Rollen-Identität scheitern lassen.

Dabei ist der lächerliche „Held“ nur ein Symptom, wenn man ihn im Kontext betrachtet. Die Süddeutsche Zeitung näher sich dieser Perspektive an, wenn sie schreibt: In der Psychiatrie unterscheidet man bei Patienten die Neigung zur Selbstgefährdung und zur Fremdgefährdung. Auf die SPD in ihrem jetzigen Zustand treffen beide Diagnosen zu: Sie ist nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern auch für andere. Sie beschädigt das Vertrauen der Bürger in die demokratischen Parteien.“ [1] Auch der Focus kommt in Reichweite des wunden Punktes, und zwar mit dem Titel: „Wie Schulz, Gabriel und auch Merkel ein Beispiel für die Kälte der Macht lieferten“ [2]

Ebenso erfolgen eine Annäherung an das eigentliche Problem mit dem vielzitierten Tweet der ehemalige Juso-Chefin Johanna Uekermann: „Sagt bescheid, wenn dieser Männerzirkus vorbei ist. Ich hab's satt. #ausGründen" [3], und durch den Facebook-Post Andrea Ypsilantis: „ „Die SPD hat ein eklatantes Führungsproblem“, schreibt die FAZ heute in einem Kommentar auf der Titelseite. Nein! Die SPD hat ein eklatantes inhaltliches Problem. Sie hat es versäumt, in der großen Koalition in ihrer Mitgliedschaft und darüber hinaus einen Diskurs zu beginnen, wie wir zu einer gerechten und solidarischen Gesellschaft kommen. [...]“ [4]

An allen Kommentaren wird deutlich, dass es wirklich nur peripher um Martin Schulz geht. Dessen Kasperletheater der letzten 13 Monate ist nicht nur Ausdruck einer Partei-Krise, sondern einer strukturellen Krise von Partei(en) und Gesellschaft, genauer gesagt, eine Krise von deren patriarchalen Struktur und deren Macht-Verständnis.
Konsequenterweise drückt sich das anhand einer Partei aus, die von den Mentalitäten der alten, weißen, heterosexuellen, deutschen Männer geprägt ist,
z.B. durch deren Mythos des Arbeitsethos’ in Nachfolge der dito alten, weißen, heterosexuellen, deutschen Männer Luther & Marx (Man(n) muss Arbeit haben, Man(n) muss etwas leisten, Man(n) muss ich hocharbeiten usw.).

Konsequenterweise drückt sich das auch anhand eines alten, weißen, heterosexuellen, deutschen Mannesaus (resp. anhand dessen gewählter Rollen-Identität als alter, weißer, heterosexueller, deutscher Mann), der sich selbst in den Mythos einschreibt (siehe oben: „selbst hochgearbeitet“), in seinem Wahlkampf bis zur Unerträglichkeit den patriarchalen Arbeitsethos’ reproduzierte (vom bald vergessenen „Arbeitslosengeld Q“ (Q für Qualifizierung), über das Herumtingeln in Betrieben (statt sich von digitalen und/oder arbeitslosen Nomaden inspirieren zu lassen), bis zur Forderung einer allgemeinen Vollbeschäftigung) und diesen letztlich auch im Koalitionsvertrag verankerte. So problematisch dieser Ethos in seiner kapitalistischen (resp. marxistisch reproduzierten) Imperativität schon immer war, um so irrwitziger ist er im 21. Jahrhundert, wo

1.) „Arbeit“ im neoliberalen Sinne keine Männerdomäne mehr ist, sondern Arbeit, gemäß negativem Frauenbild der patriarchaler Perspektive & Realität, „feminisiert“ wurde: nicht dauerhaft, unbeständig, aushilfsweise, austauschbar, prekarisiert. Eben so, wie Frauen-Beschäftigungen in patriarchalen Gesellschaften nun einmal stets definiert wurden; und Jede*r muss sich in der heutigen Arbeitswelt (noch) darin einpassen. [5]

2.) die Digitalisierung & Robotisierung den Menschen in festen, beständigen Arbeitsverhältnissen auf geniale Weise ablöst, immer weiter ablösen wird und die Idee der „Vollbeschäftigung“ damit einem vergangenen Jahrhundert angehört. Im Unterschied zu vorigen Technologie-Schüben zeichnet sich heute doch ein Technologie-Level ab, das entweder gar keine Humanressourcen benötigt oder nur wenige Subjekte auf ebenso hohem Level. [6]

3.) die tatsächliche Frage dieses und der kommenden Jahrzehnte sein wird, wie eine Bevölkerung angesichts eines notwendigerweise obsolet gewordenen Arbeitsethos’ (Denn warum weiter einen „Arbeitslosen“ mit der Ideologie des Arbeiten-Müssens narren? Reicht es nicht, das heutige arbeitslose Männer am eingeimpften Ethos zerbrechen?) und einer unrealistisch gewordenen Lohnabhängigkeit versorgt werden soll.
Schon heute dominiert die „überschüssige Bevölkerung“ (Begriff nach Marx) bei weitem die aktiv im Kapitalismus Arbeitenden, sei es in Form des kapitalistischen Arbeitslosen (sozialstaatliche Leistungen), des nichtkapitalistischen Überschusses (Arbeiter*innen in Subsistenzwirtschaften der Entwicklungsländern, machen dort (je nach Land) 30-80% der Arbeitenden aus), der protoproletarischen Bevölkerung (vom Kleinbauern bis zu Honorarkräften), der inaktiven Schicht (Entmutigte, Invalide, Studierende etc.). [7] Auch ist global gesehen die Arbeitslosenrate nach der Krise 2008 gestiegen, das Entstehen neuer Arbeitsplätze wurde ausgebremst, stattdessen die bekannten Phänomene: Teilzeitjobs, Prekarisierung der Arbeit, Werkverträge, „flexible Beschäftigung“, niedrigere Bezahlung, weniger Schutz, größere Unsicherheit. [8]


Eine Sozialdemokratie (ja, ja, der Groko-Vertrag versucht einige Millimeter an der Problemlage zu schrauben und verwendet auch fleißig das Wort "Digitalisierung", geschenkt!), die in dieser Situation lediglich ihre patriarchalen Strukturen, ihr „So ist Politik halt!“ (nämlich jenseits der Polis und allein auf die Machtfrage fixiert) und ihr männlich-sozialdemokratisches Gründungscredo der Vollbeschäftigungssforderung reproduziert (auch letzteres war in 19. Jahrhundert & frühem 20. Jahrhundert durchaus sinnig [9]), ist gesellschaftlich schlicht irrelevant.
Denn heute gilt: „Führende Unternehmen in Wachstumssegmenten ˗ etwa Facebook, Twitter oder Instagramm ˗ schaffen einfach nicht in einem Ausmaß Jobs, wie das einst Ford oder General Motors taten. Die sogenannten Zukunftsbranchen in den USA beschäftigen nur rund 0,5 Prozent der Erwerbsbevölkerung ˗ wohl kaum eine inspirierende Bilanz, wenn es um neue Arbeitsplätze geht. [...] Die alte sozialdemokratische Politik, auf Beschäftigung in neuen Branchen zu setzen, gerät angesichts solcher neuen Unternehmen mit geringer Arbeitsintensität und eines nur stockenden Wirtschaftswachstums ins Wanken. [...] wenn man bedenkt, dass selbst auf dem Höhepunkt der sozialdemokratischen Ära Frauen praktisch von Lohnarbeit ausgeschlossen waren, ist die Frage berechtigt, ob Vollbeschäftigung jemals möglich war.“ [10]


Die Versuche männlichen Arbeitsethos und patriarchales Macht-Verständnis dennoch immer weiter zu verfolgen sind angesichts von neu strukturiertem Arbeitsmarkt, von heute mehr als 50% Frauen als Arbeitsnehmerinnen, morgen mehr als 50% Roboter*innen als Arbeitsnehmer*innen und nicht zuletzt der gesellschaftspolitische Sehnsucht auch einmal feministische, queere oder vielleicht androide (Anti-)Macht-Begriffe auszuprobieren, wirklich lächerlich und närrisch wie ein an der Macht klammernder Martin Schulz (eine Angela Merkel) oder die verzweifelten rechtspopulistischen Versuche, den alten, weißen, heterosexuellen, euro-amerikanischen Mann noch ein letztes Mal als Ausdruck der patriarchalen Macht zu inszenieren, beispielsweise in den grotesken Personifzierungen eines Donald Trump oder eines „Heimatministers“ Seehofer.

Es ist zu bezweifeln, dass die SPD ˗ von jeher (trotz Forderungen nach Emanzipation oder Frauenwahlrecht) ein Produkt der patriarchalen Struktur ˗ die tatsächlich zukunftsnotwendige „Erneuerung“ zustande bringt. Solange Medien, Öffentlichkeit und Mitgliedschaft wiederum nach altem Muster Helden und Messiasse ausrufen/suchen, wird das mit Sicherheit nicht geschehen, selbst wenn die neuen Held*innen jünger oder weiblicher sind als die alten Idole.

Es ist freilich ebenso zu bezweifeln, dass unsere Gesellschaft zeitnah eine zukunftsnotwendige „Erneuerung“ zustande bringt ˗ es kriselt ja in den meisten Parteien ˗, aber das wird auf einem anderen Blatt stehen, auf welchem noch zu schreiben ist.

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Literaturtipps:

- Donna Haraway, „Monströse Versprechen. Die Gender- und Technologie-Essays“, Hamburg 2017.

- Donna Haraway, „Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen“, Frankfurt/New York 1995.

- Nick Srnicek und Alex Williams „Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit“, Berlin 2016.

- Ute Steub, „Heldendämmerung: Die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist“, München 2010.

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[1] Zit. nach: http://www.sueddeutsche.de/politik/rueckzug-von-martin-schulz-die-spd-beschaedigt-das-vertrauen-der-buerger-in-parteien-1.3861976.

[2] Zit. nach: https://www.focus.de/politik/deutschland/fietz-am-freitag/fietz-am-freitag-wie-schulz-gabriel-und-auch-merkel-ein-beispiel-fuer-die-kaelte-der-macht-lieferten_id_8446624.html.

[3]Zit. nach: https://twitter.com/j_uekermann/status/961933984438669313.

[4]Zit. nach: https://www.facebook.com/andrea.ypsilanti.3/posts/1056712597803445.

[5] Vgl. weiterführend den Abschnitt „Haushaltsökonomie“ in Donna Haraways „Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften’, S- 33-72.; in: Donna Haraway, „Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen“, Frankfurt/New York 1995, S. 54ff.

[6] Vgl. Nick Srnicek und Alex Williams „Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit“, Berlin 2016, S. 146.

[7] Vgl. ebd., S. 148ff.

[8] Vgl. ebd., S. 152f.

[9] Vgl. ebd., S. 162.

[10] Zit. nach: ebd., S. 165.

15:25 10.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dr. Roland Wagner

... studierte Kunstgeschichte und Germanistik & promovierte mit einer interdisziplinären Schrift zum "Übermensch"-Phänomen um 1900.
Dr. Roland Wagner

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